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Jacques Goudstikker : Das kleine schwarze Notizbuch

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Als der Amsterdamer Kunsthändler Jacques Goudstikker 1940 auf der Flucht vor den deutschen Truppen umkam, fand sich bei ihm ein Notizbuch mit 1113 Gemälden aus seinem Besitz. Heute ist das Ringbuch Gegenstand verstrickter Rückgabeverhandlungen.

          Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Leiden und Utrecht übernahm der im Jahr 1897 geborene Jacques Goudstikker den Kunsthandel in Amsterdam, den schon seine jüdisch-holländischen Eltern und Großeltern geführt hatten. Spezialisiert auf holländische und italienische Alte Meister, aber auch mit einem Auge für Van Gogh, Degas oder Rodin, brachte Goudstikker es in den folgenden Jahren zu legendärem Vermögen. Er belieferte Privatsammler und Museen in ganz Europa und vermittelte Gemälde an das Metropolitan Museum in New York und an die National Gallery of Art in Washington. Auf Schloss Nijenrode in Breukelen, das er 1930 erwarb, wurden Konzerte veranstaltet und Feste gefeiert. Goudstikker verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen. 1937 heiratete er die umschwärmte Wiener Opernsängerin Dési von Halban, und zwei Jahre später wurde ihr einziger Sohn Eduard, genannt Edo, geboren.

          Wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht floh die junge Familie aus Holland und ging an Bord der „Bodegraven“ mit Kurs auf Liverpool. Doch Jacques Goudstikker verunglückte tödlich, als er in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1940 auf dem dunklen Schiff durch eine Luke stürzte. In seiner Brusttasche trug er ein kleines schwarzes Notizbuch, in dem mit Schreibmaschine 1113 Gemälde aus seinem Inventar verzeichnet sind, die er in der Obhut von zwei Mitarbeitern zurücklassen musste. In alphabetischer Reihe sind Namen wie Cranach, Donatello, Van Gogh, Goya, Rembrandt, Rubens, Tintoretto, Tizian und Velazquez aufgelistet, mit Angaben zu Titeln, Maßen und verschlüsseltem Einkaufspreis. Dieses Ringbuch wurde mehr als ein halbes Jahrhundert später zur Grundlage von detektivischen Nachforschungen und vielfältigen Rückgabeverhandlungen.

          Görings Konvolut

          Kurz nach der Kapitulation der Niederlande kaufte der deutsche Bankier Alois Miedl die Firma J. Goudstikker und ihre Vermögenswerte, ihren eleganten Sitz an der Herengracht in Amsterdam und Schloss Nijenrode für insgesamt 550.000 Gulden. Die besten Kunstwerke jedoch, rund 780 an der Zahl, sicherte sich Reichsmarschall Göring für zwei Millionen Gulden. Einige ließ er gleich auf sein Jagdgut Carinhall verbringen. Mit den restlichen Gemälden aus dem Goudstikker-Inventar handelte in den folgenden Jahren Alois Miedl. Auch Göring verkaufte ab 1943 viele Bilder weiter. (Eines davon war das „Bildnis eines bärtigen Mannes“ aus dem Tiepolo-Umkreis, das Göring 1943 durch das Auktionshaus Lange in Wien versteigern ließ, wo es der Direktor des Landesmuseums Braunschweig erwarb - es wurde vor wenigen Monaten restituiert.)

          Goudstikkers Witwe und ihr kleiner Sohn Edo wanderten nach Amerika aus. 1950 heiratete Dési von Halban-Goudstikker den Anwalt Edward von Saher, der ihr bei ihren Rückgabeforderungen zur Seite stand. (Auch Goudstikkers Sohn Edo nahm den Namen von Saher an.) Der niederländischen Regierung waren nach dem Krieg mehr als 300 Werke aus dem Göring-Konvolut ausgeliefert worden. In den fünfziger Jahren verkaufte der Staat davon 63 und ließ 267 Stücke in öffentliche Sammlungen einfließen. Goudstikkers Witwe kämpfte sieben Jahre lang um die Gemälde, aber die Regierung beharrte darauf, dass die Goudstikker-Angestellten die Bilder 1940 in gutem Glauben und mit dem Einverständnis von Goudstikkers Mutter verkauft hätten. 1952 verzichtete Dési von Saher schließlich auf weitere rechtliche Schritte: Sie wurde mit 1,3 Millionen Gulden abgefunden. Dési und ihr Mann Edward von Saher sind nicht mehr am Leben, und auch Goudstikkers Sohn Edo ist 1996 gestorben. Er war mit der Eiskunstläuferin Marei Langenbein aus Baden-Baden verheiratet, die er als amerikanischer Soldat in Deutschland nach einem ihrer Auftritte bei „Holiday on Ice“ kennengelernt hatte. Sie und die beiden Töchter Charlene und Chantal von Saher haben ihren Hauptwohnsitz in Connecticut.

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