26.08.2006 · Was macht ausgerechnet Baudrillard, der der Kunst genauso einen Totenschein ausgestellt hat wie dem Handel, auf der Frieze Art Fair in London?
Von Andreas Platthaus„Was von jetzt an auf dem Gebiet der Kunst passiert, wird niemals mehr die gleiche Bedeutung haben: alles wird irgendwie jenseits des Endes passieren, basierend auf dem Verschwinden der Kunst als solcher.“ Also sprach Jean Baudrillard vor sieben Jahren, und es fällt schwer, seitdem eine grundlegende Änderung der künstlerischen Praxis festzustellen.
Baudrillard ist zudem nicht einer jener Denker, die sich für ihr Geschwätz von gestern nicht mehr zuständig halten - eines seiner schönsten Bücher heißt „Paßwörter“ und faßte 2002 noch einmal ganz knapp die für seine Theorien wichtigsten Begriffe zusammen. Den Auftakt bildeten „Das Objekt“, „Der Wert“, „Der symbolische Tausch“ und „Die Verführung“. Samt und sonders also Bereiche, die geradezu auf den Kunstmarkt zugeschnitten scheinen. Allerdings kam dann auch noch „Der unmögliche Tausch“, eine Konstellation, die Baudrillard an anderer Stelle einmal selbst als „günstige und glückliche Konstellation“ bezeichnet hat.
Vom Ende der Kunst
Was also macht ausgerechnet dieser Mann, der der Kunst genauso einen Totenschein ausgestellt hat wie dem Handel, auf der Frieze Art Fair in London? Am 14. Oktober wird Baudrillard dort ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Sylvère Lotringer über das Thema „Art beyond art“ führen - Kunst jenseits der Kunst. Die Messeleitung posaunt es in Presseerklärungen mit balkendicken Überschriften in die Welt hinaus und jubelt, daß der französische Philosoph noch nie zuvor bei einer Kunstmesse aufgetreten sei: Das dürfte allerdings der einzige Platz auf der ganzen Welt sein, der das von sich behaupten kann.
Was verspricht sich die Frieze von Baudrillard? Soll er die Besucher verschrecken, wenn er etwa seine Meinung zum Bild kundtut? „Diese Sichtbarkeit, diese Zwangstransparenz ist die eigentliche Strategie der Information, das heißt die Fortsetzung einer Null von Information mit allen Mitteln.“ Oder etwas weniger geschraubt: Das Bild ersetzt heutzutage mehr und mehr die Wirklichkeit, und das ist durchaus gewollt so - von den Mächtigen natürlich, denen, die auch genug Geld haben, um auf der Frieze einzukaufen, so daß die sich wiederum das Honorar für die Kunst-Kassandra Baudrillard leisten kann. Doch dieses Geld ist gut investiert; denn Baudrillard steht natürlich auf der Prominentenliste der internationalen Vordenkergemeinschaft. Wen interessierte da, daß die schöne These vom Ende der Kunst schon vor fast zweihundert Jahren einem gewissen Hegel eingefallen ist?
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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