13.12.2005 · Während man bei uns über die ungenierte Mesalliance von „Kunst und Kohle“ reflexhaft die Nase rümpft, hat die Art Basel Miami Beach in diesem Jahr aufs neue gezeigt, daß sich sich Kunst und Lebenslust nicht ausschließen müssen.
Von Sandra KegelNie war die aktuelle Kunst so lebendig wie heute. Das wurde auch jetzt auf der wichtigsten amerikanischen Messe für Gegenwartskunst, der Art Basel Miami Beach und auf ihren vielen Satelliten, deutlich, nicht zuletzt mit den Arbeiten der Deutschen Neo Rauch, Thomas Zipp oder Christian Hellmich, Amerikanern wie Javier Piñón mit seinen witzigen Cowboy-Collagen, dem Engländer Matt Bryans mit seinen ausradierten Zeitungsausschnitten, den Neon-Installationen Justin Lowes oder einem skurrilen Video-Werk von Sam Taylor Wood über die Vergänglichkeit des Seins.
Die Messe wurde in der Vergangenheit bisweilen als seicht kritisiert - vielleicht, weil sie als einzige den „Beach“ im Namen führt. In diesem Jahr aber bebte sie vor Virilität und Qualität. Aufgeregt wie Bienen schwirrten Besucher aus der ganzen Welt durch das kubistische Kojengeflecht des Convention Center, dessen Hallen alles andere als heilig waren. Passion und Profit standen sich hier in nichts nach. Es ging um die Liebe zur Kunst, ihren - freilich immer nur temporären - pekuniären Wert und zugleich darum, bei alldem Spaß zu haben.
Daß sich Kunst und Lebenslust nicht ausschließen müssen, ist eine Erkenntnis, die uns die Art Basel Miami Beach aufs neue lehrt. Da richteten Verleger und Galeristen in den Pool-Landschaften der Luxushotels von Miami Beach extatische Feste aus, und die Milliardäre der Stadt, die Rubells, de la Cruz' und Margulies', öffneten freizügig den Fremden ihre kunstbehängten Gemächer.
Warum aber rümpft man bei uns über diese ungenierte Mesalliance von „Kunst und Kohle“ reflexhaft die Nase, geradeso, als könnten ein paar Partys den heiligen Gral der Kunst entweihen. Muß man nicht vielmehr die ABMB mit Veranstaltungen wie den Salzburger Festspielen oder dem Filmfestival von Cannes vergleichen, wo auch reichlich Glamour und Glitter geboten werden und dennoch exzellentes Theater und Kino im Zentrum stehen. Wer die in Miami gebotene Swarowski-Ware für Kunst hält, ist selbst schuld.
Hierzulande aber will man aus den Klängen des rauschenden Fests von jenseits des Atlantiks am liebsten den Moll-Ton des Untergangs heraushören und erklärt das wilde Treiben am Ocean Boulevard zu einem Tanz auf dem Vulkan, dem zwangsläufig der große Crash folgen müsse, ähnlich dem der späten achtziger Jahre, als mit den Aktienmärkten auch der Markt für zeitgenössische Kunst implodierte.
Natürlich kam es in Miami bei nahezu zweitausend vertretenen Künstlern zu artistischen Fehlgriffen - etwa den Fäkalien-Skulpturen des Turner-Preisträgers Chris Ofili. Und es durchlebt der Markt momentan einen Höhenflug, der auch der Messe ihren sagenhaften Erfolg bescherte. Am Ende waren nahezu alle Stände leergekauft, die Händler berichten von Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr von bis zu vierzig Prozent - wobei der Boom zu dem einen oder anderen Ausrutscher nach oben geführt hat, was der Korrektur bedarf.
Das betrifft vor allem jene Künstler, deren Werke schon verkauft sind, noch bevor überhaupt ein Tropfen Farbe die Leinwand berührt. Indizien für einen drohenden Untergang sind das noch nicht. Mit den späten achtziger Jahren, als Skandinavier und Japaner Kunst über Kredite finanzierten, also mit künstlichem Geld, ist die heutige Situation nicht zu vergleichen. Das Geld von Miami ist echt. Auch das Interesse für die zeitgenössische Kunst scheint meist ungekünstelt. Und soviel ist sicher: Man kann mit viel Geld durchaus größeren Schaden anrichten.