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Kunstkauf für den Bildschirm Alles nur digital!

18.11.2011 ·  Es gibt ein neues Spielzeug im weltweiten Feld des Markts: „s(edition)“ vertreibt über Facebook nur virtuelle Kunst, Ausdrucken und Aufhängen unmöglich. Ob das gut geht?

Von Swantje Karich
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Sie wollen eine „Welle“ sein, eine globale, die nun über Milliarden von Facebook-Menschen hereinschwappen soll, mehr als eine Milliarde Nutzer sind es mittlerweile. Die Kunstmarktgemeinschaft benutzt die Plattform schon eine ganze Weile eifrig zur Vernetzung, zum Austausch von Jetset-Eitelkeiten. Aber Umsatz wird dort noch nicht gemacht. Zuletzt scheiterte eine Kunstmesse im Web 2.0 an der Serverkapazität; das ganze Ständegebäude mit durchaus anklickenswerten Galerien brach wegen Überlastung zusammen. Jetzt überspringen Unternehmer diese Versuche aus realen und digitalen Zwitterwesen und starten das Projekt „s(edition)“: Es zieht sich gänzlich ins Virtuelle zurück. Auch die Kunst existiert nur auf dem Bildschirm. Das bedeutet: Ausdrucken und aufhängen geht nicht mehr. Nur auf dem Handy, iPad, Fernseher werden in der Sammler-Wohnung diese bewegten Bilder aufscheinen.

Bislang war David Hockney einer der wenigen, der seine Kunst nicht nur spaßeshalber auf seinem Ipad malt. Doch der Kunstgenuss blieb auf der Strecke. Das haptische Erlebnis fehlte, das Spürbare an der Kunst, das, was sie eigentlich ausmacht. Ihr Wesen. Harry Blain, Gründer von Haunch of Venison und seit April 2011 mit Blain/Southern im ehemaligen Tagesspiegel-Gebäude auf der Potsdamer Straße in Berlin zu Hause, und Robert Norton, ehemaliger Geschäftsführer von Saatchi Online, sind überzeugt, dass das Kunsterlebnis durch die neuen grafischen Techniken auch auf dem Bildschirm seine Wirkung entfalten kann. s(edition) funktioniert wie Facebook.

Erklärungen der „neuen Familie“

Man legt ein Profil an, „folgt“ den Künstlern und kann über einen Warenkorb die Kunst kaufen. Jede Edition ist numeriert und bekommt ein vom Künstler signiertes Zertifikat. So weit, so gut: Der Kunsthändler liebt die Vorstellung, ohne Material- und Transportkosten Geld zu verdienen. Doch welche Künstler machen da mit? Es sind der Foto-Narziss Mat Collishaw, der Alltagsding-Besessene Michael Craig-Martin, die Ich-bin-wichtig-Künstlerin Tracey Emin, der ehemalige Straßenkämpfer Shepard Fairey, der Kunstmarktbespiegler Damien Hirst, Filmmann Isaac Julien, die Neonleuchten Tim Noble & Sue Webster, Langsamfilmer Bill Viola und Wim Wenders. Alle haben mit Medien zu tun, die keinen weiten Weg haben ins Netz.

Sehr brav erklärt diese neue Familie auf der Plattform, warum sie mitmachen. Tracey Emin wird pathetisch: „Hier wird pure Kunst wieder erreichbar.“ Sue Webster sagt: „Heutzutage scheint jeder ein iPhone oder einen Blackberry zu haben, und die Menschen mögen es, Bilder miteinander zu teilen. Dort verbreitet sich Information schneller als eine Krankheit. Und da finde ich, statt einer Krankheit sollten sich doch lieber einige unserer Bilder für ein breites Publikum ausbreiten, denn ich glaube, das schult die Menschen darin, Kunst zu betrachten.“ Aha. Schauen wir lieber die Kunst an: Hirsts drehender Diamantenschädel „Play For Heaven’s Sake“ ist nicht für sechs erschwingliche Dollar, wie versprochen, sondern für sechshundert zu haben.

Violas Ausschnitt von „Illumination“ kostet 150 Euro. „Electric Fountain“ von Tim Noble & Sue Webster ist schon eher erreichbar mit sechzig Euro - doch die Auflage liegt auch bei 10.000. Wie stets in diesen möchtegern-historischen Momenten fallen Worte wie „Revolution“ oder „zum ersten Mal überhaupt“. Die kleinen Filmchen sind hübsch, die Plattform ansprechend designt. Doch s(edition) droht ein ähnliches Schicksal wie vielen Innovationen auf Facebook, mit dem die Kunstkaufplattform unmittelbar vernetzt ist: Es wird erst ein nettes Spielzeug sein. Kurz en vogue, dann aber wird die Welle von der nächsten Welle einfach überschwappt. Und im großen Meer vergessen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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