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Graphik von Frauen Muse, Modell und - Malerin

Die Galerie Joseph Fach zeigt eine Sammlung von Zeichnungen aus vier Jahrhunderten – ausschließlich von Frauen. Das ist ein Fundus auch für die Kunstgeschichte.

Die Galerie Joseph Fach setzt sich in Frankfurt seit drei Generationen für das empfindlichste Medium der Kunst ein: die Zeichnung. In einer kleinen Seitenstraße in Frankfurts Westen befinden sich die Räume des Kunsthandels und Kunstantiquariats. Gegründet vor 84 Jahren, also 1928, wird das Geschäft heute von Martin Fach geführt.

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Seine Mutter Bärbel Fach, eine Expertin besonders in antiquarischen Fragen, hat die tägliche Arbeit in der Galerie vor einigen Jahren aufgegeben. Doch nun ist sie zurück. Sie habe ihrem Sohn eine Ausstellung versprochen, sagt sie. Denn sie hütet noch einen Schatz, den sie in vierzig Jahren neben der Galeriearbeit zusammengestellt hat und der zur privaten Obsession wurde. Jetzt sei es an der Zeit, die Sammlung zu verkaufen und das gesellschaftliche Interesse hoffentlich da. Ihr Thema: „Frauenkunst - Kunst von Frauen“.

Insgesamt 353 Aquarelle, Zeichnungen und Graphiken von 163 Künstlerinnen vom 17. Jahrhundert bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts sind zu sehen und nun auch zu erwerben. Nimmt man sich für diese unendliche Vielfalt Zeit, setzen sich die so unterschiedlichen Biographien zu einer Historie der Frauen zusammen, die ganz neue Perspektiven wählt und doch immer lückenhaft bleiben wird.

Denn viele Werke gelten seit Jahrhunderten als verschollen, weil es zu Lebzeiten kein Interesse an der Bewahrung gab. Bärbel Fach hat neben den vielen durchaus bekannten Namen wie Angelika Kauffmann, Maria Sibylla Merian, Renée Sintenis oder Käthe Kollwitz auch unserer Kenntnis entschwundene Namen entdeckt und ihre Biographien erforscht; nachvollzogen, wie die Frauen lebten und arbeiteten, was sie am Erfolg hinderte und sie vergessen machte. „Sie wurden gesehen als Muse, Modell oder Unterstützerin im Hintergrund, aber nicht als gleichberechtigt“, erklärt Bärbel Fach ihre hartnäckige Sammelleidenschaft.

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Die Ausnahmeerscheinungen sind rar und lebten meist unter unvergleichbaren Bedingungen. Von der bekannten Malerin Elisabetta Sirani bekommen wir eine Pinsel- und Rötelzeichnung „Joseph mit dem Christusknaben und zwei Engeln“ zu sehen: Sie ist mit 12000 Euro hier das teuerste Werk. Sirani lebte von 1638 bis 1665 und gehörte in ihrem kurzen Leben zu den gefragtesten Malern Bolognas.

Sie gründete gar eine „weibliche Akademie“, was eigentlich erst im 19.Jahrhundert üblich werden sollte, um Frauen die Möglichkeit einer Ausbildung zu bieten, da sie an den offiziellen Kunstakademien nicht studieren durften. Insgesamt 170 Werke schuf Sirani; sie befinden sich heute in einigen öffentlichen Sammlungen, unter anderen in Berlin. Auch Marie Ellenrieder ist heute wieder ein Begriff, denn sie hatte das Glück, 1822 als erste Frau an der Kunstakademie München zugelassen zu werden. Sie wurde 1829 zur badischen Hofmalerin ernannt.

Doch die Mehrheit der Frauen kämpfte vergeblich um eine Rolle in der Kunstgeschichte oder zog dann den üblichen Lebensweg vor. Paula Lauenstein zum Beispiel erhielt Zeichenunterricht in Dresden, wo sie 1898 geboren wurde; 1928 zeigte sie in Bautzen gar eine Ausstellung, lebte in Berlin, Salzburg, hatte ein eigenes Atelier in München. Ihre Graphitzeichnung „Mädchen mit gestreifter Bluse“ von 1924 zeigt eine nachdenkliche Frau mit vollen Lippen und großen melancholischen Augen - ganz der Zeit entsprechend. Mehr wissen wir über sie nicht. Auch Alice Sommer blieben nur wenige Jahre als Künstlerin.

Doch die Ergebnisse sind so eigenwillig in Stil und Ausdruck, dass sie einer Bewahrung würdig sind. Die Schraffur der großformatigen Kreidezeichnung „Knabe und Mädchen auf einer Bank sitzend“ (5800 Euro) vom 20. Juli 1923 ist mit der Kreide gegen den Strich gekämmt. Der malerische Stil spiegelt sich in den grotesk traurigen Augen der Kinder wider. Trotz des eigentlich so harmlosen Motivs ist das Bild zum Bersten gespannt. Doch Alice Sommer heiratete 1927 den Geiger Hans Morgenstern und beendete ihre künstlerische Karriere. Hier endet auch ihr Erbe für die Nachwelt. Ein Großteil ihrer Arbeiten wurde im Haus ihrer Eltern während des Krieges durch Bomben zerstört.

Cornelia Gurlitt lebte von 1890 bis 1919; auch über sie ist kaum etwas bekannt. Doch die Ausstellung würdigt sie gleich mit mehreren scharfen Zeichnungen: Die Bleistiftskizze „In einer Landschaft sitzende Frau mit erhobenen Händen“ (1200 Euro) von 1917 erinnert an den kantigen Otto Mueller. Cornelia Gurlitt arbeitete im Ersten Weltkrieg als Sanitätsschwester in den Lazaretten. Im Buch „An der Wende der Zeit. Menschen und Begegnungen“ von Paul Fechter wird sie als die „vielleicht genialste Begabung der jüngeren expressionistischen Generation“ bezeichnet. Doch das Talent starb früh. Sie zog nach Berlin und nahm sich dort 1919 das Leben.

Insgesamt wissen wir auch nach dem Besuch dieser Schau immer noch viel zu wenig über die unerschöpfliche Zahl von künstlerischen Lebenswegen, können nur aus ihren raren Zeichnungen erahnen, was sie beschäftigte. Auf Cornelia Gurlitts gerade erwähntem Blatt „Frau mit erhobenen Händen“ sehen wir eine weibliche Figur von der Natur umsäumt. Schaut man genau hin, wird sie jedoch geradezu gefangen gehalten von den Gräsern und Gewächsen. Sie hebt ratlos die Hände. Charlotte Berend-Corinth brachte das Dilemma sprachlich auf den Punkt: „Ich bin trotz Fleißes nur sprunghaft vorangekommen, denn ich durfte nur einen Teil meiner Seele für mich klingen lassen, nur einen Teil meiner Kraft für mich brauchen.“

Bärbel Fach jedenfalls ist davon überzeugt, dass jetzt die Zeit da ist, die Kunstgeschichte noch einmal genauer anzuschauen, um verborgene Schätze zu heben. Und ihre Sammlung soll dazu zumindest einen kleinen Teil beitragen.

Frauenkunst - Kunst von Frauen. In der Galerie Joseph Fach, Frankfurt. Der Katalog, erschienen bei Heinrich Editionen, mit einer Einführung von Edith Valdivieso, kostet 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.12.2012, 06:34 Uhr