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Gegenwartskunst Rätselgewänder

28.10.2006 ·  Martin Assigs Werke haben eine radikale Wirkung, denn ihnen fehlen physiognomische Bezüge. So können sich die Bilder nur gegenseitig erklären. Dieses Phänomen verdeutlicht nun die Ausstellung „Glück mit Tropfen“ der Kölner Galerie Jablonka.

Von Werner Schade
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Rock an Rock gereiht, zeigen die Motive der Bilder von Martin Assig in den Kölner Räumen der Galerie Jablonka. Assig wählt auf seinen Gemälden stets einen ganz bestimmten Ausschnitt: Kopf und Beine seiner Figuren fehlen. Die Gemälde scheinen aus einer Welt alter Rätsel zu stammen: In diesem Reich scheint es angemessen, Gesichter zu verstecken oder Aussehen und Gewand nach Belieben zu wechseln.

Von den Rändern her weht manche freie, oft nicht deutbare Form über die Bilder hinweg. Feingesprenkelte Flächen sind darunter, manchmal zu Kreisen geballt oder von farbigen Ringen überrascht. Auf dem Gemälde „Sirene“ aus diesem Jahr ist in Brusthöhe das herabhängende Profil eines Frauenkopfs versteckt; ein andermal kommen Ströme von farbigem Atem aus den Armbeugen einer Frau mit dem Namen „Polly“, und Strahlenbündel sind den Handrücken einer Gestalt auf „Justine“ entspungen.

Widerborstiges Eigenleben

Tänzerisch breitet sich das Kleid der „Flora“ auf rund zwei mal 1,5 Metern aus. Der blaue Gürtel an diesem Kleid ist bestickt mit den rätselhaften Umrissen einander zugewandter Mädchenköpfe. Auch die Musterungen der Gewänder scheinen sich zu verselbständigen; die Formen zeigen ein widerborstiges Eigenleben: Auf „Marthe, dunkel“ laufen rote Ornamentbänder über ihren schwarzen Rock. Doch diese sind nicht improvisiert; denn der Künstler hat die Ornamente aus vielerlei Vorlagen zusammengetragen.

Die Gemälde sind neben kleinformatigen, stillebenhaften Arbeiten und Zeichnungen des Künstlers präsentiert. Frühe Bilder von Martin Assig aus der Zeit um 1990 zogen die Grundrisse der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau als Zitate heran: Die verlöschten Gesichter der heutigen Figuren stehen in innerem Zusammenhang mit diesen frühen Werken. Ihre radikale Wirkung verdanken sie dem Fehlen physiognomischer Bezüge - so können sich die Bilder nur gegenseitig erklären. Und endlich wird in der Ausstellung, die den Titel „Glück mit Tropfen“ trägt, deutlich, daß die Farbe den riesigen - die Gemälde sind meist rund zwei mal 1,5 Meter groß - Körpern der Gestalten erst ihre Gewalt verdankt. (Preise zwischen 20.000 und 23.000 Euro.)

Die Ausstellung läuft bis zum 5. November.

Quelle: F.A.Z., 28.10.2006, Nr. 251 / Seite 48
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