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Gerümpel für eine Million Euro Der Philosoph und die Trödlerin

24.01.2009 ·  Manuskripte des Philosophen Emil Cioran blieben nach seinem Tod lange unentdeckt. Erst eine Pariser Trödlerin fand die wertvollen Schriften, musste sich den Besitz aber zunächst vor Gericht erstreiten.

Von Angelika Heinick, Paris
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„Die Langeweile war die Plage meines Lebens, mein unzertrennlicher, brüderlicher und mörderischer Feind. Ich könnte zur Langeweile beten!“ Oder auch: „Wer nicht jung gestorben ist, wird es früher oder später bereuen.“ Diese und viele andere Aphorismen des habituellen Pessimisten und Misanthropen Emil Cioran (1911 bis 1995) wären der Menschheit vielleicht für immer verlorengegangen, wenn die Trödlerin Simone Baulez nach seinem Tod und dem seiner Lebensgefährtin Simone Boué nicht beherzt den Keller von Ciorans Pariser Wohnung entrümpelt hätte.

Hinter Rohren versteckt fand sie dort 37 Spiralhefte der Schreibwarenhandlung Gibert, allesamt mit blauer und roter Tinte beschrieben und mit zahlreichen Korrekturen versehen. Zunächst war Simone Baulez unbekannt, dass Emil Cioran in der Wohnung gelebt hatte, die sie entrümpeln sollte; erst ein Krug mit der Aufschrift „Cioran und Simone“ machte sie - die offenbar der Bedeutung des Philosophen und Aphoristikers kundig war - auf den möglichen Wert der Manuskripte aufmerksam.

Versteigerung gestoppt

Ein befreundeter Pariser Auktionator, Vincent Wapler, bot ihr an, die Hefte im Dezember 2005 im Hôtel Drouot zu versteigern: Mit einem Schätzwert von 150.000 Euro waren sie neben einem Manuskript von Louis-Ferdinand Céline das teuerste Los der Auktion. Neben fünf Fassungen von einem der Hauptwerke Ciorans - „Vom Nachteil, geboren zu sein: Gedanken und Aphorismen“ aus dem Jahr 1973 - und Notizen zu Schriften wie „Gevierteilt“ von 1979 barg der Fund vor allem achtzehn Hefte mit Tagebuchnotizen der Jahre 1972 bis 1980.

Doch es kam nicht zur Versteigerung; am Tag davor hatte die der Pariser Universität zugehörige Bibliothek Jacques Doucet vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, um sie zu verhindern: Simone Baulez habe keinen Anspruch auf die Manuskripte. Denn wenige Monate vor dem Tod Ciorans im Juni 1995 hatte Simone Boué in einem Brief an die Bibliothek Jacques Doucet die Schenkung der „gesamten veröffentlichten und unveröffentlichten, auf Französisch und auf Rumänisch verfassten Manuskripte“ angekündigt; sie erfolgte kurz nach dem Tod des rumänischen Philosophen.

Im Keller suchte der Direktor nicht

Als Simone Boué im Herbst 1997 ebenfalls starb, wurde ein notarielles Inventar der Zweizimmerwohnung in der Rue de l'Odéon erstellt. Darin wird kein Manuskript erwähnt, und auch der Direktor der Bibliothek Jacques Doucet hatte nach dreitägiger Suche keine weiteren Autographen gefunden; in den Keller, dessen Inhalt das Inventar mit „Gerümpel, der Beschreibung nicht wert“, abtat, ging er nicht. Im Frühjahr 1998 dann erhielt eben Simone Baulez vom Bruder und Universalerben der Witwe Ciorans den Auftrag, Wohnung und Keller zu entrümpeln.

Weil die Trödlerin nach der abgesagten Auktion ihrerseits um den unvermuteten Schatz kämpfte, bekam sie nun, drei Jahre danach, vom Großen Pariser Zivilgericht recht: Die Bibliothek Jacques Doucet habe keinen Anspruch auf die Hefte, da sie im Testament nicht erwähnt seien, und Simone Baulez könne darüber „frei verfügen“.

Der Schätzwert des Konvoluts ist inzwischen auf eine Million Euro gestiegen; das rumänische Kulturministerium soll bereits Interesse an den Aufzeichnungen angemeldet haben. Ob Cioran selbst diese Wendung goutiert hätte? Immerhin wusste er, dass es immer noch schlimmer kommen kann: „Vom Nachteil, geboren zu sein“, so hat er nicht ohne Ironie in eines der Hefte notiert, habe eigentlich heißen sollen „Manuel du cafardeux“ - Handbuch für den Trübsinnigen.

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