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Aktualisiert: 26.04.2015, 19:00 Uhr

Adonis bei Azzedine Alaïa Den Händen freien Lauf lassen

In Schrift und Farbe: Die graphischen Arbeiten des arabischen Dichters Adonis sind in der Pariser Galerie des Modemachers Azzedine Alaïa zu sehen - eine vielseitige Verbindung.

von Bettina Wohlfarth, Paris

Von der Schrift kann Adonis nicht lassen. Sie bleibt die Matrix auch seines graphischen Werks. Wenn der syrisch-französische Lyriker seinen Zeichnungen und Collagen klassische arabische Gedichte unterlegt, hat das nichts mit Kalligraphie zu tun. Er erfindet dafür eine eigene Handschrift, und so wird der Text selbst zur Zeichnung. Bilder, Figuren, Gegenständliches scheinen für den Dichter immer aus Sprache hervorzugehen. Vielleicht ist es sogar ein Glück für den okzidentalen Betrachter, kein Wort in diesen Palimpsesten lesen zu können: Es bleibt die geschwungene Eleganz der Schrift, mit ihren Bögen, Rundungen und Punkten. Die darin eingewirkten Collagen, Aquarell- und Tuschzeichnungen sind Emanationen eines geheimnisvollen Subtexts, die dem Unbewussten entschlüpft sind, um sich auf Papier zu manifestieren. Aus Farbe und Tusche, aus Stoffresten und Kordel entstehen Figuren oder der figurative Ausdruck von Emotionen, die in ihrer Spontaneität surrealistischen Arbeiten ähnlich sind.

Dass Azzedine Alaïa und Adonis eine Geistesverwandtschaft verbindet, könnte in ihrer Biographie begründet sein. Beide - 1940 in Tunesien und 1930 in Syrien geboren - waren durch ihr Umfeld nicht zur Künstlerschaft prädestiniert. Beide haben die Leidenschaft für ihr je eigenes Handwerk früh entdeckt. Beide sind durch ihr ausgeprägtes Feingefühl zu Meistern im Umgang mit ihrem jeweiligen Material geworden: der Couturier Alaïa im Skulptieren von stofflichem Volumen, der Lyriker Adonis in der Fähigkeit, Worte so zu gestalten, dass sie den Leser mit ihrer Sinnlichkeit und Bildlichkeit umhüllen. Dass es nun zu dieser ungewöhnlichen Ausstellung eines zeichnenden Dichters bei einem Modeschöpfer kam, ist dem Künstler Adel Abdessemed und dem Kurator Donatien Grau zu verdanken, die die beiden bei einem Abendessen in Alaïas riesiger Küche, seiner Projektschmiede, zusammenbrachten. Als einen herkömmlichen Kunstverkaufsort möchte der seine Galerie keinesfalls verstehen. Wer sich für den Erwerb einer Arbeit von Adonis interessiert, wird an die Salwa Zeidan Gallery in Abu Dhabi verwiesen. Auf deren Internetseite finden sich Preise, die bei Alaïa im Pariser Marais-Viertel niemand kennen muss: Kleinere bis mittlere Formate kosten von 5000 bis 9500 Dollar.

Im Zeichen der Krise

Adonis, alias Ahmed Saïd Esber, gilt als der bedeutendste lebende Lyriker der arabischen Welt. Mit seinem Pseudonym bezieht er sich auf den syro-phönizischen Fruchtbarkeitsgott, der für zyklischen Neubeginn steht. Erst spät, in den neunziger Jahren, fing Adonis mit ersten Arbeiten auf Papier an. Sie waren zunächst ein Zeichen der Krise: „Es gibt Tage, an denen ich weder schreiben noch lesen kann“, sagt er, „warum nicht den Händen freien Lauf lassen!“ Weil es den Begriff Collage im Arabischen nicht gibt, verwendet Adonis das Wort Rakima, was zugleich Schrift und Farbe heißt. Seine Rakima betrachtet er als Weiterführung der Dichtung mit anderen Mitteln.

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In der Ausstellung bei Alaïa sind Werke aus den späten neunziger Jahren, vor allem aber aus den jüngsten drei Jahren zu sehen. Bei den Zeichnungen von 2014 versiegt die Farbe und weicht schwarzer Tusche. Der engagierte Intellektuelle, der Adonis als Essayist, politischer Denker und freigeistiger Weltbürger auch ist, scheint in diesem intimsten Ausdruck seines Erlebens mit dem Kriegstreiben in der arabischen Welt mitzuleiden. Doch seine wichtigsten Worte bleiben kraftvoll: „Ich habe weiterhin Vertrauen. Selbst ein großes Liebesgedicht zu schaffen heißt, die Welt verändern.“

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