Die Auktionen mit Impressionismus und Moderne in London belegen Engpässe beim Nachschub attraktiver Spitzenwerke in unsicheren Zeiten, in denen die Kunst als Geldanlage gefragt ist. Auch die diskreten private sales sind eine wachsende Konkurrenz. Zudem ist die globale Käuferschaft selektiv: Marktfrische, jüngst erzielte Rekorde und große Namen garantieren noch keinen Verkauf. Werke der mittleren Preisklasse leiden so manches Mal unter hohen Taxen.
Den Abend bei Sotheby’s überstrahlte Mirós himmelblaue „Peinture (Étoile Bleue)“ von 1927, die komfortabel ihre Taxe von fünfzehn bis zwanzig Millionen überschritt. Ein Kunde am Telefon des Direktors für zeitgenössische Kunst, Tobias Meyer, bot 21 Millionen Pfund - und damit den höchsten Preis für Miró jemals. Der Käufer bezahlt mit Aufgeld 23,561 Millionen Pfund für das Bild, das erst Anfang des Jahres in der New Yorker Pace Gallery ausgestellt war. Unterbieter war der Kunstberater - und bis vor wenigen Wochen noch Direktor für Privatverkäufe bei Sotheby’s - Stephane Cosman Connery. Damit konnte das Werk seinen 2007 in Paris beim Auktionshaus Aguttes erzielten Preis von 11,586 Millionen Euro fast verdreifachen. Erst im Februar war in London bei Christe’s für 16,84 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) ein Rekord mit Mirós „Painting Poem“ von 1925 aufgestellt worden.
Ein Bonnard für New York
Doch dieser Erfolg kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass mit wenigen Ausnahmen eher zurückhaltend geboten wurde: Von 48 angebotenen Losen fanden 33 einen Käufer. Der Umsatz von Sotheby’s lag mit 75,046 Millionen Pfund am unteren Ende der erwarteten 72,9 bis 102,6 Millionen. Die Hammerpreise für die Hälfte der Top Ten liegen unterhalb der Untertaxen. Verkaufsrate und Umsatz waren damit deutlich niedriger als bei der Sotheby’s-Auktion im Juni 2011, als 96,96 Millionen Pfund mit 32 von 35 Losen umgesetzt wurden. Begehrt blieben Skulpturen: Henry Moores „Mother and Child with Apple“ aus der Sammlung des kürzlich gestorbenen New Yorker Anwalts Arthur D. Emil wurde für 3,3 Millionen Pfund (Taxe 1,8/2,8 Millionen) verkauft. Helena Newman von Sotheby’s erklärte nach der Auktion, Emil habe die Arbeit 1957 bei der Londoner Galerie Arthur Tooth and Sons für 650 Pfund erworben.
Die New Yorker Acquavella Galerie kaufte Bonnards attraktiven Akt seiner Frau Martha nach dem Bad „Nu Debout“ aus der Sammlung von John D. Rockefeller III für vier Millionen Pfund (4,5/5,5 Millionen). Künstler mit russischem Hintergrund waren erfolgreich: Jawlenskys „Stillleben mit Blumen und Orangen“ wurde für 2,2 Millionen Pfund (800.000/ 1,2 Millionen) am Telefon verkauft.
Der Direktor von Sotheby’s in Russland, Mikhail Kamensky, war besonders aktiv am Telefon. Er konnte Chagalls „L’arbre de Jessé“ für 2,7 Millionen (3/5 Millionen), dessen „ Noce et musique“ für 2,2 Millionen (1/1,5 Millionen) sowie Noldes „Große Sonnenblume und Clematis“ für 1,2 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) vermitteln. Unverkauft blieben unter anderem Arbeiten von Munch, Pissaro und Schiele, Delvaux’ „Deux femmes chouchées“ (2/3 Millionen) und Dix’ hochtaxierter „Sitzender Akt mit blondem Haar“ (4/6 Millionen), der bei 3,1 Millionen Pfund noch kein Interesse fand, freilich zuvor bereits auf dem Markt angeboten worden war. Picassos „Homme assis“, das zweitteuerste Los des Abends, blieb mit einem Hammerpreis von 5,5 Millionen hinter der Erwartung von sechs bis neun Millionen Pfund zurück.
Großes Interesse an einem Magritte
Der folgende Abend bei Christie’s begann mit der Ansage, dass das Spitzenlos, Renoirs „Baigneuse“, aus der Auktion zurückgezogen wurde; ein private sale sei kurz zuvor arrangiert worden. Bei der stolzen Taxe von zwölf bis achtzehn Millionen Pfund mag für das impressionistische Bild, das kaum den derzeitigen Geschmack trifft, wenig Interesse registriert worden sein, und so entschied sich der Einlieferer, das Angebot eines Sammlers der „passioniert klassische impressionistische Arbeiten sammelt“, wie Christie’s nach der Auktion angab, anzunehmen.
Der Preis soll innerhalb der Taxe gelegen haben. Dreißig potentielle Käufer sollen dagegen vor der Auktion Interesse an Magrittes bedrückenden „Les jours gigantesques“ von 1928 angemeldet haben, von denen mehr als eine Handvoll während der Auktion aktiv war. Von dem Motiv, einer Vergewaltigung, gibt es nur zwei Ausführungen; die zweite befindet sich in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die moderate Taxe von 800.000 bis 1,5 Millionen Pfund wurde für das marktfrische Werk schnell überschritten: Schließlich setzte sich ein Herr vorne im Saal mit einem Gebot von 6,4 Millionen Pfund durch - der zweithöchste Auktionspreis für Magritte.
Vierzehn Bronzen von Degas
Fest entschlossen zeigte sich auch ein Sammler im Saal mit Interesse an Kurt Schwitters’ kleinem „Merzbild 9A Bild mit Damestein (L Merzbild L5)“, der mit 1,1 Millionen Pfund (500.000/700.000) gewann - ein Auktionsrekord für Schwitters. Zum Spitzenlos des Abends wurde Picassos „Femme assise“ (5/7,5 Millionen), für die 6,2 Millionen Pfund geboten wurden. Irma Sterns südafrikanische Szene „The Flower Market, Cape Town (recto)/Cape Coastal Landscape with Cape Malays (verso)“ blieb mit 580.000 Pfund (800.000/1,2 Millionen) deutlich hinter den Erwartungen zurück. Auch bei Christie’s blieben eine Munch-Landschaft ebenso wie zwei Arbeiten von Miró unter der Millionengrenze unverkauft. Für Gauguins wiederentdeckte „Paysage aux troncs bleus“ bot ein Sammler telefonisch vier Millionen Pfund (3/5 Millionen), während Picassos Stich „Le repas frugal“ mit 1,7 Millionen (1,5/ 2,5 Millionen) wegging.
Eine mit einer Garantie versehene Gruppe von vierzehn kleinen Degas-Bronzen beanspruchte mit zähen Bietgefechten viel Zeit. Sie wurden alle 1920/21, nach Degas’ Tod 1917, nach von ihm geschaffenen Wachsfiguren in einer Auflage von je zwanzig gegossen. Besonders umkämpft war ein 30,5 Zentimeter hohes Pferd im Galopp, das mit 2,3 Millionen weit über seine geschätzten 300.000 bis 400.000 Pfund hinausschoss. Die über vierzig Jahre hin von ihrem Einlieferer zusammengetragene Degas-Kollektion setzte 10,9 Millionen Pfund um, mehr als das Doppelte ihrer unteren Taxe. Der Gesamtumsatz bei Christie’s liegt mit 92,583 Millionen am oberen Ende der Erwartung, die - ohne den Renoir - mit 74,5 bis hundert Millionen Pfund beziffert war.