Die Überbietungsstrategien der dominierenden Auktionshäuser äußern sich schon seit geraumer Zeit in kiloschweren Katalogen, deren einzelne Bildbeschreibungen den Charakter von Essays annehmen, um Überzeugungsarbeit für die einzelnen Lose zu leisten. Darin spiegelt sich die Schärfe der Rivalität genauso wie der harte Kampf um die Spitzenstücke, zumal im Feld der Gegenwartskunst. Dabei ist es nicht ohne Witz, dass Phillips de Pury, die kleinste Firma, als Alleinstellungsmerkmal schon seit Jahren zum sogar noch leicht verbreiterten Folio-Format übergegangen ist. Wer nun den Überblick auch nur für die aktuellen Londoner Abendveranstaltungen gewinnen will, muss durchackern: 335 Seiten für 71 Lose bei Christie’s, 333 Seiten für achtzig Lose bei Sotheby’s und bei Phillips de Pury schlanke 125 unpaginierte Seiten für dreißig Lose.
Der kraftmalerische Chef kocht weiter an der absoluten Spitze mit: Die abenteuernde „Study for Self-Portrait“ von 1964 im Format von 1,5 mal 1,4 Metern und im Goldrahmen hinter Glas firmiert als Losnummer 25 im Christie’s-Katalog für den 27. Juni. Der estimate on request wird auf Nachfrage mit „im Bereich von fünfzehn bis zwanzig Millionen Pfund“ aufgelöst. Das Bildnis, so heißt es in Sachen Mystifizierung, vereinige das Gesicht Bacons mit dem seines Freunds Lucian Freud. Die Kette der Vorbesitzer verzeichnet übrigens die Peter Stuyvesant Foundation, die das Gemälde bereits 1965 erwarb, allerdings schon 1976 wieder in den Handel zurückgab; erst im März 2010 wurde diese Firmensammlung in einer Auktion in Amsterdam übrigens völlig zerschlagen. Den frühen Bacon-Verkauf darf man einen historischen Fehler nennen. Aber wer ahnt schon immer im Voraus, was die nächste oder übernächste Generation wertschätzen wird?
Spitzenwerke von Jean-Michel Basquiat
Immerhin hat Sotheby’s als sein Toplos für den 26. Juni eine kleinformatige, verhältnismäßig entspannte „Study for Self-Portrait“ von 1980 aufzuweisen, versehen mit der inzwischen am Markt legendären Vorprovenienz Stanley J. Seeger und jetzt ausgezeichnet mit fünf bis sieben Millionen Pfund: Da tut sich diesmal also in London eine Lücke von ein paar entscheidenden Millionen Pfund im Hochpreissegment zwischen den Erzrivalen auf.
Der zweite leader of the pack unter den Zeitgenossen lebt leider auch nicht mehr: Wer Jean-Michel Basquiat verehrt, wird bei allen drei Häusern bedient, insgesamt gleich sechsfach. Bei Sotheby’s rangiert sein Format in 1,2 Meter Höhe, „Warrior“ von 1982, mit einer Schätzung von fünf bis sieben Millionen Pfund, also gleichauf mit dem Bacon-Selbstporträt. Im Christie’s-Katalog ist die Taxe für ein „Untitled“-Großformat von 1981 wieder auf Anfrage verzeichnet, genannt werden zehn bis fünfzehn Millionen Pfund. Phillips de Pury hält da am 28. Juni tapfer dagegen mit Basquiats „Irony of Negro Policeman“, ebenfalls aus dem Jahr 1981, ein sich vom Titel her selbsterklärendes starkes Hochformat, das auf sechs bis acht Millionen Pfund geschätzt ist.
Ein Schwammrelief von Yves Klein
Zu den Vorprovenienzen zählt bei Phillips der unhintergehbare Dealer Larry Gagosian, während bei Christie’s und Sotheby’s je gerade fünf Jahre zurückliegende Auktionen firmieren, deren Ergebnisse jeder ernsthaft Interessierte über die allfälligen Datenbanken erfahren kann - zum Beispiel also, dass der Christie’s-Basquiat im Mai 2007 bei Sotheby’s in New York 14,6 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) kostete, bei einer Taxe von sechs bis acht Millionen Dollar, oder dass der „Warrior“ bei Sotheby’s vor genau fünf Jahren für 2,82 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) wegging, angesichts einer Schätzung von 1,5 bis zwei Millionen Pfund. Das scheint die aktuellen Erwartungen nicht zu beschädigen. Phillips de Pury hat noch „Olympics“ von 1984 im Angebot, eine gut drei Meter breite Koproduktion von Basquiat und Warhol (Taxe 2/3 Millionen Pfund).
Sechsmal kommt Gerhard Richter vor, bei Christie’s und Sotheby’s, den der Auktionsmarkt seit Jahr und Tag mit sich reißt: Vielleicht hält jemand inne angesichts seines Gemäldes „Jerusalem“ von 1995, das sein Vorbesitzer laut Katalog bei der Anthony d’Offay-Galerie in London erworben hat (3/5 Millionen) - immerhin nach Bacon und Basquiat das zweithöchsttaxierte Los von Sotheby’s. Unmittelbare Attraktivität freilich schlägt alles beim herrschenden vanity fair - und Yves Klein hat ja wirklich bildschön sein zwei mal 1,5 Meter messendes Schwammrelief „Le Rose du bleu (RE 22)“ 1960 auf Holz gebracht und das Blaue ins Rot getränkt. Das bedarf einer dritten Anfrage bei Christie’s nach dem im Katalog verschwiegenen Schätzpreis: Mit dem Bereich von siebzehn bis zwanzig Millionen Pfund führt diese rare Beauté das gesamte Londoner Zeitgenossenfeld an.
Wer sich endlich dafür interessiert, was sich der internationale Sekundärmarkt so fort und fort für Jeff Koons vorstellt, der ja gerade in Frankfurt und Basel Hof hält und im New Yorker Whitney Museum seiner Retrospektive 2014 entgegensieht, erfährt auch das: Eines der notorischen riesigen „Baroque Egg with Bow“, diesmal in der Variante „Blue/Turquoise“, soll bei Christie’s für 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund gut sein; das entspricht dem Standard. Das bisher wohl teuerste Ei dieser Güteklasse wurde in Türkis/Magenta vor zwei Jahren in New York für 4,8 Millionen Dollar zugeschlagen. Sonst gibt es keinen Koons in diesem Frühjahr in London. Verknappung ist, gemäß der alten Weisheit für den abgehobenen Markt der Jungen, das beste Mittel gegen kommerziellen Werteverfall. Man muss das eben nur mit den richtigen Leuten hinkriegen.