29.10.2011 · Der jüngste Prachtband „Unterwegs zur Renaissance“ aus dem Antiquariat Bibermühle wartet mit famosen Überraschungen auf.
Von Hubert SpiegelDie Dame muss Feinde gehabt haben, mächtige Feinde vermutlich, die zudem wenig zimperlich gewesen sein dürften. Wer solche Feinde hat, lebt in Sorge, und wer sich sorgt, der sucht Trost und Zuflucht.
Beides bot in diesem Fall ein Buch, ein Stundenbuch, das Gebetstexte versammelt. Aber es ist ein außergewöhnliches Exemplar, das Heribert Tenschert, der Herr des Antiquariats Bibermühle im schweizerischen Ramsen, hier vorstellt: ein durch und durch rätselhaftes Werk, geschaffen von einem unbekannten Meister, von dessen Hand wir kein zweites Kunstwerk kennen. Entstanden ist dieses Stundenbuch einer vornehmen Dame wohl um das Jahr 1500 in Rom oder Ferrara, der Schriftdekor orientiert sich an der Ferrareser Schule, und die Bildgestaltung nimmt auffälligen Bezug auf ältere Arbeiten.
Was diese Handschrift jedoch so außergewöhnlich macht, ist die ungewöhnliche Individualisierung der Gebete: Acht Mal wird ein Frauenname erwähnt, der im Italien der Renaissance höchst ungebräuchlich war und daher Rückschlüsse auf die erste Besitzerin nahelegt. Rückschlüsse, die von den Gebetstexten und ihrer Abfolge gestützt werden; denn die Texte dieses Stundenbuches sind nicht wie sonst üblich auf das Seelenheil im Jenseits gerichtet, sondern beziehen sich explizit auf weltliche Gefahren: So sollen sie nicht nur bei Versuchungen durch den Teufel helfen, sondern Schutz auch bei Geschäften, Reisen, Krankheit und Verfolgung durch Feinde herbeirufen. Vor allem der weibliche Vorname in Verbindung mit der Angst vor Verleumdung ist es, der aufhorchen lässt. Denn es ist eine Lucrezia, die den „bösen Leumund“ fürchtet.
Auch bei größter Zurückhaltung, wie sie der Kunsthistoriker Eberhard König hier wie gewohnt walten lässt, drängt sich die Vermutung auf, es könne sich bei der überaus reich illustrierten Handschrift um das Stundenbuch der Lucrezia Borgia handeln. Die Tochter Papst Alexanders VI. wurde von ihrem Vater drei Mal zu politischen Zwecken verheiratet, sie galt als Giftmischerin und Ehebrecherin.
Eines der hartnäckigsten Gerüchte besagte, dass sie sowohl mit ihrem Vater, dem Papst, wie mit ihrem Bruder Cesare Blutschande getrieben hätte. Keines dieser Gerüchte lässt sich historisch belegen, aber man weiß, dass Lucrezia, seit 1501 mit dem Herzog von Ferrara verheiratet, fast die gesamte zweite Hälfte ihres Lebens fromm und zurückgezogen lebte, bevor sie 1519 kurz nach der Geburt ihres achten Kindes im Alter von 39 Jahren starb. Stammte das Stundenbuch tatsächlich aus ihrem Besitz, wäre es ein außergewöhnliches Dokument, das „tiefe Einblicke in die Mentalität einer schlecht beleumundeten Fürstin erlaubt“, wie es im Katalog heißt, der mit dem Titel „Unterwegs zur Renaissance“ eine neue Ära bei Tenschert einleitet (Preis 450.000 Franken).
Denn die Katalogserie „Leuchtendes Mittelalter“ ist nach zwölf Bänden und zwanzig Jahren beendet worden. Sie hat eindrucksvoll belegt, dass Heribert Tenschert weit mehr ist als nur ein Antiquar, der sich auf alte Handschriften spezialisiert hat. Ruhm als der vermutlich bedeutendste Händler auf diesem Feld genießt er ohnehin, aber durch die Kataloge, die zusammen mit Eberhard König und zuletzt auch Ina Nettenkoven entstanden sind, hat sich der leidenschaftliche Liebhaber alter Meisterwerke auch die Anerkennung der kunsthistorischen Forschung erworben. Ein Umstand, der im Vorwort des neuen OEuvres nicht ohne dezente Genugtuung vermerkt wird, aber natürlich nichts daran ändert, dass Tenscherts Publikationen auf andere Leser abzielen. Denn die wichtigsten Adressaten bleiben natürlich die Sammler, jener überschaubare Kreis von Zeitgenossen, die willens und in der Lage sind, mehrere hunderttausend Euro oder auch Millionenbeträge für ein Buch auszugeben, von dem man sehr oft nicht einmal weiß, aus wessen Hand es stammt.
Tenscherts Reise zur Buchkunst der Renaissance, die der Titel der prachtvollen Publikation ankündigt, beginnt mit einem Fanfarenstoß: Gleich fünfzig italienische und spanische Manuskripte des 13. bis 18. Jahrhunderts sind hier versammelt, um in sechs Abteilungen in chronologischer Reihenfolge präsentiert zu werden. Es beginnt mit drei Bibeln (davon kostet eine 880.000, die andere 950.000 Franken) und zwei Missalien (250.000 und 375.000) und einem Brevier, gefolgt von zwei bedeutenden Handschriften aus dem 14. Jahrhundert, darunter eine Paduaner mit Bildern aus dem Umkreis Giottos.
Zu den 27 Bildern dieser nach 1305 in Padua entstandenen Handschrift mit Meditationen über das Leben Jesu gehört neben drei ganzseitigen und 21 halbseitigen Miniaturen auch eine nicht ausgemalte Zeichnung der Flucht nach Ägypten. Sie zeigt Joseph, der sich zu Maria umwendet, die den Christusknaben auf der linken Hüfte trägt. Trotz zahlreicher Reuezüge des Künstlers ist die skizzenhafte Zeichnung, die fast die gesamte obere Hälfte des Pergaments bedeckt, von höchst eigenem Reiz: flüchtig, tastend, unvollendet (über zwei Millionen).
Die größte Abteilung bilden neunzehn italienische Handschriften aus Oberitalien: den Marken, Florenz und Padua. Sie wird eröffnet von einem ganz in Blattgold geschriebenen Stundenbuch, das kurz vor oder um 1400 in Oberitalien entstand. Als Künstler wird hier Ramo de Ramellis in den Blick genommen: Gut begründet erscheint auch die Vermutung, die Valentina Visconti und ihren Sohn Charles d’Orléans an den Beginn der Provenienz dieses Marien-Offiziums setzt (bereits verkauft). Von äußerster Seltenheit dürfte die Darstellung des Christuskindes in einem nach 1450 entstandenen Stundenbuch aus Oberitalien sein. Die ganzseitige Miniatur zeigt den nackten Knaben im Zustand der „Ermächtigung“, also mit einer unübersehbaren Erektion, während im Bas-de-Page schläfrig ein Löwenjunges lagert (950.000).
Kaum weniger ausgefallen ist ein lombardisches Stundenbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, dessen 196 Seiten um 1500 vermutlich in Venedig in einen weitgehend vergoldeten, silbernen Filigraneinband mit Email-Einschlüssen auf den Deckeln gebunden wurden. Mit einem Format von nur 57 mal 41 Millimetern zählt es zu den kleinsten bekannten Stundenbüchern überhaupt (260.000).
Unter den zehn angebotenen humanistischen Handschriften verdienen besondere Hervorhebung das vorzüglich erhaltene Exemplar der „Civitas Dei“- Handschrift aus der Luccheser Bibliothek Minutoli Tegrimi, illuminiert um 1460 in Florenz von Francesco di Antonio del Chierico (185.000), sowie eine Cicero-Handschrift, die neben dem Hauptwerk „De Officiis“ auch die „Paradoxa Stoicorum“ umfasst (220.000). Besonders reizvoll ist diese Handschrift mit 35 großen, bis zu siebenzeiligen Prunkinitialen in Blattgold mit „Weißranken-Dekor“ nicht zuletzt wegen ihrer Provenienz: Entstanden in Rom oder Neapel um 1450, gelangte die Handschrift bereits im 15. Jahrhundert in den Besitz der Familie Engelhard in Schwaben und gehörte später zur Sammlung des Fürsten von Metternich, des „Taktgebers“ des Wiener Kongresses.
Bevor Tenschert seine Präsentation mit einem „Blick nach Spanien“ beschließt, wendet er sich der Spätzeit der Buchmalerei zu: von einem Festgraduale, um das Jahr 1500 im Umkreis des Cosmé Tura in Ferrara entstanden (195.000), bis hin zu einer Ausgabe von Dantes „Vita Nuova“, mit der Attilio Razzolini 1905 in Florenz den Meistern der Renaissance nachfolgen wollte (28.000). Dass in diesem Zeitalter selbst Rechtsakten Kunstwerke sein konnten, belegt der Wappenbrief, den König Philipp II. am 17. Dezember des Jahres 1558 für die Brüder Diego und Francisco Collada ausstellen ließ (11.500).
Zwei Prachtseiten mit Vollbordüren und Wappenmalerei zeigen links die thronende Maria mit dem nackten Jesuskind und drei knieenden Betern und rechts einen „Matamoros“, einen blutrünstigen Maurentöter, in Aktion. Das Schwert gezückt, prescht er dem fliehenden Feind hinterher. Zu seinen Füßen liegt ein Leichnam mit abgetrennten Gliedern, hinter dem wiederum ein Kopf ohne dazugehörigen Körper liegt. Auch dieses außergewöhnliche Stück andalusischer Buchmalerei aus der Mitte des 16. Jahrhunderts unterstreicht noch einmal eindrucksvoll den Anspruch, den Heribert Tenschert in seinem Vorwort formuliert: einen Antiquariatskatalog mit einer derartigen Fülle italienischer und spanischer Handschriften habe es in den letzten hundert Jahren nicht gegeben.