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Gegenwartskunst : Von deutschen Superhelden: Ein Rundgang durch Frankfurter Galerien

  • -Aktualisiert am

Bei Jacky Strenz fragt Martin Ebner nach dem Inhalt der Kunst von heute; Olaf Metzel bringt Parisa Kinds Schaufenster grell und deutsch zum leuchten; der Raketenmann von Norbert Bauer und Ralf Tekaat ist bei Schuster anzutreffen.

          Ein kleiner Ast mit welken Blättern ragt aus der Wand. Die Blätter krümmen sich, sind durchsichtig und wie gefroren. Unten, am Galerienboden, zeichnen sich - mit silberner, grüner und brauner Sprühfarbe fixiert - die Umrisse gefallenen Laubs ab: Mit dieser Installation (1800 Euro) und weiteren Werken von Oliver Voss verabschiedet sich die Galerie Eva Winkeler aus Frankfurts Fahrgasse. Sie zieht in die Bethmannstraße um und vergrößert sich dabei auf hundert Quadratmeter; denn in der kleinen Schaufenstergalerie ist der Kunst nicht der nötige Raum vergönnt. In einer zweiten Installation von Oliver Voss attackieren auf die Wand gezeichnete, gemalte und gesprühte Linien ein braunes Blatt Papier, das dort hängt (3800 Euro). (Bis 28. Oktober.)

          Auch die Galerie Parisa Kind verläßt ihren kleinen Raum in der Fahrgasse, der doch genug Platz für Überraschendes bot. Parisa Kind wird erst einmal ortlos bleiben. Diesmal hat sie ihre Galerie mit Olaf Metzel prominent besetzt: Tritt man von außen an die Fensterscheibe, leuchtet es grell und deutsch. Olaf Metzel hat aus Plexiglas in schwarz-rot-gelben Streifen einen quadratischen Teppich flechten lassen und diesen ins Schaufenster gehängt (35 000 Euro) - ein Objekt minimalistischer Ästhetik. Doch die angesengten und angeschmolzenen Enden der breiten Streifen scheinen trotz ihrer Plastik-Fröhlichkeit die neugewonnene Freiheit im Umgang mit unseren nationalen Symbolen in Frage stellen oder jedenfalls thematisieren zu wollen: Mit der Symbolik ist es eben kein leichtes Spiel. (Bis 28. Oktober.)

          Sehnsucht nach dem Raketenmann

          Auf der anderen Straßenseite, im Projektraum der Galerie Schuster, sehnt sich das Bremer Duo Norbert Bauer und Ralf Tekaat zwar nicht nach goldener Symbolik, aber nach einem Superhelden, wie ihn die Deutschen nur aus Amerika kennen. Die beiden Künstler erfanden ihren Raketenmann - halb Mensch, halb Rakete. In ihrer raumfüllenden Collage aus Comics, Zeichnung, Zeitungsausschnitten, Fotografien, Landkarten und frischem Humor wird dokumentiert, wo sich der Raketenmann bisher versteckte, warum wir ihn alle noch nicht kennen und welch bedeutende Funktion ihm in der deutschen Geschichte zu eigen war: Auf einer Fotografie sitzt er im Hörsaal, während Adorno seine Vorlesung hält. Dann steht er als Leibwächter bereit, als sich Nachkriegspolitiker wie Leonid Breschnew und Helmut Schmidt die Hand geben (600 Euro) oder als sich Willy Brandt mit Egon Bahr trifft (350 Euro). Doch warum hat er uns schon wieder verlassen, unser einziger deutscher Held? Ging er irgendwann einfach verloren? Die Phantombilder helfen auch nicht bei der Suche. Mit zeichnerischer Kraft startet der Raketenmann schließlich in die Weiten des Universums (780Euro), und Elton John mag ihm wohl hinterhergesungen haben: „Rocketman, I think it's going to be a long, long time“. (Bis 14. Oktober.)

          Dem Diktum, als Künstler immer etwas Neues erfinden zu müssen - eben auch mal einen Superhelden -, verweigert sich Markus Ebner, zu überprüfen in der Galerie von Jacky Strenz. Ebner kopiert Bestehendes - und nicht Irgendetwas oder Irgendwen: Er kopiert das Werk seines verstorbenen Lehrers Günther Fruhtrunk, des konstruktivistischen Meisters der Streifen, die dieser farblich alternierend in strengen Rhythmen anordnet. Markus Ebner lenkt mit einem Augenzwinkern die Aufmerksamkeit auf die Frage nach dem Inhalt von Kunst heute. Fruhtrunk hat seine Komposition „Wendepunkt“ in sieben Arbeiten unterschiedlichen Formats zwischen 1963 und 1968 variiert. Jacky Strenz zeigt Ebners Kopien, die er sämtlich innerhalb eines Jahres herstellte (2006; je nach Format 2600 bis 5200 Euro). (Bis 4.November.)

          Ich bin ganz viele

          Die Galerie Poller in der Brückenstraße überrascht mit Fotografien von Nicolai Howalt und Trine Sondergaard. Die dänischen Künstler widmen sich diesmal dem Thema der Jagd; sonst sind die beiden eher durch Einblicke in düstere Abgründe menschlichen Alltags bekannt geworden. Das Ergebnis führt Schützen und erlegte Tiere in humorvollen Szenen zueinander. Was auf der monumentalen Wandtapete „How to hunt“ (2005, Auflage10; 5200 Euro) im Format von nahezu vier mal vier Metern zunächst wie der Aufbruch auf die Pirsch aussieht, ist bei näherem Hinsehen ein wildes Treiben: Jeder schießt auf jeden. Die Fotografen haben ein Jahr lang an derselben Stelle Jäger und Tiere beobachtet und die Bilder übereinandergelegt. (Bis 29. Oktober.)

          Mit einer ähnlichen Methode arbeitet normalerweise auch Martin Liebscher. Doch seine Ankündigung zur Ausstellung in der Galerie Voges & Partner in der Schweizer Straße versprach Innovation - grell, pink und nackt er selbst. Es bleibt allerdings beim bekannten Bild: Ich bin ganz viele. Dutzendfach zeigt sich der Künstler auf jedem seiner Fotos - im Tokioter Konzerthaus Suntory Hall als aufmerksamer Zuhörer (16 000 Euro), dann biertrinkend oder als ekstatischer Alleskönner am Klavier. (Bis 28. Oktober.)

          Die Galerie Neff hingegen machte für ihre Herbsteröffnung keine Versprechungen: Die Karte war bilderlos. Nach der recht farbenfrohen Ausstellung „gemütpink schwarz beblümt“ von Stefan Wieland herrscht nun die Macht des Konzepts im White Cube an der Hanauer Landstraße. Selbst die Hauptfigur der Performance, ein Mann vom echten Schlüsseldienst, mag bei der Eröffnung nicht gewußt haben, wie ihm geschah. Seine Aufgabe war es, Schlüssel der Galerie nachzumachen und diese Zweitschlüssel den Besuchern für zehn Euro zu verkaufen. Der Künstler hinter dieser Aktion, der Albaner Sislej Xhafa, der sein Land bei der Biennale in Venedig 2005 vertrat, tritt vorsätzlich in den Hintergrund. Die Frage lautet: Paßt der Schlüssel wirklich? (Bis 14.Oktober.)

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