Bei dem Preis von fünfzig Millionen Pfund, den die Nationalgalerie von Schottland derzeit für Tizians Meisterwerk „Diana und Callisto“ aufzutreiben bemüht ist, handelt es sich um einen Sonderpreis für die Institution, die das wunderbare Gemälde seit mehr als sechs Jahrzehnten beherbergt. Der Herzog von Sutherland würde auf dem offenen Kunstmarkt wahrscheinlich einen weit höheren Preis erzielen. Was aber, so fragen wir uns jetzt einmal, haben Tizians Bilder eigentlich vor rund 500 Jahren gekostet - frisch von der Staffelei?
Es ist schon lange bekannt, dass Tiziano Vecellio (um 1488 bis 1576) aus dem Bergdorf Cadore nicht nur einer der besten Künstler der Renaissance war, sondern auch einer der reichsten. Diesen Status verdankte er seiner klugen Politik: Um den Unterhalt für sich und seine Familie auf Dauer zu sichern, suchte er einträgliche Stipendien, weltliche Ämter mit regelmäßigen Einkünften und kirchliche Pfründen für seinen ältesten Sohn Pomponio.
Tizian pflegte Beziehungen zu den wichtigsten Herrscherhäusern seiner Zeit. Die Päpste versuchten, ihn nach Rom zu holen, doch er wahrte seine Unabhängigkeit und verließ Venedig nur ungern und nie dauerhaft. Die Nachricht, dass Kaiser Karl V. den Künstler 1533 in aller Öffentlichkeit umarmte, machte schnell die Runde in der Gerüchteküche von Venedig. Ja, später soll der Habsburger sich sogar dazu herabgelassen haben, ihm den Pinsel aufzuheben. Karl V. erhob ihn zum Pfalzgrafen und Ritter des Ordens vom güldenen Sporn, womit das Recht verbunden war, goldene Sporen und eine goldene Kette zu tragen. Sie ist auf Tizians Berliner Selbstbildnis stolz zur Schau gestellt.
Schon 1517, weniger als ein Jahr nach dem Tod seines Lehrers Giovanni Bellini, hatte Tizian den Posten des offiziellen Staatsmalers der venezianischen Republik angetreten. Neben der Befreiung von der Steuer genoss er dadurch ein jährliches Einkommen von hundert Scudi Gehalt, plus - für jedes Porträt eines neugewählten Dogen - 25 Scudi extra. Leider gibt es keine einfache Umrechnungstabelle für die verschiedenen Währungen, aber ein Gold-Scudo wog im 16. Jahrhundert 5,25 Gramm; jeweils rund 3,5 Gramm wogen ein Dukat, ein Florin oder ein Goldgulden.
Zum Wert der Dukate
Neben den Verpflichtungen für die Serenissima blieb Tizian noch viel Zeit für andere Aufträge: So schuf er zum Beispiel zwischen 1519 und 1526 die fast fünf Meter hohe „Madonna des Hauses Pesaro“, eine höchst einflussreiche Komposition, die nach wie vor in der Frarikirche in Venedig zu bewundern ist. Dafür erhielt er 102 Dukaten, „inclusive sechs Dukaten für den Keilrahmen“. Was konnte Tizian damals von diesem Geld kaufen?
Für einen Dukaten bekam man in einer venezianischen Apotheke der Renaissance fünf Kilo Muskatnüsse. Für den gleichen Preis gab es 300 Gramm Lapislazuli, 25 Kilogramm feines Bleiweiß oder Indigo - oder zehn afrikanische Straußenfedern, die damals als luxuriöse Mode-Accessoires hoch im Kurs standen.
Zweieinhalb Dukaten war der Preis einer Laute mit Koffer, und fünf Dukaten kostete die Monatsmiete eines Ladengeschäfts im Stadtteil Rialto. Hundert Dukaten waren um das Jahr 1520 der Jahresverdienst eines venezianischen Oberkalfaterers, der im Arsenal für das Abdichten der Schiffsrümpfe verantwortlich war; ungefähr ein Viertel davon bekam ein Augsburger Maurergeselle.
Isabella d'Este feilscht
Tizians Ruhm wuchs schnell über die Grenzen Venedigs hinaus und brachte ihm lukrative Aufträge auch aus Urbino, Ferrara und Mantua. Aber nicht alle neuen Kunden waren leicht zu befriedigen: Die große Renaissance-Mäzenin Isabella d'Este hatte sich im Jahr 1523 in den Kopf gesetzt, ein mittlerweile verschollenes Porträt eines gewissen Hieronymus (nicht des Heiligen!) von Tizian zu kaufen und handelte ihn auf hundert Dukaten herunter.
Die Bezahlung sollte wie üblich ein Gesandter in Venedig für sie ausführen. Diesen wies sie allerdings an, er solle doch noch ein bisschen weiterverhandeln: „Ich schicke zwar hiermit hundert Dukaten“, schrieb sie ihm, „aber es wäre mir recht, wenn Ihr den Preis noch um einige Dukaten drücken und Tizian nicht den gesamten Betrag auszahlen würdet.“
Doch damit nicht genug - zwei Wochen, nachdem sie die Zahlung für das Bild angewiesen hatte, ließ Isabella den venezianischen Gesandten wissen, sie habe es sich anders überlegt und verlange ihr Geld zurück. Das, so vertraute der Gesandte einem Freund an, würde jetzt richtig peinlich werden: „Erst lässt sie uns die Verhandlungen mit Tizian führen und muss dieses Bild unbedingt besitzen, und jetzt will sie es doch nicht kaufen. Ich weiß nicht, wie ihr Ruf darunter leiden wird.“
Keine Bezahlung, keine Pfünde
Von Papst Paul III. Farnese erhoffte sich Tizian eine reiche kirchliche Pfründe, die Abtei von San Pietro in Colle, die an ein Landgut des Künstlers grenzte. Sie sollte seinem Sohn Pomponio, für den er schon früh eine kirchliche Laufbahn vorgesehen hatte, zugute kommen. Wenn er nur diese Pfründe bekomme, ließ er den Papst wissen, so werde er die ganze Familie Farnese mit allen Geschwistern und Kindern porträtieren, einschließlich Lieblingskurtisanen, „bis hin zu den Katzen“.
Tizians Schriftstellerfreund Pietro Aretino, auch treffend „Geißel der Fürsten“ genannt, warnte ihn davor, sich auf die vielen Versprechungen der Farnese einzulassen; sie seien berühmt dafür, Hoffnungen zu wecken, die sie nicht erfüllen würden. Und so kam es auch - Tizian schuf verschiedene Meisterwerke für die päpstliche Familie, darunter das zauberhafte Bildnis des jungen Ranuccio Farnese, das heute in der National Gallery in Washington hängt, aber er erhielt weder eine Bezahlung, noch die ersehnte Pfründe für Pomponio.
Nach Jahren wurde ihm in Rom schließlich in einer feierlichen Zeremonie das römische Bürgerreicht verliehen, und der Papst gewährte seinem Sohn eine andere, bescheidenere Pfründe bei Treviso. Zwar brach Tizian den Kontakt mit den Farnese nicht ab, aber er konzentrierte seine künstlerische Aktivität von da an stärker auf die Habsburger, was sich auf Dauer als weitaus lukrativer erwies.
Bares auch für die Magd der Königstocher
Dabei kursierte zunächst ein Gerücht in der Lagunenstadt, nach dem sich das erste Treffen zwischen Tizian und Kaiser Karl V. alles andere als vielversprechend angelassen haben soll: „Hier wird in aller Öffentlichkeit über den extremen Geiz des Kaisers geschimpft“, las Francesco Maria della Rovere, der Herzog von Urbino, in einem Bericht aus Venedig: Federico Gonzaga hatte Tizian 1529 mit nach Parma genommen, um den Kaiser zu porträtieren. Der Kaiser habe ihm bei diesem Treffen „genau einen Dukaten gegeben - dabei gibt er jeder Frau, mit der er eine Nacht verbringt, zwei Dukaten“. Und Federico habe Tizian dann „ehrenhalber“ noch 150 Dukaten dazugeschenkt.
Ob allerdings zu dieser Zeit schon ein erstes Bildnis von Karl V. entstand, ist nicht überliefert. Für das erste nachweislich vollendete Porträt des Kaisers drei Jahre später erhielt der Künstler 500 Scudi, und es folgten viele großzügig bezahlte Meisterwerke. Tizian versorgte auch Karls Sohn, Philipp II. mit großartigen Porträts, religiösen und mythologischen Sujets, darunter eine Danaë: Auf dem Gemälde verwandelt sich Zeus' Goldregen über der eingeschlossenen Königstochter in bare Münze, und eine alte Magd hält gierig ihre Schürze auf, um einen Teil des göttlichen Schauers einzuheimsen.
Gute Gründe für Verspätungen
Im Jahr 1551 erließ der katholische König eine Order, Tizian jährlich 200 Gold-Scudi auszuzahlen, für schon geleistete und noch zu leistende Dienste. Als Gegenleistung für eine lebenslange Pension sollten in regelmäßigen Abständen rund zehn weitere Gemälde nach Spanien geschickt werden. Dabei konnte Tizian von manch einer erfolgreichen Bildfindung gleich mehrfach profitieren; Vasari beschreibt in seinen Künstlerviten eine Begebenheit aus Tizians Atelier: „Für den katholischen König malte er eine heilige Magdalena in halber Figur (bis zur Hüfte).
Ihre Haare sind aufgelöst und fallen ihr über die Schultern, Hals und Brust, während sie Haupt und Blicke unverwandt dem Himmel zukehrt, durch ihre roten Augen Reue und durch ihre Tränen Schmerz über ihre begangenen Sünden kundgibt. Jeder, der dies Bild sieht, fühlt sich dadurch sehr bewegt . . . Als es vollendet war, gefiel es dem venezianischen Edelmann Silvio Badoer so wohl, dass er, als ein großer Verehrer der Kunst, Tizian hundert Scudi gab, damit er es ihm überlasse, und dieser war gezwungen, für den katholischen König ein zweites auszuführen, welches nicht minder schön gelang.“
Wenn Auftraggeber auf Werke warten mussten - und es konnte viele Jahre dauern, bis ein Werk vollendet war -, dann hatte Tizian meist eine gewiefte Begründung parat: Er sei zum Malen gerade zu krank und zu schwach, doch „für seine Heilung sei dringend die Nachricht nötig“, dass er ein gewisses Benefizium erhalte; „das würde ihn wieder aufheitern, denn seine Indisposition liege in seiner melancholischen Stimmung begründet“.
Zum Zeitpunkt seines Todes war er reich und berühmt
Durch sein geschäftstüchtiges Gejammer, so kann man wohl sagen, ist sogar die ganze Kunstgeschichte in Verwirrung geraten. In einem seiner letzten Briefe an Philipp II. im Jahr 1571 klagte Tizian, das Leben sei so beschwerlich für einen 95 Jahre alten Mann. Von dieser Information ausgehend galt lange 1477 als Geburtsjahr des Künstlers, doch mittlerweile gilt das Jahr 1488 oder 1490 als wahrscheinlicher.
Zusammen mit der Pension, die er schon von Karl V. zugesichert bekommen hatte, und seinem Gehalt von der Serenissima konnte er mit einem jährlichen Einkommen rechnen, dass rund doppelt so hoch war wie das der höchstbezahlten Regierungsbeamten der venezianischen Republik - nicht eingerechnet die Zahlungen für anderweitige Aufträge. Als er am 27. August 1576 wohl an der Pest starb, war er reich und berühmt und hatte Kinder und Enkel in nächster Nähe.
Auch für seine Grabstätte hatte er vorgesorgt: Für das Recht, sich in der Frarikirche beerdigen zu lassen, malte er das zutiefst anrührende Bild der Pieta, das heute im Museum der Accademia hängt. Dass Tizian mit seinem Sohn Pomponio nur noch über Anwälte kommunizierte, sein Haus nach seinem Tod geplündert werden sollte und seine Nachkommen einen erbitterten Streit um das Erbe führen würden - dies alles ist eine andere Geschichte.
Tizian war nicht nur der Malerfürst der Renaissance, er war auch ein sehr reicher Mann. Dazu machten ihn sein Geschäftssinn und eine ausgeklügelte Verteilungspolitik. Hier ein paar Einkommensnachweise
Von Lisa Zeitz
Populärer Tizian
Bernd Hoffmann (ARTMaker)
- 16.08.2010, 18:58 Uhr