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Gegenwartskunst Narren, Tote, Visionäre: Der Belgier Michaël Borremans bei David Zwirner in New York

27.03.2006 ·  Narren, Tote und Visionäre bevölkern die dunklen Leinwände des 1963 geborenen Belgiers, dessen Malweise sich in brauntoniger Palette gekonnt an Chardin und Goya orientiert. Meistens ist dabei nicht klar, wer der Narr ist, wer der Visionär, ja, es ist nicht einmal klar, wer tot ist.

Von Lisa Zeitz
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„Horse Hunting“ heißt die Ausstellung mit neuen, mystischen Arbeiten von Michaël Borremans bei David Zwirner, und spielt mit diesem erfundenen Begriff auf das vergebliche Streben der menschlichen Natur an. Narren, Tote und Visionäre bevölkern die dunklen Leinwände des 1963 geborenen Belgiers, dessen Malweise sich in brauntoniger Palette gekonnt an Chardin und Goya orientiert. Meistens ist dabei nicht klar, wer der Narr ist, wer der Visionär, ja, es ist nicht einmal klar, wer tot ist.

Die Motive sind getränkt mit dem Grauen des 20. Jahrhunderts. Die Porträts junger Männer in Sepiatönen erinnern den europäischen Betrachter unweigerlich an Souvenirs toter Verwandter, an den früh gefallenen Onkel oder den Großvater, den man nie kennengelernt hat. Doch manche der pubertären Dargestellten haben auch eine komische Seite, etwa der Junge mit der Federboa. Es ist ein Siebzehnjähriger mit „pastoralem Biscuitporzellan-Look“, der den freundlich und bescheiden auftretenden Künstler so fasziniert. Maler und Modell haben diese Aura der Unschuld, scheinen aber weder unwissend noch ungefährlich.

Ein herrlich arroganter Blick

Auf dem Bild „Horse Hunting“ hat sich der Junge einen Ast in jedes Nasenloch gesteckt. Eine komische Seite haben auch die drei in „The Appearance“, die mit höchster Konzentration ein unsichtbares Objekt in ihren leeren Händen halten. Sie verdanken Hans Christian Andersen genausoviel wie Adolf Hitler.

Besonders eindrucksvoll ist Borremans' achtzig mal sechzig Zentimeter messendes, meisterlich gemaltes „Portrait“ aus dem Jahr 2005. Es hat die Proportionen eines Paßbildes und die Töne einer verblaßten Farbfotografie. Der Dargestellte trägt ein zeitloses weißes Hemd, zurückgekämmtes dunkles Haar und einen herrlich arroganten Blick. Er gehört eher auf die Seite der Täter als auf die der Opfer. Nicht unattraktiv, aber ungesund, grausam und verweichlicht hat er das Aussehen eines Hollywoodschauspielers der dreißiger oder vierziger Jahre.

Seine Augenlider liegen knapp über den Pupillen, eine Augenbraue ist leicht hochgezogen, und man kann nur vermuten, daß der junge Mann mit den Worten „Wir haben keine andere Wahl“ über Leben und Tod entscheidet. Entweder er ist im Begriff, trotz schlechten Wetters ein Seegefecht anzuordnen, oder einem gestürzten Rennpferd den Gnadenschuß zu geben. Borremans sieht ihn als „Porträt ohne Inhalt“, wie er es nennt, oder als „Inbegriff eines gescheiterten Ideals“.

Mit dem Schlimmsten rechnen

Sein Bild „The Bodies 3“ zeigt zwei junge Männer mit geschlossenen Augen auf einer satinbezogenen Oberfläche, die sowohl in einem Hotel als auch in einem Beerdigungsinstitut beheimatet sein könnte. Sie tragen Hemd und Pullover, was darauf schließen läßt, daß sie sich nicht zum Schlafen hingelegt und sich eine gute Nacht gewünscht haben. Sind sie tot? Dann sind sie erst kürzlich gestorben, denn ihre Haut ist rosig. Schlafen sie? Haben sie nach einem Rockkonzert mit einer Band im Hotelzimmer gefeiert und Drogen genommen, bis sie umfielen? Schlafen sie ihren Rausch aus?

Zu vermuten, daß dieses vielleicht friedliche Bild die Opfer einer Gewalttat darstellt, könnte ein Zeichen der eigenen Paranoia sein, doch der Rundgang durch die Galerie läßt erkennen, daß es sich um ein Muster handelt. Fast jedes Bild läßt beim Betrachter den Verdacht aufkommen, daß es sich hier um eine schreckliche Wahrheit handelt. Man muß mit dem Schlimmsten rechnen. „Für mich sind sie tot, aber ich lasse es offen“, sagt Borremans.

Ein Schäfer ohne Herde

Die größte Leinwand ist 3,6 Meter hoch und erst wenige Wochen alt. „The Avoider“ ist ein märchenhafter Charakter, ein bärtiger junger Mann in hochgekrempelter weißer Hose, rosa Hemd und Halstuch. Er steht, wie fast alle von Borremans' Figuren, in einem Interieur, in diesem Fall vor dem neutralen Hintergrund eines Fotostudios. Er stützt seine Hand auf einen knorrigen Stock. Ein Pentimento verrät, daß der Künstler zwischendurch einen größeren, glatten Metallstab gemalt hatte, aber die Idee verworfen hat. Der andere Stab scheint jedoch noch durch die Farbe hindurch, und verweist dadurch, sagt Borremans, auf den Streit zwischen Kultur und Natur. Die Frage, was der „Avoider“ vermeidet, bleibt offen. Es ist ein Schäfer ohne Herde, ein Anführer ohne Mission, ein Schauspieler ohne Bühne.

Michaël Borremans ist in Amerika bekannter als in Europa. Obwohl er hier erst seine zweite Einzelausstellung hat, sind seine Arbeiten schon in die bedeutendsten öffentlichen Sammlungen eingegangen, vom Museum of Modern Art in New York über das Art Institute of Chicago bis zum Los Angeles County Museum. So ist auch die Hälfte der Werke bei David Zwirner wieder Museen versprochen, die andere Hälfte geht an Privatsammler. Die Preise liegen zwischen 80 000 und 350 000 Dollar. Ab Ende März wird Borremans auch auf der von Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnik kuratierten „4. berlin biennale“ zu sehen sein.

Bis 1. April.

Quelle: F.A.Z., 18. März 2006
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