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Grisebach-Auktionen : Guter Mond, du gehst so stille

Mit rund 1500 Kunstwerken und einer mittleren Gesamtschätzung von sechzehn Millionen Euro tritt Grisebach in Berlin zu den Frühjahrsauktionen an.

          Am 31. Mai macht wieder das 19. Jahrhundert den Anfang der Auktions-Suite bei Grisebach in Berlin. Unter knapp hundert Losen am höchsten taxiert ist mit 400 000 bis 600 000 Euro „La Route de Marly, Louveciennes“, die Camille Pissarro 1871 malte, gleich nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs. Das Dorf nahe Paris, wo er mit seiner Familie lebt, wird zur sanften Vision des Friedens, in der noch Corot verhafteten Tonigkeit und Komposition. Nur sechs Jahre später zelebriert Lovis Corinth seinen dem Betrachter abgewandten „Liegenden weiblichen Rückenakt“ auf 174 Zentimeter Leinwandbreite, als wäre auch er ein Franzose, dem es vor allem Gustave Courbet mit seinen Nackten angetan hat. Das attraktive Frühwerk ist von der schwarzen Haarpracht bis zu den schmutzigen Fußsohlen eine veritable Augenfalle für vielfältige Phantasien (Taxe 200 000/ 300 000 Euro), Wunderbar sanft wirkt dagegen die kleine „Mondscheinlandschaft“ von Johan Christian Clausen Dahl, dem Freund Caspar David Friedrichs (40 000/ 60 000). Dieser wiederum ist mit einem „Selbstbildnis“ auf braunem Velin vertreten, das sein Bruder Christian um 1803 in Holz schnitt (50 000/70 000). Und weil es auch unter einem Sichelmond so schön ist, sei noch die winzige „Gotische Kirche über Baumwipfeln bei Mondenschein“ erwähnt, die Carl Gustav Carus, noch ein Friedrich-Spezi in Dresden, um 1840 in Öl auf Karton malte (25 000/35 000).

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Katalog mit den ausgewählten Werken am 1. Juni fällt diesmal eher schmal aus mit seinen fünfzig Positionen. Mit der Erwartung von 700 000 bis eine Million Euro ist Max Beckmanns „Tiergarten im Winter“ von 1937 mit Abstand das teuerste Los. Die – auch symbolhafte – Kältestarre des mittelformatigen Berlin-Gemäldes beeindruckt, allerdings fehlt den kahlen, gestutzten Bäumen auch die Magie von Beckmanns Personage. Was die Taxen angeht, klafft dann eine Lücke, bis zum Bereich von 200 000 Euro: Da finden sich die schönformigen „Lilien“ von Erich Heckel aus dem Jahr 1912 (200 000/ 300 000); Gabriele Münters „Herbstliche Landstraße“ in Öl auf Pappe von 1910 (200 000/300 000); oder Karl Hofers zartes „Mädchen, sich kämmend“ von 1938 (250 000/350 000). Knapp darunter firmiert der im Markt stetig avancierende Walter Dexel mit der Komposition „MO 1925 I“ (150 000/200 000).

          Zwei zickige Riemensandalen

          Der unbekannte Holländer Franz Willems mit dem kühlen Frauenporträt „Im Schein der Fotolampe“ von 1928 (18 000/ 24 000) hält sich in seinem neusachlichen Duktus bestens neben Georg Schrimpfs „Ausschauender“ von 1925 (60 000/80 000). Eine auffallende Erscheinung ist auch Franz Nölken mit seinem „In der Tür stehenden, weiblichen Akt“, der 1911 deutlich unter dem Eindruck der Fauves entstand (30 000/40 000). Entsprechend preislich etwas tiefergelegt erscheint dann die gutbestückte Moderne Kunst am 2. Juni, wo sich schon vom vierstelligen Bereich an fündig werden lässt – wie zum Beispiel mit zwei der geschweißten Kupferblech-„Köpfe“ von Michael Croissant (Taxen von 8000 und 9000 Euro an) oder, um beim Medium zu bleiben, mit Kleinplastiken von Renée Sintenis und August Gaul. Außerdem gibt es einen Sonderkatalog mit allseits beliebter Picasso-Keramik.

          Ebenfalls am 2. Juni ist die zeitgenössische Kunst dran, mit gut 150 Losen. Ein 1,3 mal einen Meter großer, schwarzer „Mona Lisa (Four Times)“-Siebdruck von Warhol, um 1979 (nicht so richtig früh) entstanden und, laut Grisebach, bis heute im Besitz eines seiner Assistenten, soll 500 000 bis 700 000 Euro bringen. Für Fans gibt es zwei schöne Arbeiten von Blinky Palermo: die zweiteilige „Ohne Titel. Gewidmet: Thelonious Monk“ von 1973 (40 000/60 000) und die etwas kryptische „Zu ,5‘ Wandzeichnungen mit rotbrauner Fettkreide“ von 1970 (30 000/40 000). Konrad Klapheck steuert zwei zickige Riemen-sandalen unter dem Titel „Das Lächeln der Auguren“ bei, für die dann schon 100 000 bis 150 000 Euro nötig sind. Ein großes violettes Kissenbild „an van Dyck“ von Gotthard Graubner toppt diese Schätzung mit 150 000 bis 200 000 Euro.

          In der „Orangerie“ am 1.Juni geht es quer durch Kontinente und Kulturen. Man hätte ja nicht so leicht gedacht, dass einmal gusseiserne Ventilatoren von Peter Behrens in ihrer spröden Anmut mindestens 3000 Euro kosten sollen. Einem lebensgroßen männlichen akademischen Aktmodell, das Franz Xaver Seegen 1783 aus Lindenholz schnitzte, hätte man allerdings seine Taxe von 100 000 bis 150 000 Euro schon zugetraut. Das gesamte Angebot der vier Auktionstage runden die Fotografie, gleich am 31. Mai, und der „Third Floor“, mit Taxen bis 3000 Euro am 3. Juni, ab.

          Quelle: F.A.Z.

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