06.10.2006 · Stefan Mauck läßt seine Fassaden miteinander kommunizieren und Judith Barry projiziert in Innenräumen. Horndashs Collagen sind bei Tanit zu sehen. Außerdem beim Münchener Galerierundgang: Die Raumspektakel von Sandback und Rowe.
Von Brita SachsNur keine Panik; an wen richtet sich wohl der beruhigende Zuspruch quer über dem Eingang des öden Mehrparteienhauses aus den Achtzigern? An die Bewohner, die in dieser Nullachtfünfzehn-Architektur leben? Oder an Passanten, denen der Anblick des phantasielosen Kastens zugemutet wird? Nur keine Panik! Kein Hauseigentümer dürfte diesen Satz an seiner Front dulden, es war Stefan Mauck, der ihn in einer Fotosimulation dorthin schmuggelte - zu sehen jetzt in der Galerie K4, die neue Arbeiten des Villa-Massimo-Stipendiaten von 2007 vorstellt. Mauck interessiert die Membran zwischen innen und außen, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit; lakonischer Kommentar schwingt meistens mit, wenn er sich mit Gebautem befaßt und mit dessen „Beschreiben“, was man eben auch ganz wörtlich nehmen kann. Da notiert er in einem anderen Werkkomplex die eng mit Lebensumständen der Bewohner verwachsene Geschichte von Häusern: In knappen Worten bringt er sie so auf eine Wand, daß die Gebäude als Textbild in zarten Grautönen sichtbar werden.
Beim Lesen erfährt man, wie hier die Hausfrau mit einem Nachbarn anbandelte, was zu Scheidung und Verkauf des Eigenheims führte. Reliefs, die Mauck nach gefundenen Gebäuden anfertigt, nehmen die „kommunizierende Fassade“ ins Visier. Anarchische Betextung, wie sie der Künstler in seinen Fotosimulationen nur vorgibt, schaffen nächtens Sprayer als ungebetene Künder und Sprücheklopfer auf fremden Mauern. Maucks Reliefs einer klassizistischen Halle, von Elektrohäuschen oder Baracke tragen maßstabgerecht verkleinert die Parolen exakt so aufgemalt, wie es der Künstler am realen Vorbild fand: „Wut“ steht da in schönster Graffiti-Majuskel, „vernichten“ oder - ausgerechnet - „Fucking Vandal“ (Reliefs ab 4400 Euro, Fotosimulationen 600 Euro). (Bis 4. November.)
Ortsspezifische Probleme des öffentlichen Raums
Man glaubt es kaum, aber in der Nachbarschaft, in der Galerie Karin Sachs, gibt es noch mehr Häuser en miniatur zu begutachten. Hier aber gilt es, auf die Filmprojektionen im Innern zu achten. Judith Barry, Amerikanerin und zwischen Berlin und New York pendelnde Multimedia-Künstlerin, geht ortsspezifischen Problemen des öffentlichen Raums nach. Sie ließ ein Projekt auf Wandobjektgröße schrumpfen, das sie 2000 im Stadtraum von San Diego ausführte: Nachgebaut wurde die Bank, in deren Erdgeschoßfenstern damals ein dreißigstündiges Programm situationsbezogener Spots und Filme lief. Die Galerieversion pickt daraus die „border stories“: Geschichten, die das Leben in der konfliktgeladenen Grenzregion zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko schrieb. Wie die Story einer Frau, die den Dieb ihres Autos, einen armen Teufel aus Tijuana, über ihr Handy erreicht, das im geklauten Wagen lag.
Mit dem Argument, ihre kranke Mutter könne nur in dem geräumigen Pkw transportiert werden, und dem Vorschlag, dieses gegen ein sportlicheres auszutauschen, geht ihr der dumme, aber mitleidige Dieb in die Polizeifalle. Den Reportern, die darob vom Sieg der Technik über den niederen Instinkt schwadronieren, sagte die Frau, „that she loves her cell phone“, sie liebe ihr Handy. Die Filme erzählen Geschichten, die der üblichen Schwarzweißmalerei vom reichen, einwanderungsfeindlichen Norden und dem bitterarmen, arbeitssuchenden Nachbarn im Süden diverse Mischtöne beimengt und zeigen, so die Künstlerin, daß die diversen Formen legalen, illegalen oder kleinkriminellen Grenzverkehrs San Diego und Tijuana längst zu einer Stadt verschmolzen. (Die Arbeiten kosten mit DVD und Lautsprechern ab 15.000 Euro, DVD allein 2000 Euro). (Bis 28. Oktober.)
Neues Schnittwerk
Ulrich Horndash wurde bekannt mit raumgebundener Kunst, für direktes Präzisionsarbeiten auf der großen Wand mit neu überdachten Facetten der frühen Moderne. Jetzt zeigt er bei Tanit, was seit geraumer Zeit zunächst wie nebenbei entstand. Diesmal ist man an den einen oder anderen Künstlerahn unter Kubisten und Dadaisten erinnert, der mit scharfer Schere vorging, um aus dem Schnittwerk Neues zu schaffen: das Stichwort heißt „Collage“. Was an Gedrucktem so herumliegt, Zeitschriften, Prospekte, Modehefte, wird zerschnitten, die Teile gemischt, ausgelegt, verschoben, neu geordnet und schließlich auf DIN-A4-Formaten montiert. Horndash empfindet die dynamischen Ergebnisse als „Gefühlsprotokolle“, und in der Tat klingen Stimmungen an, die zwischen explosiv, nüchtern und heiter manche feine Nuance durchspielen (2600 Euro).
Horndash fand so sehr Gefallen am freien Kumpanen Zufall, daß er inzwischen manche Motive vergrößert und in Siebdruck auf Glas überträgt (15.000 Euro) oder auch mit dem Schnitzelgut direkt auf die Wand geht: Eine Raumecke beklebte er mit sauberen Reihen aus Illustrierten gestanzter Papiertaler. Was aus der Ferne an Damien Hirsts „Dots“ erinnert, bekommt in der Nähe das Eigenleben von Wortfragmenten und Farblöchern sowie schöner Augen und Lippen, Markennamen oder Blüten - manchmal kann der Zufall ganz schön präzise sein. (Bis 14. Oktober.)
Unberechenbare Raumeindrücke
Raum spielt eine Hauptrolle auch in der aktuellen Ausstellung der Galerie Michael Zink. Installationen des minimalistischen Raumvirtuosen Fred Sandback treffen hier mit Arbeiten von Heather Rowe zusammen. Die junge New Yorker Bildhauerin befaßte sich intensiv mit dem Schaffen des vor drei Jahren gestorbenen Kollegen, der ihr gleichwohl im Verhältnis von Mittel und Wirkung haushoch überlegen ist, denn wie keiner sonst erreicht er in äußerster materieller Reduktion maximale Präsenz: Dünner Wollfaden, frei zwischen Decke und Boden straff verspannt, umreißt ein leeres Rechteck, vor dem schon mancher Besucher fragte, ob dort eine Glasscheibe stehe, und durch das Kinder instinktiv nicht hindurchlaufen.
Heather Rowes „Shadows of a Doubt“ verlangt mehr Bewegung. Die Künstlerin zeigt zwei Lattengerüste, deren Umrisse das Strebewerk gotischer Kathedralen zitieren. Aber in die rohen Pfeiler wurden Durchblicke geschnitten, Spiegel eingebaut und Stückchen einer Ornamenttapete geklebt. Das Hindurchgehen setzt ein kleines Spektakel unberechenbarer Raumeindrücke in Gang, welche die vermeintliche Solidität mit Löchern, Rissen und Zweifeln erschüttert (3800 und 6500 Euro. Die erwähnte Arbeit von Fred Sandback ist eine unverkäufliche Leihgabe, eine Wandarbeit aus dem Estate des Künstlers kostet 118.000 Dollar). ( Bis 14. Oktober.) Und wer in Zeichnungen und Druckgraphiken von Fred Sandback schwelgen möchte, wird in der parallel stattfindenden Ausstellung der Galerie Fred Jahn fündig.