Direkt auf dem Fuße folgte der Art Basel in London die alljährliche Juni-Woche mit zeitgenössischer Kunst, und eine leichte Käufermüdigkeit schien sich in der schwülen Sommerhitze tatsächlich einzustellen. Dennoch sorgten Marktfrische, Attraktivität und Spitzenqualität bei den Abendauktionen für einige starke Ergebnisse. Mit einem Umsatz von 132,8 Millionen Pfund kann Christie’s sogar den höchsten jemals mit einer Zeitgenossen-Auktion in Europa erzielten Umsatz vorlegen.
Allerdings konnte so manches Toplos nur sein zuvor von einer dritten Partei abgegebenes, unwiderrufliches Gebot (zur Absicherung der vom Auktionshaus vergebenen Garantie) erreichen - Hinweis auf die streckenweise mangelnde Zahl an Bietern. Alle drei Häuser erhofften erfrischte Nachfrage nach Damien Hirst, wegen seiner derzeitigen großen Schau in der Tate Modern - doch die blieb aus. Von zehn Hirsts an allen drei Abenden blieben vier unverkauft, der Rest ging unterhalb oder am unteren Ende der Taxen weg. Ein weiteres Hirst-Los hatte Sotheby’s kurz vor der Auktion zurückgezogen. Die Ausnahme war seine mit unregelmäßigen Farbflecken überzogene, kleine Leinwand „Jolly“ von 1994, eine Vorläuferin der „Spot Paintings“, die ihre obere Taxe mit einem Zuschlag bei 500.000 Pfund verdoppeln konnte.
Ein Rekord für Glenn Brown
Der Abend bei Sotheby’s fing vielversprechend an: Losnummer drei, Jean Dubuffets bunter, 66,7 Zentimeter breiter „Chérubim Oiuistiti“, stieg mit einem Hammerpreis von 850.000 Pfund, bewilligt im Saal, weit über seine Schätzung von 300.000 bis 400.000 Pfund. Gleich darauf fand auch Alexander Calder, dem die Galerie Pilar Ordovás gerade eine Londoner Ausstellung widmet, einiges Interesse: Sein unbetiteltes Mobile aus dem Jahr 1948 stieg auf 1,3 Millionen Pfund (Taxe 700.000/900.000) durch einen Kunden am Telefon von Patti Wong, Chairman von Sotheby’s Asia.
Das Spitzenlos, Basquiats mit Garantie versehener „Warrior“, fand kaum Interesse und wurde schnell bei 4,95 Millionen Pfund (5/7 Millionen) am Telefon von Cheyenne Westphal zugeschlagen. Glenn Browns monumentales Sci-Fi-Weltuntergangsszenario „The Tragic Conversion of Salvador Dalí (After John Martin)“, das von dem Londoner Händler Ivor Braka eingereicht worden sein soll, brauchte seine Garantie nicht und erklomm in langem Gefecht wenigstens einer Handvoll Bieter das stolze Niveau von 4,6 Millionen Pfund (2,2/2,8 Millionen) - ein Rekord für Brown. Damit überholte er auch Bacons späte „Study for Self-Portrait“, die nur ein einziges, zuvor garantiertes Gebot von vier Millionen Pfund (5/7 Millionen) anzog. Alle drei Spitzenlose gingen nach Angaben von Sotheby’s in private Sammlungen.
Ein Yves Klein aus der Sammlung Uecker
Gerhard Richters Landschaft „Jerusalem“ stieg auf 3,75 Millionen (3/5 Millionen) durch ein Telefongebot, während für sein schwarzweißes „Untitled“ nur das unwiderrufliche Gebot von 2,5 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen) telefonisch abgegeben wurde. Richters „Philodendron“ (800.000/1,2 Millionen) blieb unverkauft. Ein Kunde am Telefon des in New York stationierten Alexander Rotter sicherte sich Lichtensteins „Girl in Mirror“ für 2,1 Millionen Pfund (2,2/2,8 Millionen) und kaufte anschließend auch Yves Kleins blaue Körperspuren auf Leinwand „Ant 135“), ehemals in der Sammlung von Günther Uecker, für 900.000 Pfund (1/1,5 Millionen).
Insgesamt setzte Sotheby’s an diesem Abend 69,3 Millionen Pfund um mit 69 von 79 verkauften Losen: ein deutlicher Rückgang gegenüber dem vergangenen Jahr. Allerdings hat Sotheby’s die im Mai abgehaltene zweitägige Auktion mit Werken aus der Sammlung von Gunter Sachs bereits 35,6 Millionen Pfund eingebracht.
Abgesichert durch unwiderrufliche Gebote
Der folgende Abend bei Christie’s fand ohne die übliche Einlassbeschränkung statt. Damit sicherte man sich trotz des Fußball-Halbfinales dichtes Publikumsgedränge, zumal gleichzeitig bei Christie’s in South Kensington auch die Abendauktion mit Kleidern der Millionenerbin Daphne Guinness abgehalten wurde, die 476 800 Pfund umsetzte, gegenüber einer Erwartung von 100.000 Pfund. Der Rekordumsatz, mit dem Christie’s der Konkurrenz davonzog, ist angetrieben von neuen Höchstpreisen für Yves Klein und Basquiat und überwiegend europäischen und amerikanischen Käufern. Kleins leuchtendes pinkfarbenes Schwammbild „Le Rose du Bleu (RE 22)“, geschätzt auf siebzehn bis zwanzig Millionen und eines von nur zwölf Schwammbildern in dieser Farbe, stieg am Telefon von Francis Outred auf 21 Millionen Pfund.
Sein Käufer bezahlt mit Aufgeld 23,561 Millionen Pfund dafür. Dicht darauf folgte Francis Bacons große „Study for Self-Portrait“ von 1964, deren Preis im Wettstreit zweier New Yorker Händler im Saal auf 19,2 Millionen Pfund (im Bereich von 15/20 Millionen) stieg: Christophe van de Weghe sicherte sich das Bild gegen William Acquavella. Zuletzt blieb es 2008 bei Christie’s in New York unverkauft und war anschließend Anlass eines nun beigelegten Rechtsstreits zwischen Christie’s und dem Einlieferer; es kam mit einer Garantie, aber ohne Absicherung durch ein unwiderrufliches Gebot durch eine dritte Partei, zum Aufruf. Basquiats „Untitled“-Figur mit erhobenen Händen wurde fast konkurrenzlos am Telefon von Brett Gorvy für 11,5 Millionen Pfund (10/15 Millionen) verkauft. Sie war ebenso mit einem unwiderruflichen Gebot abgesichert wie Gerhard Richters „Struktur (2)“, die nach langem Gefecht für 11,3 Millionen Pfund (9/12 Millionen) am Telefon vermittelt wurde.
„Head of a Greek Man“ von Lucian Freud
Ein großes Calder-Mobile hing bei Christie’s unbeweglich über den Köpfen des Publikums. Es zog nur ein zuvor garantiertes unwiderrufliches Gebot an und blieb mit 5,5 Millionen hinter seiner Taxe von sechs bis acht Millionen Pfund zurück. Ähnlich erging es Lucian Freuds „Naked Portrait II“, entstanden um 1974, das für 3,8 Millionen Pfund (3,8/4,5 Millionen) wegging. Ivor Braka kaufte Jeff Koons’ riesiges „Baroque Egg with Bow (Blue/Turquoise)“ für 2,3 Millionen, unter der Taxe von 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund.
Erfolgreich, nicht zuletzt wegen seiner Geschichte, war Freuds kleiner „Head of a Greek Man“, der drei Millionen Pfund (1,5/2 Millionen) durch ein amerikanisches Gebot erzielte: Freud malte das Porträt 1946, während er mit seinem Maler-Freund John Craxton in Griechenland reiste; es zeigt den Sohn ihrer dortigen Vermieterin. Eingereicht wurde es aus der Sammlung von Craxton, der es 1947 bei „The London Gallery Ltd.“ kaufte und bis zu seinem Tod im Jahr 2009 nicht aus der Hand gab.
Phillips de Pury erwartete in seiner Abendveranstaltung für dreißig Lose 15,4 bis 21,6 Millionen Pfund und konnte diesen Umsatz mit knapp 23,4 Millionen Pfund für 24 von 28 angebotenen Losen überschreiten. Das teuerste Werk wurde erwartungsgemäß Basquiats „Irony of Negro Policeman“, das sich ein Bieter am Telefon des Brüsseler Spezialisten Olivier Vrankenne mit 7,25 Millionen Pfund (6/8 Millionen) sicherte, gegen Saalgebote eines Sohns aus dem Nahmad-Händlerclan.
Vier Lose, darunter der Basquiat, waren mit Garantien versehen, so auch Sherrie Levines bronzenes Schaukelpferd „Dada“, das bei nur einem einzigen Gebot von 260.000 Pfund (250.000/350.000) einem Mitarbeiter des Hauses zugeschlagen wurde. Begehrt war Wade Guytons Stahlplastik „U Sculpture (v.5)“, die ihre Taxe von 70.000 bis 90.000 mit 160.000 Pfund verdoppelte. Star des Abends war pünktlich zu den Olympischen Spielen in London Warhols und Basquiats Kollaboration „Olympics“ von 1984, die unter Geboten an sieben Telefonen auf sechs Millionen Pfund stieg, das Doppelte ihrer Obertaxe - was vom Publikum mit Applaus quittiert wurde.