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Gegenwartskunst in China Wo alles geht, ist noch lange nicht alle Kunst gut

26.12.2011 ·  Pekings Distrikt „798“ ist inzwischen weltweit bekannt. Doch wie sieht es dort mit der zeitgenössischen Kunst wirklich aus? Hier eine aktuelle kritische Bestandsaufnahme.

Von Mark Siemons, Peking
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© Pace Gallery In der Dependance der New Yorker Pace Gallery ist „Zhong Nan Hai“ von Li Songsong, der verfremdete Blick auf ein zentrales Viertel Pekings, gerahmt von einer Wandarbeit von Liu Jianhua und Richard Tuttles „Walking on Air, 5“

Die Zahl der Pizzerien, Boutiquen und Keramikläden in Pekings Kunstdistrikt „798“ wächst unaufhaltsam, und auch die Gruppen, die sich durch die Ausstellungen wälzen, werden größer. Man könnte denken, dass die Chinesen es mittlerweile nicht weniger normal finden, ihre Freizeit mit zeitgenössischer Kunst zu verbringen, als zum Beispiel die Deutschen.

Aber die 1985 geborene Kunsthochschulabsolventin Tang Yuhan meint, die Gegenwartskunst lasse „die große Mehrheit des chinesischen Volks vollkommen ausgeschlossen“; diese Kunst bewege sich gänzlich außerhalb von deren alltäglicher Erfahrung. Deshalb versucht Tang mit dem, was sie auf der Akademie gelernt hat, etwas Lebensnahes zu schaffen: Sie hat für die neue Wohnung ihrer Eltern „Feng-Shui-Skulpturen“ entworfen, etwa Teppiche, Fußabtreter und Wandbehänge, die geomantischen, also esoterisch ganzheitlichen, Prinzipien entsprechen. Diese sollen den von einem Wahrsager bei ihrem Vater diagnostizierten Wassermangel kompensieren.

Ähnliche Oberflächen, unterschiedliche Arbeitsweisen

Das Ergebnis ist nun, zusammen mit Notizen und einem Video, in zwei Räumen des Ullens-Center für zeitgenössische Kunst zu besichtigen - für den in Feng Shui ungeübten Blick ziemlich unzusammenhängend, bunt und den siebziger Jahren nah. Auf dem Video sieht man Tangs Eltern, die sich früher nie mit esoterischen Praktiken abgegeben haben, nach Worten ringen, um den Dekorationen ihrer Tochter einen Sinn, womöglich gar eine Notwendigkeit abzugewinnen, und man fragt sich unwillkürlich, ob nicht allen Beteiligten mehr damit gedient gewesen wäre, wenn die Kunst das Leben nicht so sehr behelligt hätte.

Die weit überwiegende Zahl der - nicht von europäischen oder amerikanischen Händlern geführten - Galerien im Quartier 798 versucht denn auch nur sehr äußerlich, das vom Westen eingeführte Kunst-Gewese nachzuahmen und so zu tun, als ginge es um mehr als ums Geschäft. Zwar verfügen auch diese Galerien über verschwenderisch viel Platz in den von ostdeutschen Architekten entworfenen, einstigen Waffenfabrikhallen, und auch dort sitzen hinter den weißen Empfangstischen, auf denen Kataloge liegen, junge Frauen, die angestrengt auf Computerbildschirme starren. Ansonsten aber wird in den Räumen, in denen ein paar Bilder an den Wänden hängen, munter gegessen, gehämmert und geputzt.

Ähnlich hemdsärmelig geht man mit den Konzepten um: Die „Amelie Art Gallery“ verspricht jetzt eine „Begegnung von Kunst und Zen“, in der Nachfolge des großen Malers Bada Shanren aus dem 17.Jahrhundert; doch zu sehen sind, abgesehen von ein bisschen Dekor, bloß die üblichen naturalistischen Arbeiten chinesischer Kunsthochschulveteranen, die nur sehr notdürftig mit dem zurzeit modischen Motto aufgepeppt wurden. Anscheinend tut es dem Erfolg auf dem gegenwärtigen chinesischen Markt keinen Abbruch, wenn man die Worte, Ideen und Stile nicht zu genau nimmt und die realistischen Konventionen von gestern einfach mit einem neuen Etikett versieht.

Der Ableger der New Yorker Pace Gallery will es mit seinem Pekinger Kurator Leng Lin dagegen als Zeichen eines gewachsenen Selbstbewusstseins der chinesischen Kunstszene betrachten, dass sie sich nun zunehmend vom „realistischen Narrativ“ ab- und der Abstraktion zuwende. Die kleine feine Ausstellung „Leaving Realism Behind“ versammelt neben bekannten westlichen Vorbildern wie Mark Rothko, Antoni Tàpies und Donald Judd (erstaunlicherweise ist auch Chuck Close in diese Reihe geraten) Belege für den behaupteten Trend in China. Bei den meisten Arbeiten fühlt man sich allerdings wie in einer Zeitmaschine, weil der chinesische Ort dem Neuigkeitsversprechen aus den fünfziger Jahren nichts Weiteres hinzufügt. Sehr eigenständig, fremd und eindrücklich wirkt allein Li Songsong, der abgemalte Fotografien aus der jüngeren chinesischen Geschichte auseinandernimmt und wieder zusammensetzt: ein mit seinen fingerdick aufgetragenen Farben ebenso malerisch wie konzeptionell überzeugendes Unterfangen.

Staatliche Toleranz gegenüber Ai Weiweis Blogbuch

Nebenan haben die dänischen Kunstsammler Luise und Jens Faurschou ihre Galerie. Sie haben aus eigenen Beständen eine kleine Ai-Weiwei-Ausstellung zusammengestellt. Gezeigt werden eine Miniaturversion der Sonnenblumenkerne-Installation aus der Londoner Tate Modern; die Namensliste der 2008 bei dem Erdbeben in Sichuan umgekommenen Schüler, die Ai mit einer Gruppe freiwilliger Rechercheure erarbeitet hatte; und eine Skulptur in den Umrissen Chinas, gefertigt aus dem Holz zerstörter alter Tempel. In der Kunstbuchhandlung „Timezone8“ liegen unterdessen auf dem zentralen Büchertisch so viele Titel von Ai Weiwei wie von keinem anderen Künstler. Selbst während Ais Haftzeit war die chinesische Version seines Blogbuchs in allen Buchhandlungen zu haben. Offensichtlich ist den Zensoren sein Wirken als Künstler eher egal.

Dass dies nicht unbedingt mit einer Form von Liberalisierung im westlichen Sinn zu verwechseln ist, zeigt sich gleich gegenüber der Faurschou-Galerie: Da erhebt sich sechs Meter hoch die Bronzestatue eines nackten Reiters auf einem geflügelten Pferd, die, wie eine Plakette am Fuß der Skulptur belehrt, den „heroischen Geist des koreanischen Volkes“ versinnbildlichen soll. Es handelt sich um die verkleinerte Nachbildung der Chollima-Skulptur in Pjöngjang. Mit dem mythischen Pferd wollte KimIl Sung 1961 an die nordkoreanische Version des „Großen Sprungs vorwärts“ erinnern.

Wer gerade aus den westlich aussehenden Galerien kommt, wohlig eingelullt in die Illusion eines globalen zeitgenössischen Kunstraums, wird das Monument leicht für ein ironisches Zitat halten - aber es ist natürlich alles andere als das. Es ist ein Appendix von „Mansudae“, einer nordkoreanischen Kultur- und Immobiliengesellschaft, die nebenan eine Galerie mit Bildern fröhlicher Arbeiter betreibt. Das Pekinger anything goes in „798“ interpretiert das Zeitgenössische in der Kunst auf seine Weise: als Kuriositätenkabinett.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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