10.01.2006 · „Es ist so leicht, ich weiß nicht, warum das sonst niemand macht“, sagt Gerhard Richter über seine Verwischtechnik in einem Gespräch über seine neuesten Arbeiten in der New Yorker Galerie Marian Goodman.
Von Lisa Zeitz„Nie“, sagt Gerhard Richter, arbeite er gleichzeitig an figürlichen und abstrakten Bildern. Anläßlich der Vernissage bei Marian Goodman, die seine neuen und neuesten Gemälde und Zeichnungen präsentiert, ist der Künstler nach New York gereist. Nun betrachtet er seinen jüngsten Zyklus im großen Eingangsraum der Galerie an der 57th Street: „Ungewohnt in diesem Licht.“ Einen Titel hat er noch nicht für die Serie, das sei ihm, meint er, früher leichter gefallen.
Richter macht mit randloser Brille und dunklem Jackett einen aufgeräumten, auf den ersten Blick unauffälligen Eindruck. Von mittlerer Größe, schlank und mit einem kurzen, angegrauten Vollbart, der eher ein Viertagebart ist, wirkt er jünger als seine 73 Jahre, sympathisch, fast schon munter - und nicht so kühl, wie man sich ihn vorstellen mag. Er sieht aus wie ein Frühaufsteher; dazu kommt die Zeitverschiebung: Als er an diesem Morgen um kurz nach neun vor der Galerie stand, war noch niemand da, um ihm aufzumachen.
Unter allen europäischen Künstlern ist Richter der am höchsten gehandelte Zeitgenosse. Mehr als 50 seiner Bilder haben auf Auktionen die Millionen-Dollar-Grenze gesprengt. Den Rekordpreis von 5,395 750 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) erzielten im Mai 2001 seine „Drei Kerzen“ aus dem Jahr 1982 bei Sotheby's in New York. Für neue Werke gibt es eine Warteliste, sagt Marian Goodman. Bei den drei Zyklen in der derzeitigen Ausstellung geht es nur noch um die Frage, welches Museum sie bekommen wird. Alle einzelnen Gemälde haben sich blitzschnell verkauft.
Der tragische Moment der Abstraktion
Die zwölf Leinwände des unbetitelten Zyklus im weitläufigen Eingangsraum der Galerie sind groß, aber haben mit fast zwei Metern Höhe und rund 1,30 Meter Breite doch ein moderates Format. Jeweils vier von ihnen sind parallel entstanden, indem Richter in ausholenden Gesten leuchtend bunte Farben aufgetragen hat.
Später wird übermalt, in Schwarz, Grau oder Weiß, je nach Bedarf unter Beimischung von einem Mittel, das den Trocknungsprozeß der Ölfarbe um drei Wochen verzögert. Richter benutzt einen breiten Rakel, um diese Farbschicht horizontal aufzutragen. Der verwischende Effekt, quasi eine strenge Marmorierung, ist der einer flüchtigen Erinnerung, eines unscharfen Fotos, eines tragischen Moments - auch in der Abstraktion: „Es ist so leicht, ich weiß nicht, warum das sonst niemand macht.“
Anfang und Ende einer sehnsuchtsvollen Reise
Wir stehen vor dem ersten Bild der Serie, das hauptsächlich von dickem Dunkelgrau bedeckt ist, aber auf der rechten Seite unten noch eine Ahnung des zugrundeliegenden leuchtenden Rots durchläßt und oben, wie Hoffnungsschimmer, Reste von Gelb und Rosa. In einem letzten Arbeitsgang hat Richter dann noch weiche, annähernd vertikale Spuren in die feuchte dunkle Farbe gesetzt, die wirken wie verkohlte Baumstämme nach einem Waldbrand oder Pfosten in brackigem Wasser. „Wehmütige Pinselstriche, die da überhaupt noch wachsen“, nennt Richter sie und verleiht ihnen gar das Attribut „sehnsuchtsvoll“. Es überrascht ein bißchen, daß er so frei über die Gefühle beim Malen spricht.
Die nächsten Bilder der Serie sind alle ähnlich aufgebaut, lassen etwas mehr Farbe durch oder werden etwas komplizierter in den sich überkreuzenden Strukturen. Manchmal hat der Rakel auf angetrockneter Farbe kleinerteilige, fast nervöse Spuren hinterlassen. Die letzten beiden abstrakten Bilder werden von warmem Hellgrau dominiert, wieder werden Assoziationen an Wald, Nebel oder an eine Bootsanlegestelle in Venedig wach. Das erste und das letzte Bild des Zyklus hängen sich gegenüber. Sie sind verschieden, aber gehören doch zueinander - wie der Ausgangs- und der Endpunkt einer sehnsuchtsvollen Reise.
Ein seltener Hauch politischer Provokation
Ein einziges, ganz anders geartetes Bild bestimmt den Raumeindruck, „Mustangs (ED 131)“, ebenfalls von 2005. Es ist eine fotografische Edition von 48 Stück, die sich auf Richters Gemälde „Mustang-Staffel“ von 1964 stützt und hinter spiegelnd glänzendem Glas acht Militärflugzeuge beim schrägen Flug über einer deutschen Felderlandschaft zeigt. Richter ist zufrieden: „. . . ist doch elegant geworden“. Der Kunstkritiker Peter Schjeldahl nannte das Motiv im „New Yorker“ anerkennend „a rare note of political provocation“. Tatsächlich verleiht das Bild im aktuellen politischen Klima in Amerika auch dem abstrakten Zyklus eine bedrohliche Aura. Richter hat als Dreizehnjähriger den Feuersturm auf Dresden als Glühen am Himmel miterlebt, aber er gibt sich jetzt distanziert: „Ich? politisch?“
Der eigentliche Auslöser für die neue Serie abstrakter Bilder war das auf einem eigenen Foto basierende „Waldhaus“, das neben dem namengebenden Hotel bei diffusem Licht viel Wald und Berge im Engadin zeigt. Das Gebäude ist an den Rand der Komposition gedrängt und vom Bildrand stark beschnitten, aber Richter deutet es anders: „Da ist es, ganz geborgen.“ Es war das erste Bild, das er im vergangenen Jahr fertiggestellt hatte.
Der Künstler hatte „Lust auf etwas Stilles, mich zu setzen“, aber beim Malen kam dann wieder die Lust auf abstrakte Bilder. Das erste Bild nach dem „Waldhaus“ ist noch mit der Waldhaus-Palette in hellem Grün und Weiß entstanden und wirkt wunderbar zusammen mit der verwischten fotorealistischen Landschaft. Zu diesem Zeitpunkt waren die zwölf großen Leinwände schon bestellt, „. . . und das war dann mein Sommer“.
Wenn zuviel weg ist, ist es verdorben
Zwei weitere Werkgruppen hängen im hinteren Galerieraum. Vier 1,50 Meter hohe abstrakte Bleistiftzeichnungen sowie vier Leinwände aus dem Zyklus „Silikat“, die Abstraktion und figürliche Darstellung miteinander vereinen. Es sind schwarzweiße Abbildungen von Molekülstrukturen, die Richter im Jahr 2003 gemalt hat und die 2005 in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen gezeigt wurden. Sie knüpfen an den „Ersten Blick in das Innere eines Atoms“ von 2000 an.
Das größte Bild der Serie, „Strontium“, hängt im kürzlich neu eingeweihten De Young Museum in San Francisco und mißt neun mal neun Meter. Aber auch die Maße der Bilder bei Marian Goodman sind mit 290 mal 290 Zentimeter monumental. Das pinselnde Verwischen der zuvor gemalten Formen, in diesem Fall Muster aus totenkopfähnlichen Elementen, vergleicht Richter mit der Arbeit eines Bildhauers: „Wenn zuviel weg ist, ist es verdorben.“ Das Verwischen ist für ihn „der einzige Rausch beim Malen - Bewußtlosigkeit ohne Sinn und Verstand“.