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Gipskopien in Berlin Die Nofretete als Geschenk?

 ·  Die Berliner Gipsformerei macht es möglich. Das Neue Museum beleuchtet ein Traditionshandwerk und zeigt die beliebtesten Repliken. Ganz vorne steht die schöne Herrscherin.

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Den ersten Platz in der Beliebtheitsskala von Abformungen plastischer Kunstwerke aller Völker und Zeiten, mit denen sich die Berliner Gipsformerei seit annähernd zweihundert Jahren handwerklich beschäftigt, belegen Repliken der am 6. Dezember 1912 in Tell el-Amarna aufgefundenen, bemalten Kalksteinbüste der altägyptischen Königin Nofretete. Das Verlangen nach Kopien setzte unmittelbar nach ihrer Erstpräsentation in Stülers Neuem Museum ein, als ganz Berlin von einer fiebrigen Ägyptomanie erfasst wurde und das Schminkwunder vom Nil nicht nur ausgiebig betrachten, sondern sogar imitieren wollte.

Seit die Nofretete nach etlichen strapaziösen Standortwechseln im Herbst 2009 ihr endgültiges Quartier im Nordkuppelsaal des Neuen Museums gefunden hat, drängeln sich ihre Bewunderer vor dem Panzerglaskasten, der das mit 390 Millionen Euro versicherte, kostbarste und populärste Objekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schützt. Noch mehr Publikumszulauf dürfte die zur schönsten Frau der Welt erklärte Gemahlin des „Ketzerkönigs“ Echnaton erfahren, nachdem jetzt eine „Im Licht von Amarna“ überschriebene kulturhistorische Ausstellung an die Auffindung der „Bunten Büste“ durch das von Ludwig Borchardt geleitete Grabungsteam der Deutschen Orient-Gesellschaft erinnert.

Nach einer bis heute nicht in allen Einzelheiten geklärten Teilung der auf dem Terrain des von Pharao Echnaton um 1346 vor Christus bezogenen neuen Regierungssitzes Achet-Aton, dem heutigen Tell el-Amarna, gesicherten Objekte wurden 5500 Einzelstücke der Obhut des Berliner Ägyptischen Museums anvertraut, während die Büste der Nofretete zunächst den Kaminsims des Mäzens James Simon zierte, wo sie der letzte deutsche Kaiser privat in Augenschein nehmen durfte.

Einer ersten Kopie für Wilhelm II. folgten unzählige weitere Repliken. Vor kurzem trat die Berliner Gipsformerei mit einer auf hundert Exemplare limitierten Sonderedition hervor, die reißenden Absatz erfuhr. Restexemplare können im „Shop“ des Neuen Museums für 2900 Euro erworben werden. Eine Vitrine vereint Abgüsse der unweit im Ausstellungsbereich plazierten Originale, darunter ein sparsam bemaltes Porträt des Echnaton, Nofretetes Gemahl, dem die Königin sechs Töchter, aber keinen männlichen Nachkommen schenkte.

Eine Königin mit sichtbarem Temperament

Thomas Mann, der die kalkweiße Büste im Vorfeld seiner Josephs-Trilogie einer sezierenden Betrachtung unterzog, verglich den Religionsstifter Echnaton mit „einem jungen, vornehmen Engländer von etwas ausgeblühten Geschlecht: hochmütig und müde, mit witternden Nüstern und tief träumerisch verhängten Augen, von denen er die Lider nie ganz aufzuheben vermochte“.

Weit weniger attraktiv als seine im Dienst des Sonnengottes Aton assistierende Gattin, deren zeitlos wirkender Chic und Charme nebst erotischer Ausstrahlung ihre Integration in bürgerliche Wohnzimmer beförderte, kostet das vollplastische Abbild Echnatons, vormalig Amenophis IV., 550 Euro. Einem Temperamentsbündel geglichen haben muss seine Mutter, die dunkelhäutige Königin Teje, deren weit unterlebensgroßes Porträt mit den verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln unter einem skeptisch blickenden Augenpaar für 990 Euro erworben werden kann.

Das erste Pferdeporträt der Kunstgeschichte

Ein annähernd quadratisches Relief zum Preis von 270 Euro zeigt Echnaton und Nofretete im spielerisch-zärtlichen Umgang mit den drei erstgeborenen Töchtern, gewärmt von den Strahlen des immateriellen Sonnengottes Aton. Stark verkleinert, umrundet das „Altarbild“ einen Windlichtbehälter aus Bisquit-Porzellan, der sich, für 29 Euro, als originelles Souvenir anbietet.

Mit großen Augen, vollen Lippen und einem blasenförmig ausladenden Hinterkopf unverkennbar die Tochter des hohen Paares, erscheint eine „Prinzessin“, die bei Kriegsende in die Sowjetunion entführt wurde und 1958 nach Ost-Berlin zurückkehrte (690 Euro). Mutmaßlich das letzte Überbleibsel eines Doppelstandbildes ihrer Eltern ist ein vornehmlich von Liebespaaren begehrtes Händepaar, das verständlicherweise auch schon Chirurgen interessiert hat (690 Euro). Wer 250 Euro investieren möchte, sollte sich für das erste legitime Pferdeporträt der Kunstgeschichte entscheiden, den Relief-Kopf eines nervös scheuenden Reittieres mit aufgestellten Ohren und geblähten Nüstern.

Jedes der abgebildeten Werke transportiert eine Facette der hochsensiblen Amarna-Periode, jenes seltsamen Zwischenspiels im Kontinuum altägyptischer Kunst, das spätere Epochen, bis in unsere Gegenwart hinein, ästhetisch in Bann zu schlagen vermochte.

Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete. Im Neuen Museum, Berlin. Bis 13. April 2013. Der im Michael Imhof Verlag erschienene Katalog kostet 29,95 Euro.

Quelle: F.A.S.
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20.12.2012, 06:23 Uhr

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