31.10.2006 · Der globalisierte Kunstmarkt ist über die Grenzen des alten Europa, Amerikas und Japans weit hinausgetreten. Geld diktiert die Spielregeln des brodelnden Marktes - so werden auch Unsummen für Gegenstände ausgegeben, die bestenfalls pure Dekorationen sind.
Von Rose-Maria GroppWenn vom 7. November an in New York die alljährlichen Prestigeauktionen mit Impressionismus und Klassischer Moderne und gleich darauf folgend mit Gegenwartskunst abgehalten werden, ist - wieder einmal und inzwischen schon üblich - eine neue Dimension der Superlative erreicht: Allein für die zwei Abendveranstaltungen mit moderner Kunst in den beiden marktbeherrschenden Häusern liegt die untere Gesamtschätzung bei mehr als einer halben Milliarde Dollar. Bilder sind darunter, in denen Geschichte aufgehoben ist - Kirchners Berliner Straßenszene oder die vier Klimt-Gemälde aus Wien -, deren weiteres Schicksal erst ausgemacht sein wird, wenn der Meistbietende den Zuschlag erhält. Was wird mit ihnen dann?
Das Geld diktiert die Spielregeln. Das gilt - sogar vornehmlich - deshalb, weil auch alles, was „Kunst“ heißt, derzeit in eine Art von Zwei-Klassen-Gesellschaft zu zerfallen scheint: Auf der einen Seite stehen immerhin wahre Werke der Kunst im brodelnden Markt - einzigartige neben guten und vielleicht manchen wenig überzeugenden. Sie werden nach Maßgabe des Kapitals neu verteilt, wohin, ist längst nicht mehr verläßlich vorherzusagen: Denn der globalisierte Kunstmarkt ist über die Grenzen des alten Europa, Amerikas und Japans weit hinausgetreten.
„Hirnloses“ Kaufen
Auf der anderen Seite dagegen hat sich ein Brei zusammengebraut, der zäh und unerschöpflich in den Markt fließt und dessen Zutaten eigentlich bestenfalls in der Kategorie Dekoration oder Wohndesign firmieren dürften. Doch auch für diese Elaborate steht jede Menge Geld bereit - von keinerlei Kenntnis getrübtes zwar, aber in wahrem Sportsgeist der Herde eng auf den Fersen.
„Mindless buying, you understand?“ - hirnloses Kaufen nannte das vor einigen Tagen im Gespräch einer der bedeutendsten Sammler von Meisterzeichnungen überhaupt, der in New York lebt und selbst Leihgeber ist für die derzeitige - brillant gegen den Trend gesetzte - Ausstellung „Picasso und das Theater“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Das geistfreie Shopping findet im Hochpreis-Segment so gut statt wie im Niedrigkunst-Bereich. In diesem „Kunstmarkt Extra“ betrachten wir einige internationale Phänomene, die mit dem Schlimmsten rechnen lassen oder auch zu den schönsten Hoffnungen berechtigen.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
Jüngste Beiträge