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Veröffentlicht: 01.04.2017, 10:00 Uhr

Pariser Messe (K)eine Mauer für die Kunst

Die Art Paris Art Fair bleibt im Mittelfeld stark. Afrika ist zu Gast auf der Frühjahrsmesse, auf der es noch viel Neues zu entdecken gibt.

von Bettina Wohlfarth/Paris
© Galerie Vallois Marius Dansou, „Couronne en délire“ von 2016, Eisenbeton und Holz, 124 mal 65 mal 45 Zentimeter: 6000 Euro bei Vallois aus Paris

Jetzt hat die „Art Paris Art Fair“ einen neuen Schwerpunkt auf die Nachkriegsmoderne gesetzt, und diesmal hat die Messe mit dem Wetter Glück. Zum Vernissage-Nachmittag strahlte die Sonne durch die gläserne Kuppel des Grand Palais. Ein Glück ist auch der Fokus auf Afrika, mit zwanzig Galerien aus etlichen Ländern des Kontinents und vielen internationalen Galerien, die ihre afrikanischen Künstler vorstellen.

Die Qualität der regionalen Schwerpunkte, die die Art Paris unter der Leitung von Guillaume Piens seit einigen Jahren setzt – Russland, China oder Südostasien –, hängt natürlich von deren Kunstszenen ab. Afrika hat viel zu bieten: dynamische Galerien und neben zahlreichen bekannten Künstlern ein hohes Potential für Entdeckungen. Aber die Pariser Frühjahrsmesse muss sich alle Jahre wieder neu erfinden; sie wird noch immer von namhaften Galeristen gemieden. Tatsächlich geht es nicht darum, etwa mit der Fiac wetteifern zu wollen und eine weitere High-End-Messe auf die Beine zu stellen. Die Standmieten sind allerdings, das Grand Palais verpflichtet, fast genauso hoch. Auch in diesem Jahr gibt es eine Erneuerung on etwa fünfzig Prozent der Galerien, andere – darunter immerhin Daniel Templon, Nathalie Obadia oder Claude Bernard – bleiben der Messe seit langem treu. Ihre Stammkundschaft kommt jedes Jahr, denn die Art Paris behauptet ihren Platz als Messe im gehobenen Mittelfeld und für regionale Neuentdeckungen. Das interessiert auch Sammler über Frankreich hinaus; die 139 Galerien kommen aus 29 Ländern.

Die Galeriewand wird zum Kunstwerk

Neu ist in diesem Jahr eine deutliche Ausweitung der Nachkriegsmoderne. So hat aus Frankfurt Die Galerie, zum ersten Mal dabei, Gemälde von André Masson oder Pierre Alechinsky mitgebracht. Im Mittelpunkt der Koje steht eine große Bronze-Skulptur von Max Ernst mit dem seltsamen Titel „Seraphin der Neubekehrte“. Sie gehört ursprünglich zu einer Gruppe von drei in Stein gemeißelten Figuren, die im Garten von Max Ernsts Haus in Südfrankreich standen; der außergewöhnliche Bronzeguss kostet 700 000 Euro. Der tatsächlich erste der großen Daumen von César steht bei Guy Pieters aus Belgien, für 850 000 Euro.

45596125 Wahrscheinlich das teuerste Werk auf der Art Paris: El Anatsui, „Avocado Cocounut Egg (ACE)“ von 2016, Aluminium und Kupferdraht, 270 mal 260 … © October Gallery Bilderstrecke 

Thessa Herold, Paris, gehört zu den Stammgalerien der Messe und bringt diesmal unter dem Titel „Keine Mauer für die Kunst“ ihre lateinamerikanischen Künstler mit, darunter Roberto Matta (Zeichnungen von 35 000 bis 45 000 Euro) oder eine „Figur“ von 1963 von Wifredo Lam (130 000 Euro). Die Galerie Gimpel & Müller aus Paris und London ist auf geometrische Abstraktion und kinetische Künstler wie Klaus Staudt oder Jesús-Rafael Soto spezialisiert. Ein feinsinniges und dabei erschwingliches Objekt ist ihre sorgfältig konzipierte Faksimile-Ausgabe der „Notes Brutes“ von Victor Vasarely: Die Abschrift mit Korrekturen des ungarisch-französischen Künstlers wird in einem Schuber aus Plexiglas mit zweiseitigem Siebdruck, einem kleinen Kunstwerk, und vier Serigraphien für 2400 Euro verkauft.

In eine bunte Skulpturenwelt der Gegenwart führen die Werke von Tinka Pittoors: Carolin Smulders, Paris, zeigt die belgische Künstlerin mit einer Solo-Schau zum Thema „A walk in the parc“. Pittoors arbeitet vornehmlich mit gefärbtem Epoxy-Kunstharz, und ihre Skulpturen tragen oft molekularähnliche Phantasiegebilde, als würde ein bunter Traum aus ihnen herauswachsen; so „Verträumt“ ist auch Michelle Obama, der die Betrachter auf einer Parkbank begegnen (15 000 Euro). Eine konzeptuell interessante Entdeckung lässt sich mit dem türkischen Künstler Mehmet Ali Uysal bei Paris-Beijing, ansässig in Paris, machen. Sein Thema ist der Galerieraum als solcher, dessen Konzept als White Cube er sich künstlerisch aneignet: Die Galeriewand wird selbst zum Kunstwerk, indem er sie wie eine Leinwand nach unten rollt und künstlich ihre Backsteine freilegt oder ihren Wandverputz wie eine dicke Haut mit Wäscheklammern kneift (von 19 000 bis 24 000 Euro, plus Produktionskosten).

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Der Fokus auf Afrika, von Marie-Ann Yemsi kuratiert, ist zweifellos der beste, seit die Art Paris Gastregionen einlädt. Es lassen sich spannende Entdeckungen machen, so die junge tunesische Künstlerin Aïscha Snoussi bei A.Gorgi Contemporary Art aus Tunesien mit ihrer Installation aus alten Schulheften mit subtilen Zeichnungen (4000 Euro). Eindrucksvoll sind die schwarzschillernden Performance-Fotografien von Mohau Modisakeng bei der südafrikanischen Galerie Whatiftheworld (um 8000 Euro). Die deutsche Künstlerin Marion Boehm, vertreten von der Aachener Galerie Artco, reflektiert in ihren Collagen aus diversen Textilien koloniale Vorurteile (8000 bis 12 000 Euro); faszinierend ist ihre großformatige „Thandi“ in der Pose eines Renaissanceporträts. Die October Gallery aus London begleitet schon seit den neunziger Jahren viele afrikanische Künstler: El Anatsui ist längst in den wichtigsten internationalen Museumssammlungen vertreten. Eine seiner Wandskulpturen aus vorgefundenen Aluminiumdosenresten und Kupferdraht kostet mehr eine Million Euro, damit wahrscheinlich das teuerste Werk der Messe. Eine spektakuläre Installation von Romuald Hazoumé findet sich bei Magnin-A aus Paris: „Elf schnurzpiepegal“ zeigt ironisch die Hälfte eines rostigen Autowracks, das gänzlich mit Benzinkanistern bestückt in die Galeriewand gerammt wurde (180 000 Euro). Manchmal gibt es eben doch eine Mauer für die Kunst.

Art Paris Art Fair im Grand Palais, bis zum 2. April. Geöffnet von 11.30 Uhr bis 20 Uhr, am Sonntag bis 19 Uhr.

Eintritt 25 Euro, Katalog 20 Euro.

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