Home
http://www.faz.net/-gyz-rhlb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gegenwartskunst Publikumsbetrachtung: Ein Rundgang durch Münchner Galerien

10.12.2005 ·  Was betrachten diese Menschen nur, die, den Kopf weit im Nacken, andächtig zu etwas Großem aufschauen? Das jüngste Kapitel seiner Museumsbilder - derzeit ausgestellt in der Galerie Rüdiger Schöttle - fotografierte Thomas Struth voriges Jahr zum 500. Geburtstag des David in der Galleria dell Accademia in Florenz.

Von Brita Sachs
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Als Senkrechtstarter aus den eigenen Reihen genießt Michael Sailstorfer die einhellige Bewunderung der jungen Münchner Kunstszene. Biennalen, Trienalen, und Soloschauen von Bayern bis Los Angeles katapultierten den Sechsundzwanzigjährigen Künstler auf das Parkett internationaler Wahrnehmung und während er Kunstpreise sammelt, sammeln Kunstsammler, was er aus alten Autos, abgelegten Reifen, Flugzeugteilen und dergleichen baut und als ungestüme Ungetüme neuer Existenz zuführt.

Vor dem Münchner Lenbachhaus stand zeitweise die Arbeit „Und sie bewegt sich doch“, da sauste um eine blaue Blechschrottkugel eine leuchtende Straßenlaterne per Dieselmotor. Derzeit droht ein riesiges rotes Ding bei Zink & Gegner den Galerieraum zu sprengen; auf seinem Bootsträger lagert es dort auf dem Trockenen, vor dem einen Ende sitzt eine dicke Betonkugel, das andere krümmt sich stachelspitz nach oben wie ein Haken oder Welle.

Der Titel „U“ deutet an, was mit dem Ding im Wasser geschähe: die Sinkfahrt wäre unvermeidlich. Als aggressiver Torpedoschießer oder dickköpfiger Rammbock am Meeresgrund taugte „U“ freilich schon deshalb nicht, weil es an der Kette einer kleinen gelben Boje hängt, die stets seinen Standort verriete und ihn vielleicht in harmloser Schwebe hielte. (26 000 Euro; bis 23. Dezember)

Schlangestehen zur Andacht

Was betrachten diese Menschen nur, die, den Kopf weit im Nacken, andächtig zu etwas Großem aufschauen? Gemälde im Hintergrund und Audio-Guides in manchem Ohr signalisieren: Museum. Physiognomien aus aller Herren Länder und Massenandrang sagen: berühmtes Werk. Sonnenbrand, T-Shirts und verspiegelte Brillen melden: südliches Ferienland.

Aber so kommen wir nicht weiter, denn Ort und Objekt der Betrachtung bleiben nebensächlich in Thomas Struths neuer Foto-Serie „Audience“, die nie den David von Michelangelo zeigt sondern dessen Publikum. Kunst bedeutet dem einen Seelenelixier, anderen Bildung oder Pflichtprogramm mit Schlangestehen, hinschauen, abhaken - der David könnte Opern davon singen, wie die Abhaker sich im Handumdrehen langweilen und dann gern ein bißchen feixen.

Doch viele versenken sich in das Idealbild von Männerschönheit und mancher stellt dabei unbewußt deren Standbein-Spielbein-Position nach, während Praktiker überlegen, wie der Meister den Viermetermann zielsicher aus dem Marmorblock schlug. Struth fotografierte dies jüngste Kapitel seiner Museumsbilder, die das Verhältnis von Kunstpräsentation und -rezeption beleuchten, voriges Jahr zum 500. Geburtstag des David in der Galleria dell Accademia in Florenz.

Und wie man so die fast lebensgroßen Betrachter ansieht, erkennt man sich als einer von ihnen. Struths lange Ausstellungs-Liste beginnt so: „1978 P. S.1 N.Y.; 1980 Galerie Rüdiger Schöttle, München . . .“. Der Künstler und sein früh überzeugter Galerist feiern mit „Audience“ das 25. jährige Jubiläum ihrer Zusammenarbeit. (Die bis 3 Meter breiten C Prints kosten bis 80 000 Euro; Aufl.10; bis 23. Dezember).

Das Fensterthema

Sabine Hornig zog eine neue Wand in die Barbara Gross Galerie. Darin sitzt wie ein Fenster ein großformatiges Diapositiv, das subtil den Orientierungssinn auf die Probe stellt. Fällt der Blick durch eine dünne Gardine hinaus auf die Straße oder hängt die Gaze vor einem Raum, hinter dem sich durch eine offene Tür die Straßenflucht öffnet? Weder noch, vielmehr fotografierte die Berliner Künstlerin ein Schaufenster mit Vorhang, in dem sich Häuser und Autos spiegeln. Damit nicht genug mischt sich noch die reale Situation der beiden Räume dies- und jenseits der Wand in das diaphane Bild.

Auch Sabine Hornigs gleichfalls ausgestellte Papierabzüge handeln vom Fensterthema. Die Künstlerin fand es, als sie temporäre Ausstellungsmöglichkeiten suchte für ihre parallel zur Fotografie entstehenden skulpturalen Installationen. Sie stieß auf leerstehende Berliner Läden, deren große spiegelnde Glasflächen und ausgeräumten Lokale die Grundebenen für Bilder liefern, die trotz größter Sachlichkeit dem nur allmählich eindringenden Blick vielschichtige, im wahren Wortsinn tiefgründige Überblendungen eröffnet. (Die C-Prints kosten 8700 Euro, die in eine Wand eingebauten Großdias 16 000 Euro; bis Februar 2006).

Metro, Maloche, Pennen

Müde, still vor sich hinschauende Menschen in der Pariser U-Bahn illustrieren den Spruch „Metro, boulot, dodo“ (etwa: Metro, Maloche, Pennen), der griffig den Alltag in der Stadt der langen Wege zusammenfaßt. Geht man in der Galerie Wittenbrink die Wand ab, fühlt man sich auf einen Metro-Bahnsteig versetzt: Erleuchtete Bahnfenster, dahinter stille Gesichter.

Ivan Baschang fotografierte seine „Metropolitain“ Porträts mit diskreter Distanz, die leicht spiegelndes Glas zwischen Kamera und Menschen schob. Die Haut der meisten ist dunkler als in den etablierten Arrondissements der Stadt, im unterirdischen Geäder der Metro mischen sich die Gesichter der Großstadt. In der Unschärfe des Passagèren setzen Baschangs Bilder diesen in mehr als einer Beziehung Durchreisenden individuelle Denkmäler (2400 Euro; bis 30. Dezember).

Quelle: F.A.Z., 11. Dezember 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr