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Veröffentlicht: 16.08.2013, 16:15 Uhr

Der Diktator aus Latex Immer Ärger mit Franco

Mit seinen politisch aufgeladenen Arbeiten provoziert der spanische Künstler Eugenio Merino: Eine Latexfigur des Diktators Franco hat er in einem Getränkeautomaten kühl gestellt – dafür wurde Merino verklagt.

von Clementine Kügler, Madrid

Dass lebensecht wirkende Latexpuppen für Humor, Satire und Polemik sorgen können, weiß man spätestens seit dem Erfolg der TV-Satireserie „Spitting Image“. Eine Latexfigur, die den spanischen Diktator Franco nachbildet und in Galauniform mit weichen Knien in einen Getränkeautomat verbannt, beschäftigt zurzeit die Gerichte in Spanien, die klären sollen, wo künstlerische Meinungsfreiheit endet und Ehrverletzung beginnt. Der Bildhauer Eugenio Merino hat mit einem zum Zombi verwandelten Fidel Castro, mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, mit Mao oder mit der religionssatirischen Arbeit „Stairway to Heaven“, die einen Rabbiner auf einem katholischen Priester stehend zeigt, der seinerseits auf einem betenden Muslim kniet, zornige Kommentare gefunden, aber auch Zuspruch und Käufer.

Die Franco-Skulptur, die im Jahr 2012 für 30.000 Euro bei der ADN-Galerie aus Barcelona 2012 auf der Madrider Kunstmesse Arco angeboten wurde, versinnbildliche - so der Künstler - nur, dass der Diktator noch immer in aller Köpfe gekühlt konserviert sei: daher auch der Titel „Always Franco“. Die Erklärung hinkt ein wenig, doch der Prozess gegen ihn scheint ihm unfreiwillig recht zu geben. Geklagt hat die Nationale Stiftung Francisco Franco (FNFF), deren Ehrenpräsidentin Francos Tochter ist; die Stiftung verwaltet den Nachlass des durch einen Staatsstreich an die Macht gekommenen Generals. Zu den Aufgaben gehört es laut Statuten, des faschistischen Staatschefs „Leben als Modell für Tugenden, die dem Vaterland dienten, zu preisen“. Ein solch tugendhaftes Modell darf nicht durch den Kakao gezogen werden: Das verletze die Ehre der Stiftung.

Die ist ein gutes Beispiel für den immer noch schwierigen Umgang der Spanier mit ihrer Vergangenheit; erst unter dem sozialistischen Regierungschef Zapatero erhielt die private Stiftung keine öffentlichen Subventionen mehr. Álvarez del Manzano, der Direktor der Messegesellschaft, von der die Arco ausgerichtet wird, und langjähriger Madrider Bürgermeister, hatte es seinerzeit zwar abgelehnt, die Statue vom Stand zu entfernen. Das hätte dann wohl nur für noch mehr Aufmerksamkeit gesorgt, meint er, lässt es in einem Brief an die Stiftung an Mitgefühl für die Ehrverletzung aber nicht fehlen.

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Und Eugenio Merino war in diesem Jahr nicht auf der Arco vertreten, die seiner Meinung nach immer mehr zu einer Schau dekorativer Objekte wird statt für kritische Kunst. Der Vorwurf der Beleidigung und Provokation der Stiftung und die Forderung nach 18.000 Euro Schadensersatz wurden jetzt in erster Instanz zurückgewiesen. Doch die Stiftung will in die nächste Runde gehen und, wenn es sein muss, bis zum Obersten Gericht. Im Herbst will sie entscheiden, ob sie die Klage ausweitet. Mit Merino hat sich nämlich eine Plattform antifaschistischer Künstler solidarisiert, die erwartungsgemäß noch deutlicher und geschmackloser mit dem Bild des Diktators umgeht. Merino selbst steuerte „Punching“ bei - eine Arbeit, die den Latexkopf Francos zum Fausttraining darbietet.

Quelle: F.A.Z.

 

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