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Galerie-Ausstellung : Im Bann verbleichender Diven

Sprüth Magers in Berlin zeigt neue Fotoarbeiten von Cindy Sherman. Dabei schlüpft die amerikanische Künstlerin mit viel Gespür in die Rollen älterer Hollywood-Damen.

          Es ist eine Phalanx. Generäle und Herrscher könnten nicht machtvoller dort hängen als die zwanzig neuen Bilder von Cindy Sherman, an den hohen weißen Wänden der Berliner Galerie Sprüth Magers. Bilder von Cindy Sherman? Von ihr gemacht? Oder sie abbildend? Es ist nie die Künstlerin, die ihr Selbst inszeniert. Hinter ihren Bildern taucht sie ab, sie taucht ein in multiple Möglichkeiten des Weiblichen, weniger pathetisch gesagt: in Abbilder von Frauen. Das hat sie schon in den frühen „Untitled Film Stills“ Ende der siebziger Jahre gemacht, damals in kleinen Formaten und in Schwarzweiß, und sie hat es immer wieder getan, unterbrochen von anderen Experimenten mit der Leiblichkeit - als Clowns, als schlimme Verwesungsmonstren, staffiert mit angsteinflößender Prothetik.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Niemals stellt Cindy Sherman sich selbst aus. Furchtlos allerdings erforscht sie die Möglichkeiten und Maskeraden des Frauseins, als geschlechtliche wie als gesellschaftliche Existenz. Sex und gender, die uralte Story eben, die doch so nachhaltig wirkt, immerhin auch für die Männer. Auf die Frage, ob männliche Figuren denn schwieriger seien, hat Cindy Sherman im Interview geantwortet, dass sie es auch ganz früh mit Männern versucht habe, jedoch: „Die waren langweilig. Ich konnte mich nicht mit ihnen identifizieren.“ Außerdem seien die „professionellen Perücken“ dafür zu schlecht (F.A.Z. vom 10. März 2012). So ist sie bei den Frauen geblieben, und nun also, nach einer schöpferischen Pause, gibt es diese neue Serie. Alle Fotografien entstanden im vorigen Jahr. Und zurückgekehrt ist sie zu ihrer ureigenen Domäne seit den „Film Stills“, die sie auch 2008 in der fulminanten Serie der „Society Ladies“ beackert hat. Diese Damen der Gesellschaft spießte sie mit erbarmungsloser Scharfsicht auf, manche beinah sarkastisch, nicht wirklich mitfühlend.

          Die Künstlerin zollt den einstigen Königinnen Respekt

          Das ist jetzt ganz anders, in diesen unbetitelten Arbeiten. Einmal mehr hat sich Cindy Sherman vom Film inspirieren lassen, von den Diven der zwanziger und dreißiger Jahre. Doch sie haucht ihnen Farbe ein, ihren stark geschminkten Gesichtern mit den schwarz umrandeten Augen und den kirschigen Kussmündern. Und sie lässt diese einstigen Königinnen der Leinwand aufscheinen, nachdem sie abgetreten sind. Die wunderbar verfeinerten Fotografien heften sich an die Fährten erdachter Schicksale.

          Die Contenance von Cindy Shermans erfahrenen Frauen ist prächtig. Und die Künstlerin zollt ihnen den Respekt, der ihnen gebührt; keine ist lächerlich. Von den bis ins winzigste Detail durchgearbeiteten Bildern herab erzählen sie ihre je eigene Geschichte. Da steht zum Beispiel eine in der Pose der großen Tragischen: Ich bereue nichts!, signalisiert ihr Blick unter nachgemalt hohen Brauen. Das Gewand in Lila, das sie umhüllt, ist bei genauem Hinsehen ein Fummel aus billigem Stoff, vom Straßenmarkt vielleicht. Ihr Schmuck an den Ohren und am Arm ist Talmi, aber sie trägt ihr Haupt wie eine Königin. Eine andere ist in purpurner Robe elegisch hingegossen (unsere Abbildung) als inkarnierte Sehnsucht, vor mediterraner Traumlandschaft. Die funkelnden Bänder an ihren Handgelenken kaschieren Knochigkeit, dass am linken Arm die oberste Glitzersteinkette schon gerissen ist, kann kein Zufall sein.

          Das Altern ist unaufhaltsam, sagen diese Bildnisse. Wahre Heroinen sind diese welkenden Diven. (Bis zum 8. April. Preise für die Bilder bei jeweils einer Auflage von 6, je nach Format 300 000 bis 425 000 Dollar. Das Katalogbuch kostet 24 Euro.)

          Quelle: F.A.Z.

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