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Historischer Diebstahl : Als Mona Lisa einmal ihre Heimat wiedersah

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Vor hundert Jahren, am 21. August 1911, wurde das berühmteste Gemälde der Welt aus dem Louvre gestohlen. Erst diese Tat machte „La Gioconda“ zum Superstar.

          In den Ansichtskartenständern der entlegensten Pariser Kioske prangt zwischen Eiffelturm und Sacré-Cœur oft auch „La Joconde“, wie die Franzosen die „Mona Lisa“ nennen. Dieses Angebot ist wohl Spätfolge eines Booms, der vor genau hundert Jahren eingesetzt hat. Denn das heute so populäre Bildnis wurde mit einem Schlag berühmt, als es plötzlich durch Abwesenheit glänzte. Leonardo da Vinci hatte es zwar persönlich dem französischen König Franz I. verkauft, und so gelangte es über Ludwig XIV. noch vor 1800 in den Louvre. Zum weltweiten „Megastar“ machte es aber erst der Diebstahl im August des Jahrs 1911.

          Eines Montagmorgens, das Museum hatte seinen Ruhetag, war es verschwunden; vier Haken und das Bilderschild waren nun damenlos. Was das bis dahin von recht wenigen Kunstliebhabern geschätzte, in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts gemalte Porträt selbst nicht geschafft hatte – bis in die hinterste Provinz sogar in Arbeiterkreisen von sich reden zu machen –, gelang der jetzt einsetzenden Flut an Presseberichten und (natürlich noch schwarzweißen) Reproduktionen in wenigen Tagen. Auf rasch produzierten Mona-Lisa-Karten, die reißenden Absatz fanden, grüßte man Freunde und Verwandte mit der lakonischen Frage „Hast Du sie gesehen?“ – und konnte sicher sein, verstanden zu werden: Paris, Frankreich, ja die Welt hatte begonnen, nach „ihr“ zu fahnden. Weder das Erdbeben von Messina 1908 noch der Untergang der Titanic 1912 haben Journalisten und ihre Leser so beschäftigt wie 1911 die Rekonstruktion des Tathergangs und das Aufnehmen der Spuren.

          Stellvertreterschildchen waren noch nicht üblich

          Dabei war nicht einmal ein Einbruch zu verzeichnen. In einem Treppenhaus des Louvre waren der Rahmen der Mona Lisa, ihr Schutzglaskasten und ein Daumenabdruck zurückgeblieben; an einer Tür fehlte innen die Klinke. Es dauerte mehr als 24 Stunden, bis am Dienstagmorgen jemandem die verwaiste Wandzone auffiel, an der das Bild zwischen anderen gehangen hatte – und bis nach und nach Alarm gegeben wurde: So sehr war man montags mit dem Bohnern des Parketts beschäftigt, so sehr glich das Haus selbst am Ruhetag einem Taubenschlag, und so unwahrscheinlich und dreist erschien das Verschwinden des Bildes, das allenfalls beim Fotografen vermutet wurde. Stellvertreterschildchen (bons de déplacement) für vorübergehend zum Fotografen geschaffte, für eine Ausstellung entliehene oder beim Restaurator befindliche Werke waren damals im bedeutendsten Museum Frankreichs noch nicht in Gebrauch. Wie überhaupt einiges im Argen lag: Es stellte sich heraus, dass der Louvre ein akutes Aufsichtspersonalproblem hatte, besonders montags und jetzt, während der Ferien, erst recht. Fragwürdige Dienstpläne, aber auch das abstruse Privileg des Kriegsministeriums, dort seine – eher altgedienten oder untauglichen – Soldaten unterzubringen, gehören dazu. Frantz Jourdain, der Architekt der Samaritaine und Mitbegründer des Salon d’Automne, mahnte, das Kulturbudget sei seit sechzig Jahren nicht gestiegen, mit Folgen auch für die Kunst und ihre Sicherheit.

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