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Impressionismus und Moderne : Es geht doch nichts über Monets Seerosen

Gut abgehangen, dennoch arg durchwachsen: Ergebnisse der Herbstauktionen mit Impressionismus und Moderne bei Christie’s und Sotheby’s in New York.

          Ein Premierenabend, der es in sich hatte. Zum Start der Herbstauktionen und eine Woche nach dem Hurrikan Sandy wurde New York von einem Schneeregensturm heimgesucht, einem namenlosen, aber deswegen nicht weniger furiosen Nor’easter, der das Rockefeller Center und somit auch Christie’s schnell mit einer Matschbarriere umgab. Schon unangenehm genug, aber dann war da noch die Präsidentschaftswahl, die mit ihrem Ergebnis die Wall Street offenbar derart verstörte, dass der Dow Jones mehr als 300 Punkte abgeben musste: Alles aber, wie Christie’s nach der Abendveranstaltung tapfer resümierte, kein Problem. Das Interesse der Sammler sei ungebrochen, Kunst werde gerade jetzt als stabiles Investment gesucht, europäische Verkäufer ziehe es weiterhin auf den florierenden New Yorker Markt, und zumal für den klassischen Impressionismus habe es wieder einen wirklich guten Abend gegeben.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          So viel Enthusiasmus ist bei näherer Betrachtung allerdings nicht aufzubringen. Zwar hat die Auktion knapp 205 Millionen Dollar umgesetzt, erwartet waren aber um die 250 Millionen. Der Auktionator Andreas Rumbler hatte mit einem Saal zu kämpfen, in dem sich Bieteifer kaum regte und alle Hoffnung auf den Damen und Herren an den Telefonen lag. Von den 69 Losen fielen 21 durch, darunter Feiningers „Trompetenbläser im Dorf“ (Taxe 4/6 Millionen Dollar) und sein „RaddampferIII“ (6/8 Millionen), aber auch Picassos wilde „Coq“-Plastik (10/15 Millionen) aus den Fünfzigern enttäuschte im Kunstgeflügelverein.

          Immerhin fand die Pièce de résistance des Abends, Monets „Nymphéas“ von 1905, einen einigermaßen generösen Liebhaber, der sich das auf dreißig bis fünfzig Millionen Dollar geschätzte Seerosenwunder 39 Millionen - mit Aufgeld also 43,76 Millionen Dollar - kosten ließ. Das Werk bleibt nicht nur in Amerika, auch der Erlös, wie es die Sammlerin Ethel Strong Allen in ihrem Testament bestimmte, wird einer Privatschule in Terrytown, New York, zugutekommen.

          Die Andeutung von Applaus bezog sich vielleicht auch darauf. Zurück nach Europa wandert Kandinskys „Studie für Improvisation 8“, das zweite Glanzstück des Abends, das einem Privatsammler 20,5 Millionen Dollar wert war: Auch wenn so die untere Taxe lediglich um eine halbe Million übertroffen wurde, ist es ein Auktionsrekord für den Künstler. Zwei andere Kandinsky-Werke, „Bindung“ und „Zwei schwarze Flecke“, mussten zurückgehen.

          Obwohl die Erwartungen sich bei Christie’s überraschend oft als ambitioniert erwiesen, ließen neben dem Monet und dem Kandinsky drei weitere Lose die Zehn-Millionen-Marke hinter sich: Mirós launige „Peinture (Femme, Journal, Chien)“ ging an einen anonymen Telefonbieter für 12,2 Millionen Dollar, einen Hauch über der unteren Taxe. Eine „Buste de femme“ Picassos - von seinem Sohn Claude autorisiert, wie ausdrücklich erwähnt wurde -, bei respektablen 11,6 Millionen Dollar zugeschlagen, wird in einer asiatischen Privatsammlung verschwinden.

          Brancusis herrlich modellierte gipserne „Muse“, mit der er bereits in der legendären Armory Show von 1913 Aufsehen erregte, bleibt für elf Millionen Amerika erhalten, ebenfalls in Privatbesitz. Und die Richard Gray Gallery sicherte sich Giacomettis skurriles „Bein“ zur unteren Taxe von zehn Millionen Dollar.

          Am nächsten Tag war der Himmel zumindest streckenweise wieder blau, aber der Dow Jones wollte sich nicht aufheitern. Würde an diesem Abend wenigstens die Kunst als Investitionsmedium übernehmen, was den Aktien misslang? Picasso, bei Christie’s schon opulent, doch mit schwankendem Glück angeboten, fand mit neun - noch attraktiveren - Positionen auch bei der Prestigeauktion von Sotheby’s extrem wechselnden Zuspruch: Als Hit brachte es die „Nature morte aux tulipes“ mit seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter - mit 35 bis fünfzig Millionen bewertet und übrigens vom Las-Vegas-König Steve Wynn ins Rennen gegeben - auf den Zuschlag bei 37 Millionen - aber erst unter Aufbietung des gesamten Charmes vom Auktionator Tobias Meyer.

          Die „Femme à la fenêtre (Marie-Thérèse)“ bewegte sich mit 15,3 Millionen noch näher am unteren Schätzpreis. Und bei drei Bildern blieb selbst Picasso nicht von Rückgängen verschont: Wobei der Misserfolg seiner „Plante de tomate“ (10/15 Millionen), die Sotheby’s als eines seiner wichtigsten Werke der Kriegsjahre vorstellte, den größten Schock auslöste: Zuletzt 2004 für 6,1Millionen versteigert, stoppten die Gebote nun bei 8,75 Millionen Dollar. Um so erstaunlicher waren die zwölf Millionen, die „Le viol“, eine schiere Vergewaltigungsszene in brutalen Stift-, Pinsel- und Tintenstrichen, weit oberhalb der Taxe von vier bis sechs Millionen Dollar erzielte. Ganz klar, dass hier das skandalträchtige Sujet den Ausschlag gab.

          Lichtblicke waren auch Monets „Champ de blé“ mit 10,75 Millionen und „Iris“ mit 5,4 Millionen Dollar - sowie Duchamps und Man Rays kuriose Kollaboration „Belle Haleine, Eau de Voilette“ mit 2,1 Millionen. Mit Aufgeld nahm Sotheby’s an diesem Abend gut 163 Millionen Dollar ein, erhofft hatte sich das Haus zwischen 169 und 245 Millionen. Dennoch hieß es, die Resultate seien hervorragend, was angesichts von 21 Rückgängen bei 67 Losen nicht ganz leicht nachvollziehbar ist. Wo sogar Cézannes berückende „Femme à l’hermine“ scheitert, kann der Kunstmarkt oder sein Preisgefüge nicht mehr ganz in Ordnung sein.

          Fazit: Ein paar große Preise wurden für ein paar Großwerke erzielt, während sich weder bei Christie’s noch Sotheby’s die hochgesteckten Erwartungen erfüllten. Keine guten Vorgaben also für die Zeitgenossen, die nächste Woche auf dem Auktionsplan stehen.

          Quelle: F.A.Z.

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