20.01.2012 · Ein Rückblick auf die zehn besten Auktionsergebnisse 2011 in Spanien zeigt: Die Krise ist dort schon der Normalzustand. Von erhöhter Sorge keine Spur.
Von Clementine Kügler, Madrid
© Alcalá
Carlos de Austria (1545 bis 1568), ältester Sohn des spanischen Königs PhilippII. – und besser bekannt als Don Carlos: Um 1555 malte Alonso Sánchez Coello den Infanten. Das 143 mal 100 Zentimeter große Gemälde wurde im Oktober 2011 bei Alcalá in Madrid für 140.000 Euro (Taxe 90.000) zugeschlagen
Der Kunstmarkt in Spanien köchelt weiter vor sich hin: Die Hiobsbotschaften im wirtschaftlich und finanzpolitisch angeschlagenen Land betreffen diese Nische weniger. Es gibt keine spektakulären Schließungen von Auktionshäusern, und für Galerien, die aufgeben, springen neue ein. Wir stecken doch immer in der Krise, so lautet die Motivation zum Weitermachen. Ein Zusammenschluss mehrerer spanischer Auktionshäuser wird in den nächsten Wochen erwartet; sie erhoffen sich durch ein gemeinsames Auftreten mehr Exportgenehmigungen vom Staat. Wer kostbare Gemälde exportieren kann, der tut es, weil das Preisgefälle gegenüber London oder New York hoch ist.
Im Jahr 2011 fiel Spanien internationalen Sammlern vor allem durch ein attraktives und preisgünstiges Angebot dekorativer Kunst auf. Ein emaillierter Keramikteller aus dem türkischen Iznik war im Madrider Auktionshaus Goya irrtümlich auf das 18. Jahrhundert geschätzt worden und wurde für 300 Euro aufgerufen. Tatsächlich handelte es sich um ein sehr seltenes Exemplar im Saz-Stil aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Auch kleine Beschädigungen taten dem internationalen Ansturm auf die hübsche Rarität keinen Abbruch. Im Saal und an den Telefonen stritten sich britische, amerikanische, ägyptische und türkische Sammler um das Stück, bis es bei 145.000 Euro nach England ging.
Zum Spitzenlos überhaupt avancierte ein Gemälde des Rembrandt-Schülers Govaert Flinck, das vermutlich Rembrandts Frau Saskia darstellt. Zur Taxe von 275.000 Euro bekam ein anonym bleibender Bieter das schöne Fräulein vier Tage vor Weihnachten bei Balclis in Barcelona: 118 mal 83 Zentimeter groß, in Öl auf Holz gemalt, war das Bild aus katalanischem Privatbesitz als „Porträt einer jungen Frau“ eingereicht worden. Das Madrider Haus Galileo hat sich im Juni mit einem Stillleben des Barockmalers Luis Meléndez den zweiten Platz gesichert. Das 48 mal 75 Zentimeter große Ölbild mit Krug und Weintrauben fand zur Schätzung von 200.000 Euro einen neuen Liebhaber.
Alcalá aus Madrid verdankt den dritten Platz einer „Muttergottes mit schlafendem Kind“ von Luis de Morales; die kleine Holztafel des Renaissancemalers brachte es im Mai auf 150.000 Euro (Taxe 80.000). Im Oktober kam mit einem Werk von Alonso Sánchez Coello der vierte Platz hinzu: Das um 1555 entstandene Porträt des Don Carlos, unglücklicher Sohn des spanischen Königs Philipp II., als Kind kletterte von 90.000 auf 140.000 Euro - und gilt als Entdeckung, da das Ganzkörperporträt, wie auch einige andere zweifellos Sánchez Coello zugeordnete Bilder, keine Erwähnung in zeitgenössischen Werkverzeichnissen findet.
An fünfter Stelle des Rankings steht das, früher zur Madrider Sparkasse und jetzt zu Bankia gehörende Madrider Auktionshaus Sala Retiro mit einem Zeitgenossen: Der Maler Luis Feito, Mitbegründer der Künstlergruppe „El Paso“, die im Spanien der Franco-Ära das Informel einführte, war selbst im Saal anwesend, als sein mit Öl und Pigmenten auf Leinwand aufgetragenes „301-M-O“ von 1960 von mehreren Interessenten auf 130.000 Euro (70.000) gehoben wurde.
Die folgende Position teilen sich drei Zuschläge bei 120.000 Euro: ein großflächiger bemalter Paravent des mexikanischen Barockmalers Miguel Cabrera (40.000), der eine mythologische Apoll-und-Daphne-Szene verewigt, bei Alcalá im Mai; ein bislang unbekanntes kleines Bild des französischen Malers chinesischer Herkunft Zao Wou-Ki, „Ille fecit en blanc“ von 1955 (80.000), beim Madrider Haus Fernando Durán ebenfalls im Mai; und ein Stillleben spanischer Schule (45.000), angeboten im Oktober bei Balclis. Dieses 85 mal 89 Zentimeter große Stillleben zeigt eine Schale mit Kirschen und wird Bernardo Polo zugeschrieben, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Saragossa tätig war. Bis zu seiner Identifizierung 2009 durch William B. Jordan geisterte der Maler als Pseudo-Hiepes durch die Kunstgeschichte.
Die Schlusslichter der Top Ten bilden eine Parkansicht des katalanischen Jugendstilmalers Santiago Rusiñol aus dem Jahr 1930, „La glorieta de los cipreses del Jardín del Príncipe“ in Aranjuez, und ein Paar mexikanische Perlmuttbilder: Beide Lose wurden taxentsprechend für 100.000 Euro bei Balclis im Mai zugeschlagen. Der Staat, seit langem zum Sparen gezwungen und kein sonderlich aktiver Käufer mehr, erwarb das mexikanische Bilder-Paar mit religiösen Motiven für das Amerika-Museum in Madrid. Außerdem sicherte er sich bei Balclis im Oktober das Konvolut mit zehn Kostümbildentwürfen, die Federico García Lorca in kindlich-surrealem Strich für die Uraufführung seines Theaterstücks „La zapatera prodigiosa“ 1930 gezeichnet hat: García Lorcas Muse und Starschauspielerin Margarita Xirgu lehnte die Entwürfe ab, worauf Lorca ihr die Mappe schenkte; jetzt kamen die Zeichnungen mit handschriftlichen Anmerkungen des Dichters für 100.000 Euro unter den Hammer.
Fast so beliebt wie türkische Keramik scheinen in Spanien chinesische Figuren zu sein, egal welchen Materials. Um sie wird heftig geworben, vornehmlich im Haus Balclis. Im Mai gelang dort zwei Vierer-Gruppen aus Elfenbein der Sprung von 500 Euro auf 60.000 und auf 95.000 Euro; im Oktober wurden dann drei herrlich bunt bemalte Porzellanfiguren, ausgerechnet „Chinesische Beamte“, für 1500 aufgerufen und erst bei 19.000 Euro zugeschlagen. Die leicht beschädigten Staatsdiener von der Wende 19. zum 20. Jahrhundert sehen nicht so aus, als verstünden sie Spaß. Im Dezember kämpften sich zwei 67 Zentimeter hohe gusseiserne vergoldete „Guerreros“ aus dem 19. Jahrhundert auf 55.000 Euro, die elffache Schätzung.