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Veröffentlicht: 31.12.2011, 05:00 Uhr

Internationale Toplose Herkunft und Seltenheit

Auch in diesem Jahr haben die führenden Auktionshäuser wieder Superlative gemeldet. Die Umsätze scheinen keine Grenzen nach oben zu kennen. Die Kriterien für solche Preise sind durchsichtig. Doch der chinesische Markt folgt eigenen Gesetzen.

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Im Vergleich zum Vorjahr, um damit zu beginnen, sind die Spitzen im globalen Feld einigermaßen gekappt - ein kleiner, natürlich nicht repräsentativer Vergleich: Die Investition, die diesmal Rang 1 bedeutet, reichte in den Top Ten 2010 gerade für Rang 5, mit einem Hammerpreis von 56,5 Millionen Dollar bei Phillips de Pury in New York. Er galt Warhols phänomenalem großen Siebdruck „Men in Her Life“ von 1962, der Elizabeth Taylor huldigt - als wär’s prophetisch gewesen; die Diva starb im vergangenen März. Dass ihr Nachlass dann Mitte Dezember bei Christie’s in New York alle Maßstäbe sprengte, vor allem ihr einzigartiger Schmuck, haben wir berichtet. Es gilt: Das Geld strebt nach Dauer, und die liegt in harten Steinen vielleicht mehr noch als in der Kunst.

Ein Geburtstagspräsent für den Diktator

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Die aktuelle Liste weist ein Novum auf: Mit eben rund 57 Millionen Dollar - das sind knapp vierzig Millionen Euro - führt ein Werk des chinesischen Künstlers Qi Baishi, das im Mai in Peking für 370 Millionen Yuan an einen Unbekannten zugeschlagen wurde, wohl einen Landsmann. (Das Käuferaufgeld im Auktionshaus China Guardian beträgt nach dessen eigenen Angaben fünfzehn Prozent.) Qi lebte von 1884 bis 1957, wäre also nach westlichen Kategorien ein Künstler der Moderne oder sogar Gegenwart. Sein „Adler auf einer Kiefer“ (1), der auf knapp 2,7 Metern Länge von kalligraphierten Wünschen für langes Leben und Frieden in der Welt begleitet ist, war 1946 ein Geschenk für den Diktator Tschiang Kai-Schek zu dessen sechzigstem Geburtstag. Auf der Liste der Spitzenpreise 2011, die wir vom Auktionshaus China Guardian bekommen haben, rangiert diese bemerkenswerte Memorabilie mit weitem Abstand - nämlich gut 200 Millionen Yuan - vor dem zweiten Platz, übrigens wieder eine Arbeit von Qi.

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Je nach Angebotslage halten sich oben meistens ein, zwei Alte Meister: Francesco Guardi hat, wohl auch Tribut an den Zeitgeschmack, den Canaletto abgelöst; eine seiner großformatigen Venedig-Veduten (4) verlangte gut 38 Millionen Dollar. George Stubbs’ sehr britische Pferde-Idylle (10) war von Christie’s durch ein „unwiderrufliches Gebot“ abgesichert, was bedeutet, dass sich in jedem Fall ein Käufer gefunden hatte, für eine ungenannte Summe. Das Bild wurde dann doch im Saal zugeschlagen zur unteren Schätzung von zwanzig Millionen Pfund, immer noch ein Auktionsrekord für Stubbs; womöglich geht es an einen Liebhaber nach Qatar.

Seltenheit ist ein zentrales Kriterium im Millionenspiel um die Kunst: Hierher gehört die Vorgeschichte des teuren Clyfford Still (2) bei Sotheby’s im November, der aus dem Nachlass der Witwe Patricia kam. Weil fast nie Werke von Still zur Auktion kommen, hatte die Konkurrenz Christie’s zuvor sogar juristisch versucht, den Deal zu verhindern. Bei Klimts kapitaler Landschaft „Litzlberg am Attersee“ (6) spielte ebenfalls die Herkunft eine Rolle: Das Gemälde war zuvor aus dem Museum der Moderne Salzburg an Georges Jokisch restituiert worden, den Erben nach dem Wiener Industriellenpaar Viktor und Paula Zuckerhandl, in dessen Sammlung es sich ursprünglich befand. Auch Schieles „Häuser mit bunter Wäsche“ (7) haben ihr Schicksal: Sie gehörten in die Sammlung Rudolf Leopold und mussten jetzt von der Familie verkauft werden, um die hohen Schulden zu tilgen, die durch den Vergleich im Restitutionsfall seines berühmten „Bildnis Wally“ entstanden waren.

Zunehmende Bedeutung von „private sales“

Der Schiele schaffte mit 22 Millionen Pfund ebenfalls einen Auktionsrekord für den Künstler. Und bei Picasso bleiben die weichen dreißiger Jahre offenbar beliebt: „La Lecture“ (5) brachte es auf immerhin 22,5 Millionen Pfund. Freilich ist das Bild kleiner und unscheinbarer als jener „Nu au plateau de sculpteur“, ebenfalls von 1932 und mit Marie-Thérèse Walter als Sujet, der 2010 zum höchstbezahlten Kunstwerk in einer Auktion jemals aufstieg, mit dem Zuschlag bei 95 Millionen Dollar bei Christie’s in New York.

Waren bis vor wenigen Jahren die Höchstzuschläge der Auktionen das Maß aller käuflichen Dinge, so hat sich, inzwischen definitiv, eine entscheidende Veränderung eingestellt. Sie verdankt sich maßgeblich der Tatsache, dass praktisch alle Ergebnisse, die in Versteigerungen erzielt werden, der Allgemeinheit zugänglich sind; das Internet stellt sämtliche Informationen zur Verfügung. Deshalb haben die private sales der dominierenden Konzerne Christie’s und Sotheby’s weiter an Gewicht gewonnen: Nicht länger vor den Augen des sensationshungrigen Publikums werden singuläre Kunstwerke umverteilt, sondern hinter verschlossenen Türen. Was aus Erwägungen des Prestiges - oder der sichtbar gemachten Wertsteigerung - von Interesse ist, gelangt weiterhin in die Auktionssäle. Allerdings repräsentiert die hübsche Tradition der höchsten Zuschläge deshalb nicht mehr vollständig die Höchstsummen der Transaktionen.

Ob im hyperteuren Ranking die Liebe zur Kunst noch eine Rolle spielt, ist nicht erst neuerdings fraglich. Was den asiatischen, den chinesischen Markt im Speziellen angeht, fehlen Europa und Amerika aber die Kriterien; die Klientel, die dort agiert, entzieht sich den gewohnten Kategorien.

Quelle: F.A.Z.

 

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