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Gegenwartskunst : Hier läuft kein Begehren ins Leere

  • -Aktualisiert am

Auf nach Flingern! Der Stadtteil von Düsseldorf hat schon wieder eine Galerie-Neueröffnung zu melden. Mittlerweile versammelt sich dort eine starke Gruppe.

          So langsam wird es zur Tradition: Der Jahresauftakt in den Düsseldorfer Galerien wird nicht allmählich, sondern konzertiert eingeläutet. Bevor Anfang Februar das „Foto-Weekend“ begangen wird, eröffnen Flingerns Galerien. Im von Immobilienmaklern zum „Trendviertel“ erklärten ehemaligen Arbeiterstadtteil gibt es Neues zu entdecken. Galeristin Linn Lühn bekommt Gesellschaft: Iris Kadel und Moritz Willborn, ehemalige Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, die bereits seit einer Dekade ihre Galerie in Karlsruhe betreiben, eröffnen eine Dependance in Düsseldorf. Hier zeigen sie neben jüngeren Positionen wie Matthias Bitzer oder Natalie Czech auch die 1936 in Chicago geborene Künstlerin Barbara Kasten oder „Art+Language“. „Wir haben lange überlegt, welcher zweite Standort in Deutschland für die Erweiterung unserer Tätigkeit sinnvoll wäre“, sagt Iris Kadel, „letztendlich haben wir uns vor Berlin für Düsseldorf entschieden, weil uns die größere Vielfalt gewachsener Sammler- und Künstlerstrukturen im Rheinland interessiert.“
           

          Düsseldorf bekommt den Zuschlag - vor Berlin

          Ihren Einstand geben die beiden Galeristen mit der Ausstellung „The Fourth Wall Through the Third Eye“ der 1972 in Kanada geborenen, heute in Berlin lebenden Künstlerin Shannon Bool. Fünf fragile, goldfarbene Stäbe teilen den Galerieraum. Die Stangen sind aus einzelnen, in Bronze gegossenen Handabdrücken der Künstlerin geformt worden: „Getting Grip“ heißt die Skulptur. An den Wänden hängen bemalte Fotos und Fotogramme: Gleichermaßen private wie kryptische Bildwelten, die in ihrer dem Traum verbundenen Semantik an Werke der Surrealisten erinnern. Eines der Fotogramme zeigt Sankt Michael, Hüter des Schlafes, umgeben von bühnenhaften Schlafzimmerszenen, die subjektive Fiktionen beherbergen und diese zugleich vor der Öffentlichkeit schützen. Auch Bools Kurzfilm „Inside-Job“ untersucht den psychologischen Gehalt einer Raumsituation zwischen privat und öffentlich. Er dokumentiert ein Wandgemälde, das die Künstlerin im Frauengefängnis Berlin-Pankow gemeinsam mit Insassinnen in zweijähriger Arbeit geschaffen hat. Angelehnt an die berühmte Kamerafahrt in John Cassavetes’ Film „A Woman Under The Influence“, lässt auch Bool die Kamera durch die anonymen Gänge des Frauengefängnisses fahren, bis sie an der überbordenden Ornamentik des Wandgemäldes haltmacht. Zahlreiche Überblendungen nehmen dem Betrachter jedes Gefühl der Orientierung. Das Gemälde öffnet einen, wenn auch fiktionalen Flucht- und Handlungsraum. Mit Hollywood-Namen wie „Lana“, „Cameron“, oder „Penélope“ sind bemalte Fotos klischeehafter Postkartenansichten betitelt, die die Künstlerin auf Ebay ersteigert hat. Menschenleere Strände und exotische Landschaften, über denen statt einer Sonne jeweils ein verführerischer, von der Künstlerin gemalter Mund schwebt: humorvolle Chiffren eines verdoppelten, ins Leere laufenden Begehrens. (Bis zum 23.Februar, die Preise reichen von 800 bis 25000 Euro.)


          Unweit dieser Premiere in Düsseldorf zeigt Linn Lühn mit David Burton erstmals eine Position der Outsider-Art, die gerade international wiederentdeckt wird. In naiven Aquarellen imaginierte der 1883 geborene Maler Szenen aus historischen Schlachten und schrieb damit auf ganz eigene Art die Tradition der britischen „War Painters“ fort. Der 1945 in einem Obdachlosenheim gestorbene Maler schuf die meisten seiner Werke in Kreide auf dem Boden von Roslyn Rill, und wenn die Kunsthändlerin und Mäzenin Lucy Wertheim diese nicht auf dem Weg ins Atelier von Henry Moore gesehen hätte, gäbe es sie heute womöglich nicht. Sie unterstützte Burton finanziell und ermunterte ihn zur Arbeit auf Papier. Die zwischen 1938 und 1944 entstandenen Werke berühren durch ihren skurrilen Humor. (Bis zum 23.Februar, je 4600 Euro.)

          Mit Kreide auf die Straßen seiner Stadt

          Bei Schönewald macht man das Haus voll. Die Kunsthändler Ulla Gansfort und Paul Schönewald zeigen „Full House“, eine vom Kurator und Olbricht-Sammlungskustos Wolfgang Schoppmann furchtlos zusammengestellte Auswahl von hundert sehr unterschiedlichen Kunstwerken aus einer deutschen Privatsammlung, die nun die Wände bevölkert.

          Zumeist übertönt hier Gegenständliches wenige abstrakte Positionen: Pralle Welthaltigkeit illustrieren Studien anonymer Architekturen von Christian Hellmich, Jörg Sasse, Thomas Struth oder Laurie Simmons. Auffällig ist auch die hohe Zahl der Frauenporträts von Künstlern wie George Condo, Chantal Joffe oder Eric Fischl. Doch auch einige unerwartete, abstrakte Dialoge werden sehbar: So spiegelt sich Peter Halleys leuchtende Abstraktion „AKA Life“ in den zahllosen Facetten eines fast sechs Meter langen und zweieinhalb Meter hohen Spiegelobjektes von Adolf Luther aus dem Jahr 1977. Doch auch zurückhaltende Töne lassen sich in der überbordenden Fülle entdecken: ein nur 24 mal 24 Zentimeter kleines, weißes Ölbild von Jason Martin oder eine stille, erdfarbene Monochromie von Helene Appel. Ein eher klassische, historische Position vertritt Léon de Smet, ein Zeitgenosse James Ensors, mit einer „Nature Morte aux Chinoiseries“ aus dem Jahr 1921. Ein Werk wie dieses belegt das breitgefächerte Interesse jenes Sammlers, der zwar anonym bleiben möchte, dessen Vorlieben aber in der präsentierten Auswahl deutlich spürbar werden. (Bis zum 28. Februar; Preise auf Anfrage.)

          Quelle: F.A.Z.

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