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Jorinde Voigt in Berlin Bildfragmente einer Sprache der Liebe

11.01.2012 ·  Jorinde Voigt gehört zu den wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation. In Berlin ist jetzt ihre neueste Arbeit zu sehen - eine „Partitur“ über chinesische Kunst.

Von Niklas Maak
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© Helga Maria Klosterfelde Edition/Nick Ash Asiatische erotische Kunstwerke liefern die Vorlage ...

Bevor man etwas erkennt, spürt man eine Turbulenz, eine Bewegung, deren Quelle sich nicht genau orten lässt - ähnlich einer plötzlich hereinbrechenden Windböe. Die verschiedenen hautfarbenen Fragmente, für die das Auge in der Welt der Dinge einen Referenten sucht, aber keinen findet, scheinen aus ihrer Ordnung gerissen und verwirbelt - gleichzeitig scheinen sie durch feine Linien vernetzt, eingesponnen, vernäht zu werden. Man glaubt sich auf den Tisch eines Chirurgen versetzt oder eines Archäologen, der verschiedene Fragmente in eine Ordnung zu bringen versucht. Aber was stellen diese Fragmente dar, was bedeuten sie?

Am ehesten verrät das größte der hautfarbenen Elemente seine Quelle: Die Vorlage für Jorinde Voigts Zeichnungszyklus ist Ferdinand Bertholets Sammlung erotischer asiatischer Kunst vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, die in der Berliner Ausstellung "Der chinesische Lustgarten" zu sehen war.

Welterfassung durch Abstraktion

Voigt hat, zunächst streng formal vorgehend, alle Elemente dieser Malerei nach Farben sortiert - die schwarzen Frisuren, die unverhüllten Körperteile - und ihre Konturen aus dem entsprechenden farbigen Papier nachgeschnitten. Wie in einem nach Farben sortierten Baukasten wurden die einzelnen Bestandteile der Bilder zerlegt. Was so entstand, war eine Art Materiallager für eine Erzählung der Liebe - ein Lager, dessen Formen so amorph, formlos, chaotisch und metabolisch wie der von ihnen dargestellte Gegenstand ist. In einem zweiten Schritt wird dieses Lager informeller Fragmente in der Welt verortet: Die komplexen dynamischen Liniensysteme markieren Himmels- und Windrichtungen und Rotationen.

Warum das? Man muss sich ein wenig länger mit dem ästhetischen System der Bildwelten von Jorinde Voigt beschäftigen, bevor sich diese rätselhaft schöne Dekonstruktion erschließt. Bekannt wurde Jorinde Voigt mit ihren oft mehr als zwei Meter hohen Zeichnungen, deren turbulente Notationen und Kurven, die aus der Ferne an Darstellungen von Flugbahnen, an Tanzschritte oder Netzsysteme erinnern, man als abstrakte Welt-Bilder lesen kann: Der Wind, der bläst, Autos, die vorbeifahren, Musik, die wir hören, Filme, die wir sehen - alles, was sicht- und spürbar ist, Geräusche macht, die Wahrnehmung von Zeit und Raum verändert, wird in graphische Strukturmodelle übersetzt. Die Bilder haben oft das Format von Historiengemälden, und im Kern sind sie das auch - sie konzentrieren, als graphische Welterfassungsmaschinen, in kryptischen Codes all jene Erscheinungen und Atmosphären, die unsere Gegenwart prägen.

Von der Rekonstruktion eines fernen Gefühls

Dass Jorinde Voigt sich jetzt mit asiatischer Kunst befasst, ist vielleicht kein Zufall; schon in ihren frühen Arbeiten gibt es ein Echo von John Cages Ryoanji-Zeichnungen und Rückkopplungen zu einer japanischen Bildtradition, in der Schrift, Zeichen und Zeichnung, das Lesbare und das Sichtbare in einem anderen Verhältnis zueinander stehen als in der europäischen Kunst. Voigts neuer Zyklus handelt zunächst einmal davon, wie wir Bilder sehen: Was landet in unserem Auge und warum - und was passiert dann? Das Auge versucht, Formen zu identifizieren, es schneidet aus dem Dickicht der Dinge einzelne Elemente heraus.

Es liest, auf eine vorsprachliche, informelle Weise, Farben als Informationsträger, wie einen Text: Der Hautton ist ein Signal, das ganze Erzählungen evoziert. Cy Twombly war ein Meister dieses Farbeinsatzes, auch er ließ die schwelgerische, freie Form der Hautfarben auf rätselhafte Codes stoßen, die wie Versuche von Handwerkern oder Wissenschaftlern wirkten, Ordnung in die Turbulenz der Erscheinungen zu bringen. Das tut auch Jorinde Voigt. Um die Ausschnitte herum entfaltet sich eine graphische Partitur: Wind, Rotation, Zeit und Raum; Form und Formauflösung in der Beschleunigung: Das sind die formalen Pole, zwischen denen sich ihre Werke entfalten, zwischen denen sie die kulturell und zeitlich fremde Bildwelt, die sich dem Feld der Liebe widmete, auseinandernehmen. Oder besser gesagt: in unsere Gegenwart holen. Denn die Windangaben, die Verortung, die ansteigenden Rotationen lassen diese Zeichnungen aussehen wie einen Bauplan dafür, das ferne chinesische Gefühl, um das es den alten Bildern geht, in unserer Gegenwart zu rekonstruieren. Auch in dieser Vergegenwärtigung liegt ihre Schönheit.

Jorinde Voigt. Garden of Pleasure. Berlin, Klosterfelde Edition, bis 29. Februar.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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