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Großinvestor gegen Großgalerist : Krach der Giganten

Investor Ronald Perelman beklagt Larry Gagosian. Dieser soll Perelman um Millionen von Dollar geprellt haben. Die Klage kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt, denn am Thron des Galeristenzars wird zurzeit kräftig gerüttelt.

          Über Kunst und ihren Wert, ob monetär oder ästhetisch, war bisher in Museen, Galerien und Auktionshäusern mehr zu erfahren als vor Gericht. Das scheint sich jetzt zu ändern. Immer häufiger werden Juristen bemüht, um Streit über Herkunft, Echtheit, Besitzverhältnisse und sogar den Wert von Kunstobjekten zu entscheiden, und nicht selten taucht dabei der prominente Name des New Yorker Großgaleristen Larry Gagosian auf. Aktuell beklagt wird er am New York State Supreme Court in Manhattan vom Großinvestor Ronald Perelman, mit zwölf Milliarden Dollar Vermögen die Nummer69 auf der globalen Milliardärsliste von „Forbes“.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Gagosian, so die Anklageschrift, soll Perelman bei einem komplexen, aber nicht unüblich komplizierten Deal, in dem ein Kunstwerk gegen andere aufgerechnet wurde, um Millionen von Dollar geprellt haben. Hauptstreitobjekt ist die Comicfigur „Popeye“, die bei Jeff Koons als Granit-skulptur in Auftrag gegeben wurde, und zwar im Mai 2010. Laut Anklage war der Liefertermin für den 15.Dezember 2011 angesetzt, und bis dahin sollte Perelman vier Millionen Dollar in fünf Raten à 800000Dollar bezahlen. Als sich abzeichnete, dass „Popeye“ zum vereinbarten Zeitpunkt nicht fertig würde, trat der sammelnde Investor vom Kauf zurück und verlangte vom Kunsthändler, den Wert der Plastik bei einem anderen Kunstkauf anzurechnen. Allerdings dachte Perelman an eine Gutschrift von weit mehr als vier Millionen. Denn die Preise für Kunst von Koons, wie er bis heute argumentiert, hätten sich in der Zwischenzeit dramatisch erhöht.

          Perelman bezichtigt darüber hinaus Gagosian und Koons eines „Geheimabkommens“, das Koons siebzig Prozent des Verkaufspreises über vier Millionen zubillige und gar achtzig Prozent, wenn Gagosian die Skulptur vor ihrer Vollendung erst zurück- und dann weiterverkaufe. Gagosian habe so „gegen das Interesse des Klägers“ gehandelt. Im vergangenen Herbst reichte Gagosian eine Gegenklage ein, die er einen Monat später zurückzog. Vor wenigen Wochen hat er beantragt, Perelmans Klage zurückzuweisen. „Popeye“ sei inzwischen verkauft worden, und ein ungenannter Käufer habe dafür 4,5Millionen Dollar bezahlt, wovon 4,25Millionen an Perelman gegangen seien.

          Die zweite Natur des Kunsthandels

          Der „Clash of Titans“, wie die „New York Times“ schrieb, wird nun pikant damit gewürzt, dass die beiden Gerichtsgegner einst dicke Freunde waren. Sogar für ein Restaurant in den Hamptons hatten sie sich zusammengetan, und gegenseitige Einladungen in ihre Landschlösser am Strand waren an der Tagesordnung. Mehr als zweihundert Kunstwerke will Perelman über zwei Jahrzehnte von Gagosian, seinem „Mentor“ und „Kunstberater“, gekauft haben. Jetzt bezeichnet der Galerist einen seiner sicher besten Kunden als „Bully“ und „Schnorrer“, während dieser ihm vorwirft, Preise zum Nachteil seiner Kundschaft zu manipulieren. Perelman beschuldigt Gagosian schließlich, seine „Vertrauensposition“ missbraucht zu haben. Und dadurch wird der Fall in die nächste Dimension katapultiert.

          Das Gericht soll nicht nur entscheiden, ob es zu betrügerischen Kalkulationen gekommen war, sondern auch, ob der Galerist, dem von Perelmans Anwälten „eine unvergleichliche Kenntnis der Kunstwelt und eine beherrschende Stellung in ihr“ zugeschrieben wird, in einem „treuhänderischen Verhältnis“ gegenüber dem Sammler steht. Der Fall „MAFGArt Fund LLC v. Gagosian“ wirft also Fragen zu Interessenkonflikten im Rahmen von Kauf- und Verkaufsgepflogenheiten auf, die dem Kunsthandel zweite Natur geworden sind und es offenbar bleiben sollen, auch wenn sich in letzter Zeit die Debatten über den Mangel an Transparenz ominös häufen. Auf welcher Seite der Kunsthändler gerade agiert, ist ja für den Käufer oft nicht leichter auszumachen als für den Verkäufer. Der Blick hinter die Kulissen, den Perelman jetzt mit seiner Klage freigibt, wird nur noch für mehr Wasser auf die Mühlen der Skeptiker sorgen, denen es an Argumenten, skandaluntermauert von Knoedler bis Guy Wildenstein, wahrlich nicht gebricht.

          Für Gagosian könnte die peinliche Gerichtssache mitsamt ihren medialen Nebenwirkungen zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen: Am Thron des Galeristenzars wird zurzeit kräftig gerüttelt, von Künstlern, die ihm den Rücken kehren, und von Konkurrenten, die plötzlich Schwäche wittern, wo es früher keinen Zweifel an Macht und Einfluss und Stärke gab. Ausgerechnet Jeff Koons will jetzt seine nächste Ausstellung in New York von David Zwirner, Gagosians vielleicht schärfstem Rivalen, ausrichten lassen, und Damien Hirst und Yayoi Kusama haben sich schon ganz von ihm getrennt. Mit Perelmans Klage, egal, wie sie ausgehen mag, verdüstert sich nur noch ein Bild, das schon ein paar schwere Kratzer abbekommen hatte.

          Quelle: F.A.Z.

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