Es ist zwanzig Jahre her, dass Jürgen Klauke seine „Sonntagsneurosen“ zum ersten Mal zeigte, erst in der Kunsthalle Baden-Baden, dann im Düsseldorfer Kunstmuseum. Nun zeigt die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer seltener gezeigte und neue Motive des komplexen Bildzyklus als Reminiszenz.
Doch beim Eintreten in die Galerie will sich nostalgische Beschaulichkeit nicht einstellen, zu wirkungsmächtig sind die körper- und ichbezogenen Fotografien des 1943 geborenen Kölner Künstlers. Hier wird eines deutlich: Jürgen Klaukes Sonntag ist kein Tag, an dem die Zeitung in aller Ruhe im Bett gelesen wird und es nach frischen Brötchen duftet, sondern ein dunkler Gral verborgener Sorgen, die sich unbehelligt vom Gewerke der Arbeitstage plötzlich heraustrauen. Da fliegen Spazierstöcke durch die Luft, schwanken die Hüte auf dem Kopf, und der Mensch verkriecht sich unterm Tisch, wenn es ihm zu viel wird. Doch dazwischen ist er, mal rastlos, mal statisch, unterwegs zwischen Ich und anderem Geschlecht.
Eine Suche in den Zwischenräumen
Seine Bildtitel wirken wie „Bildverstärker“, hat Jürgen Klauke einmal gesagt. Und so verschieben Bezeichnungen wie „Überprägnanter Auslöser“, „Gesichtsfeldeinengung“ oder „Vertikales Denken“ das Dargestellte ins Surreale oder auch Komische. Das alles zusammenzubauen bleibt dem Betrachter heute - wie auch schon vor zwanzig Jahren - überlassen. Eine Gebrauchanweisung gibt es zu diesen Bildern nicht.
Jürgen Klaukes aus Performance abgeleitete Fotografie entwickelte sich in einer Zeit, in der das Bild vom Ich als einem anderen die Werke von Künstlern wie Bruce Naumann oder Cindy Sherman bestimmte. In Deutschland war Klauke der Erste, der die fotografischen Recherchen eines männlichen Ich in der Kunstwelt salonfähig machte. Dabei ging es ihm um die Frage nach der eigenen Identität zwischen den Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit, zwischen öffentlichem und privatem Selbstbewusstsein, zwischen Theatralik und Essentialismus. Dabei half ein Gespür für die präzise gesetzte Geste, die Klaukes Foto-Inszenierungen graphisch und streng wirken lässt und die sich gleichzeitig immer wieder Momente einer überraschenden Verspieltheit leistet.
Bevorzugtes Objekt dieser Inszenierungen ist der Künstler selbst. So ist es der eigene Körper als störbares und angreifbares Zentrum jedes Bilds, und es sind die über die Jahre deutlich werdenden Veränderungen der Physis, die diese Fotografien mit einer unmittelbaren Authentizität versehen. So wirken die großformatigen Studiofotografien auch nach zwanzig Jahren noch als archetypische Bildgleichungen, als Denk- und Schaubilder zur Reise ins Ich.
Das ICH - Wo denn???
Torsten Milsch (BeziehungsDoc)
- 03.07.2012, 22:42 Uhr