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Impressionismus und Moderne : Was wären wir ohne Picasso?

Die Prestige-Auktionen mit Impressionismus und Moderne in New York setzen auf moderate Schätzungen und Marktfrische für konservative Werke.

          Die Kataloge der New Yorker Abendveranstaltungen wachsen sich zunehmend zu Kompendien aus, wobei die kunsthistorischen Erörterungen freilich der Aufwertung ihres Inhalts dienen. Auffällig ist diesmal, vor allem bei Christie’s, die relative Frische der Lose; viele waren seit 25 Jahren und länger nicht mehr auf dem Markt. Auffällig ist auch die Dichte der fotografischen Dokumentation von Werken - wohl um jedem Fälschungsverdacht wasserdicht entgegenzuwirken, selbst wenn die betrügerischen Machenschaften Wolfgang Beltracchis und seiner Bande in Amerika, jedenfalls an der Oberfläche, kaum Wellen geschlagen zu haben scheinen. Und bezeichnend ist, dass, glaubt man den Katalogen, Garantiesummen oder „unwiderrufliche Gebote“ als Netze praktisch keine Rolle spielen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          71 Lose umfasst der Katalog für den Abend bei Christie’s am 7. November. Die Erwartung liegt im Bereich von 250 Millionen Dollar und entspricht damit etwa der Schätzung von 215 bis 310 Millionen vor einem Jahr, damals für 84 Lose; eingespielt wurden dann aber brutto nur enttäuschende 140 Millionen Dollar. Mit einer Taxe von dreißig bis fünfzig Millionen Dollar absolutes Spitzenstück ist eines der Seerosenbecken von Claude Monet.

          Die rund neunzig mal neunzig Zentimeter großen „Nymphéas“ aus dem Jahr 1905 wurden zuletzt 1979 von der New Yorker Hirschl&Adler Galerie an Ethel Strong Allen verkauft, aus deren Nachlass das Bild jetzt zugunsten der privaten Hackley School in Tarrytown, New York, versteigert wird. Es stellt eine sichere Bank für auf zeitlose Werthaltigkeit setzenden Geschmack dar - zum Vergleich: „Seerosen“ in ähnlichem Format wurden zuletzt 2007 in London für umgerechnet gut 32Millionen Dollar zugeschlagen.

          Dahinter rangiert mit zwanzig bis dreißig Millionen Dollar Kandinskys in Murnau 1909 gemalte „Studie für Improvisationen8“. Das kühne Ölbild auf Karton, aufgezogen auf Leinwand, zielt auf einen Rekord für den Künstler, dessen bis heute höchster Auktionspreis seit 1990 bei neunzehn Millionen Dollar liegt. Erstaunlich wenig erfährt man in diesem Fall über die Provenienzenkette: Sie beginnt erst 1950, mit einer Auktion der Galerie Gerd Rosen in Berlin; man wüsste gern, wo die Arbeit in den vierzig Jahren seit ihrer Entstehung war. Einlieferer ist die Volkart Stiftung im schweizerischen Winterthur, die das Werk laut Katalog 1960 in der Zürcher Galerie Nathan erworben hat. Wie überhaupt der deutsche Expressionismus Einzug hält bei Christie’s in New York: Es gibt eine Suite von vier Nolde-Aquarellen (Taxe um 300.000 bis 400.000 Dollar); das erste Blatt „Herbsthimmel am Meer“ verzeichnet übrigens Henry Nannen als einen der Vorbesitzer.

          Bei der Skulptur trumpft Giacometti mit fünf Losen auf, in weitem Abstand angeführt von der (mit Sockel) mehr als zwei Meter hohen Bronze „La jambe“ von 1947, im Guss von 1958 (Auflage 3/6), deren Erratik archaische Gefühle aufruft. Aus aktuellem Anlass sei erwähnt, dass derzeit das Duisburger Wilhelm-Lehmbruck Museum erwägt, sich von einem anderen Exemplar des „Beines“ zu trennen. Wie es heißt, habe der Direktor des Hauses ein festes Angebot, freilich in ungenannter Höhe, dafür und will sich nicht den Launen des Kunstmarkts ausliefern.

          Abgesehen einmal davon, dass die Idee dieses Verkaufs an sich äußerst fragwürdig ist, sollte er vielleicht vorsichtiger sein: Denn es ist gut möglich, dass die auf zehn bis fünfzehn Millionen Dollar taxierte Plastik ihre Schätzung übersteigen wird; in diesem Fall müsste ein festes Angebot obendrein schon ein unwiderstehliches sein. Gleichauf in der Erwartung mit „La jambe“ liegen Picassos umwerfende, 64,8 Zentimeter hohe Bronze seines „Coq“ (Auflage 4/6) und Brancusis 45,7 Zentimeter hoher, bezaubernder Gips „Une muse“ von 1912, für den sich die bei Brancusi notorische Frage nach dem Sockel nicht stellt, wie eine historische Fotografie von der „Armory Show“ 1913 im Art Institute of Chicago belegt.

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