11.02.2012 · Dank eindrucksvoller Marktfrische aus privaten Händen hat bei den Londoner Auktionen mit Impressionismus und Moderne Christie’s die Nase vorn.
Von Anne Reimers, LondonDer Zauber der Elizabeth Taylor entfaltete seine Wirkung, und die Lose der Hamburger Sammlung Hubertus Wald überzeugten mit Qualität und Ausstrahlung: So konnte Christie’s mit einer marktfrischen Auswahl aus insgesamt sechs privaten Sammlungen den Erzrivalen Sotheby’s bei den Londoner Abendterminen mit Impressionismus und Moderne überrunden.
Mit 76 verkauften von 88 Losen spielte Christie’s einen Umsatz von 135 Millionen Pfund ein: ein starkes Ergebnis oberhalb der Erwartung von 86 bis 127 Millionen. Bei Sotheby’s waren 53 Lose im Angebot, von denen 41 neue Besitzer fanden. Der Umsatz erreichte mit knapp 79 Millionen die Gesamttaxe von 77,3 bis 111,2 Millionen Pfund. Insgesamt überzeugen die Ergebnisse weiterhin und belegen, dass vor dem Hintergrund volatiler Börsenmärkte die Kunst als greifbare Geldanlage von erfahrenen wie von weniger erfahrenen Käufern geschätzt wird.
Der Abend bei Christie’s begann vielversprechend mit neun Losen der Sammlung Wald. Robert Delaunays „Tour Eiffel“ überstrahlte mit intensiver Farbigkeit den Raum und wurde erst bei 3,3 Millionen Pfund (Taxe 1,5/2,5 Millionen) am Telefon zugeschlagen - ein Auktionsrekord für Delaunay. Kees van Dongens etwas schwerfällige „Buste de femme nue“ (700.000/1 Million) konnte keinen Sammler verführen, dafür waren die eleganten weißen und grauen, mit Orange, Violett und Grün in den Ecken balancierten Rechtecke von Georges Vantongerloo umso begehrter: Das Bild konnte die obere Taxe mehr als verdoppeln und wurde am Telefon von Andreas Rumbler bei 520.000 Pfund (250.000) zugeschlagen.
Gleich im Anschluss kamen drei Lose aus der Sammlung der im März 2011 verstorbenen Elizabeth Taylor zum Aufruf: Degas’ kleines „Autoportrait“ stieg auf 600.000 Pfund (350.000/450.000), Pissarros sommerliche „Pommiers à Éragny“ konnten stolze 2,6 Millionen (900.000/ 1,2 Millionen) einspielen. Besonders umworben war jedoch van Goghs späte „Vue de l’asile et de la Chapelle de Saint-Rémy“, welche der Kunsthändler Francis Taylor 1963 bei 93.000 Pfund für seine Tochter in London ersteigerte. Erst 2007 wurde ein Restitutionsanspruch auf das Bild von einem amerikanischen Gericht abgelehnt. Mehr als eine Handvoll Bieter trieben nun den Hammerpreis auf neun Millionen Pfund (5/7 Millionen).
Zur Sensation des Abends avancierte Henry Moores 2,5 Meter lange Bronze „Reclining Figure: Festival“ aus der Sammlung des New Yorker Immobilienmoguls Sheldon Solow, die auf 3,5 bis 5,5 Millionen Pfund geschätzt war. Die liegende, auf ihre Unterarme gestützte Figur wurde von Moore als eines seiner Schlüsselwerke bezeichnet. Sie entstand anlässlich des „Festival of Britain“ 1951 und war vom Arts Council in Auftrag gegeben worden. Zwei der fünf existierenden Abgüsse befinden sich in Museumssammlungen, in der Scottish National Gallery und im Musée d’Art Moderne von Paris. Nach einem langen Bietgefecht setzte sich schließlich der angereiste, auf russische Kunst spezialisierte Kölner Händler Alex Lachmann mit einem Gebot von siebzehn Millionen Pfund durch, möglicherweise für einen russischen Kunden: ein Rekord für Moore, der steigende Preise für Skulpturen reflektiert.
Moores Schwergewicht plazierte sich damit als das Spitzenlos der Woche. Das im Katalog am höchsten bewertete „Le livre“ von Juan Gris ist zwar ein wunderbares Werk, aber nicht attraktiv taxiert mit zwölf bis achtzehn Millionen Pfund. Nach längerer Stille im Saal wurde es einem Sammler am Telefon direkt für 9,2 Millionen Pfund zugeschlagen. Überholt wurde Gris auch vom Spitzenlos der folgenden Sektion Surrealismus: Mirós mit einem Gedicht überzogenes Bild „Painting Poem“ zog Gebote aus dem Saal, unter anderen vom New Yorker Galeristen Acquavella, an und wurde schließlich am Telefon bei fünfzehn Millionen Pfund (6/9 Millionen) zugeschlagen; 1985 war es für 770.000 Dollar bei Christie’s in New York versteigert worden.
Die Sammlung Wald steuerte auch neun Lose zum Surrealismus bei: Eine erotische Szene mit zwei jungen Frauen in einem nächtlichen Park bei Vollmond von Paul Delvaux, „Les demoiselles de Tongres“, stieg auf 240.000 Pfund (80.000/120.000). Man Rays Aerographie „Hermaphrodite“, entstanden im Jahr 1919 nach einer Bronzeplastik des Künstlers, hing bei den Walds im Wohnzimmer neben Delaunays Eiffelturm.
Man Ray benutzte Schablonen und Sprühfarbe, um die entrückt-schwebende Qualität der Papierarbeit zu erzielen, die für 420.000 Pfund (150.000/250.000) am Telefon der New Yorker Spezialistin Sharon Kim verkauft wurde. Zusammen mit den Losen in der folgenden Tagesauktion spielten die Kunstwerke aus der Sammlung Wald 13,9 Millionen Pfund ein. Das Geld wird der von Hubertus Wald gegründeten Stiftung zur Förderung des Hamburger Kulturlebens, der medizinischen Forschung und der Versorgung der Hamburger Krankenhäuser zugutekommen.
Auch der Abend bei Sotheby’s hielt interessante Entwicklungen bereit. Monets mit einer Garantie versehene Schneelandschaft „L’entrée de Giverny en hiver“ schwang sich mit 7,3 Millionen Pfund (4,5/6,5 Millionen) zum Spitzenlos auf, nachdem Klimts neu entdecktes „Seeufer mit Birken“ bei ausgerufenen 3,8 Millionen (6/8 Millionen) noch keine Gebote anzog und auch das Interesse an Mirós „Peinture“ (7/10 Millionen) nicht für die geheime, untere Reserve ausreichte. Kurz vor Ende der Auktion verkündete Henry Wyndham vom Pult aus jedoch, dass die Klimt-Landschaft zum Hammerpreis von fünf Millionen Pfund in einem private sale verkauft worden sei; allerdings kann dieser Betrag nicht dem Auktionsumsatz zugerechnet werden.
Kirchners Großformat „Das Boskett: Albertplatz in Dresden“ erfüllte mit 6,5 Millionen seine Erwartung von fünf bis sieben Millionen. Das Bild ging, gegen eine unbekannte Saalbieterin, an einen telefonischen Käufer, der von Sotheby’s als „europäisch privat“ bezeichnet ist. Ein spannendes Gefecht entwickelte sich um Otto Dix’ dadaistische Assemblage auf Holz „Die Elektrische“ von 1919. Ein Bieter am Telefon setzte sich schließlich mit 2,6 Millionen Pfund (700.000/1 Million) gegen den Londoner Galeristen Richard Nagy durch.
Jawlenskys charaktervolles „Mädchen mit roter Schleife“ (3/5 Millionen) war zwar nicht marktfrisch, jedoch Qualitätsware. Das Bild wurde im Februar 2008 für 2,6 Millionen Pfund und im Februar 2009 dann für 1,7 Millionen bei Christie’s zugeschlagen, als die Preise nachgaben: Nun kassiert der Einlieferer mit einem Hammerpreis von 2,7 Millionen Pfund einen stolzen Profit. Anders sah es bei Vuillards „Les Couturières“ (3/5 Millionen) aus: Im Februar 2009 wurden sie für 4,5 Millionen (5,5/7,5 Millionen) bei Christie’s zugeschlagen. Nun bot ein Sammler im Saal drei Millionen Pfund.