18.02.2012 · Bonhams, Christie’s, Sotheby’s und Phillips de Pury: Die Bilanz der Zeitgenossen in London ist stark.
Von Anne Reimers, LondonDie Herrenriege Bacon/Freud/Richter dominierte die Londoner Woche mit Gegenwartskunst: Bacon steuerte das teuerste Los bei, Freud und Richter die meisten Lose. Daneben konnte die Hamburger Sammlung Wald ihre Erfolgsserie fortsetzen: Sämtliche Wald-Lose der Zeitgenossen-Sparte wurden, wie schon die Moderne zuvor, verkauft.
Den Auftakt machte Bonhams. Die zweite Contemporary-Auktion des Hauses - nach dem Launch im Oktober 2011 - demonstrierte die Schwierigkeit, als Neuling gegen die Marktdominanz von Sotheby’s und Christie’s anzukommen. Von den zwanzig Losen im Angebot konnten nur neun für insgesamt eine Million Pfund abgesetzt werden: eine Verkaufsrate von 45 Prozent nach Losen.
Das Spitzenlos, Frank Auerbachs Kohlezeichnung „Head of Lucian Freud“ wurde am Telefon für 400.000 Pfund (Taxe 300.000/ 400.000) vermittelt. An zweiter Stelle rangierte Richard Princes Fotografie halbnackter Frauen auf einem Motorrad „Untitled (Girlfriend)“ mit 130.000 Pfund (150.000/200.000).
Eine fast drei Meter lange Kohlezeichnung von William Kentrige aus dem Jahr 2005, der Entwurf für ein Bühnenbild von Mozarts „Zauberflöte“, wurde bei 88.000 Pfund (100.000/ 150.000) im Saal zugeschlagen: Für die Dschungeldarstellung „Preparing the Flute (Panoramic II Trees)“ soll Kentrige von Schinkels Bühnenbild für die Berliner Aufführung der „Zauberflöte“ 1816 inspiriert worden sein. Eine Zeichnung des Chinesen Zao Wou-Ki, der zwei Abende später bei Sotheby’s Furore machen sollte, blieb unverkauft. Im Mai plant Bonhams seine ersten Zeitgenossen-Auktionen in New York und Hongkong.
Der folgende Abend bei Christie’s war dagegen ein durchschlagender Erfolg. Von 65 Losen wurden 58 verkauft, knapp 80,6 Millionen Pfund wurden umgesetzt, innerhalb der Erwartung von 57 bis 84 Millionen: Das zweithöchste Ergebnis für Christie’s je mit Zeitgenossen in London, nur im Juni 2008 war das Ergebnis mit 86,2 Millionen noch besser. Das Spitzenlos der gesamten Woche, Bacons Großformat „Portrait of Henrietta Moraes“ von 1963 kletterte im Wettstreit zweier Telefonbieter schnell über die ausgerufenen zwölf Millionen Pfund hinaus. Ein Sammler am Telefon setzte sich schließlich mit neunzehn Millionen (15/20 Millionen) durch.
Der Einlieferer soll der New Yorker Immobilienmagnat Sheldon Solow sein, der das Bild 1983 über Beyeler in Basel von dem deutschen Sammler Willy Schniewind übernahm. Fast neongrün leuchtet Richters 2,5 mal zwei Meter messendes „Abstraktes Bild“, das mit einem Gebot von 8,8 Millionen Pfund (5/7 Millionen) seitens eines Telefonbieters die Obertaxe überschritt. Ein großer Rothko (9/12 Millionen) wurde vor der Auktion zurückgezogen: Die Verhandlungen für einen private sale seien im Gange, gab Christie’s als Grund an.
So schwang sich ein kapitaler Nicolas de Staël aus seiner wichtigsten Werkgruppe zum drittteuersten Los des Abends auf: „Agrigente“ von 1953, eine abstrakte Komposition in Gelb, Rot und Blau, wurde am Telefon bei 4,7 Millionen Pfund (3,5/5 Millionen) zugeschlagen. Einen Rekord stellte Christie’s für ein Großformat von Christopher Wool auf: Auf einer weiß grundierten Aluminiumplatte steht in monumentalen Lettern das Wort „Fool“. Es schreckte weder den Unterbieter und Wool-Sammler Robert Mugrabi ab noch den anonymen Telefonbieter, der dafür 4,35 Millionen Pfund (2,5/3,5 Millionen) bezahlte.
Unter den vier Losen von Lucian Freud konnte die frühe Zeichnung eines Boots am Strand in Irland „Boat, Connemara“, erst jüngst entdeckt, entstanden 1948, ihre Taxe von 200.000 bis 300.000 Pfund leicht hinter sich lassen; sie wurde bei 550.000 Pfund dem Händler Stephen Ongpin zugeschlagen. Die New Yorker Galerie Acquavella kaufte Freuds kleine nackte Frau „Small Figure“ für 1,4 Millionen (1,5/2 Millionen); das Ölgemälde war zuletzt 1996 bei Sotheby’s für 122.000 Pfund versteigert worden.
Freuds weniger attraktive kleine „Annie“ (300.000/500.000) fand keinen Bieter, wie auch ein später Hockney und eine weiße Marmorplastik von Louise Bourgeois (2/3 Millionen). Unter den Losen aus der Sammlung von Hubertus Wald konnte Wols’ abstrakte Komposition „Le feu“ am Telefon für 1,3 Millionen Pfund (800.000/1,2 Millionen) verkauft werden. Zusammen mit dem Erlös aus den Moderne-Auktionen erzielte die Wald-Sammlung insgesamt 22,24 Millionen Pfund, das Doppelte der Taxe.
Der Abend bei Sotheby’s stand ganz im Zeichen von Gerhard Richter. Erst im vergangenen November wurde von Sotheby’s in New York ein neuer Richter-Rekord mit 18,5 Millionen Dollar aufgestellt. Unter den 63 Losen waren ganze sechs Richter-Lose; von ihnen gehören vier zu den fünf teuersten Losen des Abends. Richter gilt als vergleichsweise sichere Geldanlage, und besonders die abstrakten Werke sind in jedem Kulturkreis relativ unkontrovers zu betrachten.
Ein Käufer am Telefon der in London stationierten Spezialistin Olivia Thornton stach sechs andere Bieter bei Richters cooler Landschaft „Eis“ mit einem Gebot von 3,8 Millionen Pfund (2/3 Millionen) aus; er hatte zuvor schon das „Abstrakte Bild (rot)“ für 3,6 Millionen (2,5/3,5 Millionen) gekauft. Das Spitzenlos, Richters „Abstraktes Bild“ mit verwischten schwarzen und weißen Streifen, wurde am Telefon für 4,3 Millionen Pfund (3/4 Millionen) vermittelt.
Sotheby’s konnte außerdem neue Rekorde für die deutschen Maler Albert Oehlen (nun von Gagosian vertreten) und A. R. Penck aufstellen: Oehlens unbetiteltes Großformat in Gelb und Braun ließ mit 370.000 Pfund durch ein Telefongebot seine Taxe von 200.000 bis 300.000 hinter sich. Pencks „Methode, Fertigzuwerden“ aus dem Jahr 1965 stieg auf 270.000 Pfund (90.000/120.000).
Neben den prominent vertretenen Deutschen war es der chinesische Maler Zao Wou-Ki, dessen Hammerpreise die Taxen am weitesten hinter sich ließen: Seine abstrakten Arbeiten „10.01.91“ (600.000/800.000) in Weiß-Rot und „28.12.99“ (500.000/700.000) in Weiß-Blau stiegen im Wettstreit mehrerer asiatischer Telefonbieter auf 1,4 und 1,6 Millionen Pfund. Andreas Gurskys attraktives „James Bond Island I“ ging für 600.000 Pfund (300.000/400.000) an die Londoner Galerie Dickinson, gegen eine Handvoll Konkurrenten. Sotheby’s vermittelte 57 von 63 Losen, für rund 50,7 Millionen Pfund; die Käufer kamen aus zwanzig Ländern.
Phillips de Pury bot in seinem evening sale eine schlanke Auswahl von 25 Losen; 92 Prozent von ihnen wurden für insgesamt 5,7 Millionen Pfund abgesetzt. Beim folgenden day sale waren gleich 194 Lose im Angebot. Zum Spitzenstück wurde ein dunkel-weißes „Concetto Spaziale, Attese“ Fontanas, für das von einem Telefonkunden der in Moskau stationierten Svetlana Marich 900.000 Pfund (1/1,5 Millionen) geboten wurden.
Unter den Top Ten folgten Arbeiten von Rudolf Stingel, Warhol, Cindy Sherman und Murakami. Shermans Selbstdarstellung als Clown stieg auf 360.000 Pfund (200.000/300.000). Andreas Gurskys „Jumeirah Palm“ blieb bei 320.000 Pfund (400.000/600.000) unverkauft.