03.09.2011 · „Wenn ich groß bin, werde ich Feuerwehrmann, Polizist oder Kunstdieb“, könnten Kinder bald verkünden. Playmobil hat das Spiel von Räubern und Gendarmen im Kunstbetrieb nämlich in sein Programm mit aufgenommen.
Von Niklas MaakFünfundfünfzig mit Fälschungsverdacht behaftete Bilder, vierzehn davon sicher gefälscht, ein Schaden, der finanziell im zweistelligen Millionenbereich liegt, dazu ein nicht zu beziffernder Imageschaden für genarrte Händler, Experten und Auktionatoren: Als vorgestern vor dem Kölner Landgericht der Prozess gegen die Hauptverdächtigen im Fälschungsfall der sogenannten „Sammlung Jägers“ eröffnet wurde, zeigte sich noch einmal das geradezu epische Ausmaß der ganzen Angelegenheit. Dass der Hauptverdächtige, Wolfgang Beltracchi, mit seiner wehenden Frisur und dem Künstlerfürstenbart auch als einer von drei Musketieren durchgehen würde, macht die ungeheuerliche Geschichte des größten Kunstfälschungsskandals der Moderne noch hollywoodreifer.
Es sind bewegte Zeiten für Kunstfahnder: Nach den spektakulären Kunstraubfällen der letzten Jahre, als unter anderem im August 2004 „Der Schrei“ und die „Madonna“ von maskierten und bewaffneten Männern aus dem Osloer Edvard-Munch-Museum geraubt wurden, flogen allein in den vergangenen zwei Jahren gleich zwei irrwitzige Fälschungsfälle auf: Kurz vor dem „Fall Jägers“ war es ja schon zur Entdeckung von tausend gefälschten Giacometti-Skulpturen in einem Lager in Mainz gekommen. Die Ungeheuerlichkeiten, die sich im Kampf um das große Geld der Kunstwelt abspielen, bewegen nicht nur die Gerichte, sondern auch die Kinderzimmer.
Was dort gespielt wurde und wird, ist meistens ein präziser Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten und Interessen: In der kriegstreiberischen Kaiserzeit bevölkerten Zinnsoldaten die Zimmer, in den siebziger und achtziger Jahren zeigten Lego-Astronauten und Aerobic-Barbies, was die Gesellschaft beschäftigte - jetzt aber erobert auch die sagenhafte Welt der Kunstdelikte die Kinderzimmer. Für ein Videospiel von Purple Hills wird geworben: „Arbeite mit einem Detektiv aus Frankreich zusammen, um die Gauner zu jagen. Setze deinen Spürsinn ein, um der Spur der Verbrecherbande zu folgen, die zwar leere und verwaiste Kunstgalerien zurücklassen - doch glücklicherweise auch Spuren!
Schaffst du es, Chloé aus den Fängen der Kunsträuber herauszuholen und sie gleichzeitig zu stoppen, bevor sie alle unbezahlbaren Schätze der Welt stehlen?“ Auch bei Playmobil wird ein Kunstdezernat eingerichtet. Auf der Website von Toysshopping.at heißt es: „Mit der Playmobil Polizeistation lassen sich spannende Spiele spielen. Das Zubehör umfasst nicht nur eine erstklassige Ausrüstung mit Hubschraubern und Blaulichtfahrzeugen für die Polizei, sondern auch Geld für Bankräuber, Bilder für Kunsträuber, Schmuck in Glasvitrinen für Juwelendiebe und vieles mehr.“ Playmobil bietet mittlerweile eine eigene Kunstraubbox an - mit zwei maskierten Kunsträubern, Werkzeug, einem Gemälde und einer alarmgesicherten Vitrine mit echter Sirene. Würde einen gar nicht wundern, wenn die klassischen Traumberufe Astronaut, Lokführer oder Arzt bald vom Berufswunsch „Fahnder für Kunstdelikte“ abgelöst werden. Ein Wachstumsmarkt ist Kunstkriminalität ja, und bessere Jobchancen als für Astronauten gibt es sowieso.