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Jeremy Hutchison in London Liebe deinen Fehler wie dich selbst

Wollen Sie immer bloß funktionieren? Der Künstler Jeremy Hutchison lässt Arbeiter in Firmen Massenprodukte mit Fehlern herstellen, damit sie wieder spüren, dass sie keine Automaten sind.

Das Jahr 2013 ist kaum eine Woche alt, und schon sind die ersten guten Vorsätze für das neue Jahr über Bord geworfen. Zum Beispiel der Vorsatz, keinen unnötigen Krempel zu kaufen. Was aber ist unnötig? Was ist dagegen ein Luxus, der das Leben bereichert? In der Londoner Galerie „Paradise Row“, deren Name schon das Blaue vom Himmel verspricht, gibt uns Jeremy Hutchison eine Antwort: „Wahrer Luxus hat keine Funktion. Es ist nichts, was man benutzen oder verstehen kann. Es ist ein Gefühl: Jenseits von Sinn, jenseits von Logik, jenseits von Brauchbarkeit. Es ist die Ethik der perfekten Dysfunktionalität.“

Bringt uns das weiter? Der Künstler als Philosoph? Jeremy Hutchison, Jahrgang 1979, arbeitete vor seinem Kunststudium an der Slade School in London, wo er 2011 mit einem „Master“ graduierte, und textete für die Werbebranche. Seine erste Solo-Schau hat nun tatsächlich etwas von einer perfekten Marketing-Übung. Der Ausstellungsraum ist in eine „Pop-Up“-Boutique, Kassentisch eingeschlossen, verwandelt worden. Die Wände sind in einen eleganten Grauton getüncht, schwarze PVC-Vorhänge agieren als Raumteiler, an der Wand sind Vitrinen mit Spotlights angebracht, und den Raum dominiert ein Riesenposter mit einem nach allen Regeln cooler Modemagazine gestylten Model. Was fehlt noch? Das Ausstellungsprojekt hat einen eigenen Brand-Namen, eine Website und ein Logo, das auf allen Informationsmaterialien auftaucht - sogar auf den Preisschilderimitierenden kleinen Papierstreifen, die neben jedem Kunstwerk liegen. Doch was verkauft uns Jeremy Hutchison als Kunstwerk?

Ein wunderbarer Zerstörungsakt

Ausgestellt sind elf der 17 Gegenstände, die Hutchison seit dem Frühjahr 2011 per E-Mail in Fabriken Chinas, Indiens, der Türkei und Pakistans bestellt hat; jede von ihnen ist auf Massenproduktion spezialisiert. Hutchison verband seinen Auftrag mit einer speziellen Bitte: Jedes der Objekte sollte durch einen absichtlich eingebauten Fehler unbrauchbar gemacht werden. So wurden aus verwechselbaren Gegenständen, die zu Tausenden hergestellt werden, Unikate und limitierte Editionen. Aus einer Küchenreibe, einem Golfschläger, einem Fußball wurde ein Kunstwerk - ein Luxusobjekt.

Mit seiner künstlerischen Strategie, industriell gefertigte Gegenstände in den Kunstzusammenhang zu überführen und durch die autoritäre Geste des Künstlers als Kunstwerke zu erklären, befindet sich Hutchison natürlich in prominenter Gesellschaft: Zu dem Stammbaum dieser Idee gehören nicht nur Duchamps „Readymades“, sein Flaschentrockner oder Spaten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Weniger bekannt sind wohl die „Telefon-Bilder“ des Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy aus den zwanziger Jahren, die dieser per Telefon und mit Hilfe einer Farbtafel und Millimeterpapiers mit genauen Anweisungen bei einer Emaille-Schilderfabrik bestellte. Der Künstler als Ideengeber, dessen Werk in seinem Auftrag ausgeführt wird, ohne dass er je das Fabrikgebäude betreten musste, ohne persönliche Handschrift.

Hutchison bestellte seine Kunstwerke per E-Mail und überliess im Gegensatz zu Moholy-Nagy den Fabrikangestellten selbst, welchen Fehler sie einbauen wollten. Bedingung war nur, dass das Objekt damit unbrauchbar werden sollte. Auf diesen Fehler bezieht sich auch der Projektname „Erratum“. Lee Ming, ein Arbeiter in einer chinesischen Fabrik für Plastikstühle, zersägte beispielsweise ein Möbel in kleine Einzelteile, nachdem es sich zu widerstandsfähig für einen Steinbrocken erwiesen hatte (Unikat, 2225 Pfund). Er bedankte sich anschließend für das wunderbare Gefühl, das ihm der Zerstörungsakt gegeben habe.

Er spielt mit unseren Erwartungen

Die Idee für Erratum kam Hutchison, nachdem er einen Bericht zu den Arbeitsbedingungen bei Foxconn, dem größten privaten Arbeitgeber in China mit mehr als 1,2 Millionen Mitarbeitern, gelesen hatte. Darin wurde beschrieben, wie ein Angestellter zugab, manchmal absichtlich ein Werkzeug fallen zu lassen, um ein paar Sekunden Pause einzulegen. Die Idee des absichtlichen Fehlers, um mit der Eintönigkeit fertig zu werden, blieb beim Künstler hängen: Luxus bedeutet hier, aus der zwangsverordneten Routine auszubrechen.

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Doch nicht alle Firmen ließen sich auf sein Experiment ein. Hutchison hat einen Teil seiner E-Mail-Korrespondenz dokumentiert und stellt sie aus, darunter ist auch die Antwort zu finden: „Soll das ein Witz sein?“. Die eingesendeten Objekte verleiten tatsächlich zum Schmunzeln: Eine Säge und ein hölzerner Kamm ohne Zähne, ein Bleistift ohne Blei, eine Sonnenbrille mit blockiertem Nasenbogen, ein modischer Damenschuh mit zwei Absätzen. Pumps, Sonnenbrillen und Golfschläger sind - mit dem entsprechenden Logo versehen - tatsächlich gemeinhin Luxusobjekte (im Gegensatz zu einer Küchenreibe aus Blech) - womit man Hutchisons Arbeit auch als Kommentar zum globalen Warenfetischismus lesen kann.

Auch hier lässt sich Hutchisons Arbeit in prominenter kunsthistorischer Gesellschaft verorten: Wie das Imitat einer Prada-Boutique von Elmgreen und Dragset „In the middle of nowhere“ bei Marfa in Texas, in der man keine Designerschuhe kaufen kann, oder Andreas Gurskys Fotos eines echten Prada-Ladens, spielt Hutchison mit unseren Erwartungen an Luxusgüter. Für eine nachhaltige Kritik reicht sein Ansatz jedoch nicht. Schließlich soll man für eine hölzerne Pfeife, die man nicht rauchen kann 475 Pfund bezahlen (Edition von 10). Doch wie der Wirtschaftswissenschaftler Thorstein Veblen über die neureichen Amerikaner in seiner „Theorie der feinen Leute“ 1899 schrieb: „Nur Verschwendung bringt Prestige.“

Jeremy Hutchison. Erratum. Bis zum 12. Januar in der Londoner Galerie Paradise Row. Die Preise reichen von 79 bis 2225 Pfund; Auflage 1 bis 100. Hutchisons Werk wird 2013 unter anderem in einer Gruppenschau im Londoner ICA gezeigt.

Quelle: F.A.S.

 
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