Auf der Kunstmesse von Hongkong; Galeristen und Sammler aus New York stehen zusammen und schwärmen vom „Gallery Weekend“, das seit einigen Jahren im Berliner Frühling stattfindet. Ein Sammler sagt zum anderen, die Kunst sei zwar zu brav gewesen, aber das Event lohne sich wirklich, endlich müsse man sich nicht mehr durch die hässlichen Messehallen schieben, sondern könne Kunst dort sehen, wo sie hingehöre. Außerdem sei er den vollgepackten Messekalender so leid. Erstaunen beim anderen: brav? Hast du denn alle Teilnehmer gesehen und die kleineren Galerien auch? Der Sammler muss zugeben, dass er nicht einmal die fünfzig Galerien besucht hat, die zum „Gallery Weekend“ gehören; es hätte ja parallel auch noch die Berlin Biennale stattgefunden.
Was bedeutet dieses belauschte Gespräch? Seitdem die einzige ernstzunehmende Kunstmesse von Berlin, das Art Forum, im vergangenen Jahr kurzfristig abgesagt wurde, weil eine endgültige Fusion mit der Kunstverkaufsschau „abc“ scheiterte, herrscht ungute Stimmung in der Stadt. Der Galerieverband stellt in einer Erhebung sogar die Verbindung her zwischen Umsatzeinbrüchen von bis zu vierzig Prozent und der Absage der Messe. Die neuste Nachricht nun, dass eine Kunstwoche wie die „Berlin Fashion Week“ das Art Forum vom 11. bis zum 16. September endgültig beerben soll, klingt ambitiös, ist aber vielversprechend nur für wenige große Namen. Wie soll eine zweite Veranstaltung à la Gallery Weekend mit parallel laufendem Kulturprogramm in den Museen und Institutionen die Messe ersetzen und die Kunden nach Berlin bringen?
Überbordender Kunstwust
Zu den Gründern der „Berlin Art Week“ gehören auch die Neue Nationalgalerie und die „Kunstwerke“ in Mitte. Für sie lohnt sich die Teilnahme schon wegen der finanziellen Unterstützung durch die Stadt: „Der Senat für Wirtschaft will das Projekt mit 250 000 Euro fördern, aus dem Kulturhaushalt kommen 500 000 Euro.“ Das ist erfreulich und natürlich auch eine indirekte Unterstützung der Galerien. Von Seiten des Kunstmarkts beteiligt sich bisher neben der „abc“ auch die zeitgenössische Kunstmesse „Preview Art Fair“, die vom 13. bis zum 16. September und unter der Leitung von Kristian Jarmuschek stattfindet.
Doch die Preview hat in diesem überbordenden Kunstangebot nicht das Zeug zu wirklicher Bedeutung - oder gar zum Ersatz für das Art Forum. Warum? Als das Art Forum mit der „abc“ zum ersten Mal fusionierte, wurde schon angemahnt, dass ein zweites lokales Event für Berlin, neben dem Gallery Weekend im Frühjahr, auf Dauer nicht zu halten sei. Was aber wird nun angesichts dieses überbordenden Kunstwusts? Für die Galerien der Stadt jedenfalls kann all das keine langfristige Lösung sein. Die letzten Skeptiker werden nun auch über eine Teilnahme an der Art Cologne nachdenken. Die Berliner Stadtverwaltung erfreut sich derweil am Begriffszauber und nennt das hoffnungsvoll: „Plattformstrategie“.