04.10.2006 · Aktueller geht es nicht: 150 Vernissagen immerhalb nur einer Woche - das kann nur New Yorks Stadtteil Chelsea. Ein Gang durch die dortigen Galerien sortiert das unermeßliche Angebot.
Von Lisa Zeitz, New YorkEin Bauboom verändert derzeit die Konturen von Chelsea. Fast stündlich scheinen neue Stockwerke gen Himmel zu streben und Taxigaragen zu Galerien zu werden. Sogar die High Line, eine stillgelegte Hochbahn zwischen 34th Street und Meetpacking District, wird umgebaut - hier soll in den nächsten Jahren New Yorks erster Park auf Stelzen entstehen.
Zum Beispiel die 19th Street: Nur die Galerie Gasser & Grunert, obwohl von außen nicht gerade ein architektonisches Juwel, hält dem allgemeinen Baustellenfieber noch stand, auch wenn auf allen Seiten die Wände wackeln. In ihrem Erdgeschoß hat sich im Februar mit André Schlechtriem Temporary ein weiterer deutscher Galerist angesiedelt. Rechts von ihrer plötzlich freistehenden, kastenartigen Behausung prangt seit kurzem Frank Gehrys jüngstes asymmetrisches Bürogebäude mit glänzender Glasfassade, und links von ihr klafft eine riesige Baulücke, in der sich demnächst ein Apartmenthochhaus erheben soll.
Ausstellungsschwemme im Westen Manhattans
Gegenüber wird mit Superlativen jongliert; denn David Zwirner hat soeben seine Galeriefläche verdreifacht und stellt nun mit fast 2800 Quadratmetern sogar die gigantische Gagosian Gallery in den Schatten, wenn auch nur für kurze Zeit: Gagosian hat auf der 24th Street immer noch 2400 Quadratmeter Ausstellungsfläche, baut aber auf der 21st Street einen weiteren Showroom aus, mit dem ihm dann weitere 800 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Und was füllt nun diese Hundertschaften von Galerien im Westen Manhattans zwischen 13th Street und 29th Street? Genug Material, um Kunstliebhaber in den Wahnsinn zu treiben; denn es ist einfach unmöglich, der unzähligen Ausstellungen Herr zu werden. Allein in einer einzigen Septemberwoche wurden in Chelsea rund 150 Vernissagen gefeiert.
David Zwirner zeigt drei Ausstellungen nebeneinander: Bis 14. Oktober sind neue Zeichnungen, Collagen und Architekturmodelle von Jockum Nordström zu sehen (von 20.000 bis 55.000 Dollar) - starker Kontrast zu den schwarzlackierten, minimalistischen Objekten von John McCracken. Bis 28. Oktober läuft bei Zwirner außerdem die Installation „It Seems Like Snow Leopard Island“ mit künstlichen Landschaften inklusive echter Flora von Yukata Sone. Bei Gasser & Grunert hängen bis 14. Oktober mehr oder weniger abstrahierte, in pastoser Ölfarbe gehaltene Seestücke und Landschaften von Axel Kasseböhmer (für Preise zwischen 13.000 und 35.000 Dollar).
Frankfurter Galeristen in New York
Die Frankfurter Galerie Poller weiht ihre neue New Yorker Filiale auf der 27th Street mit den verführerischen Schwarzweißfotografien des 1950 geborenen Bae Bien-U ein - nach Ansicht Thomas Pollers „der Bernd Becher für Südkorea“. Die teilweise extrem hoch- oder breitformatigen Aufnahmen von koreanischen Kiefernwäldern sind im Preis gestaffelt (Auflage 5; die mit 125 mal 250 Zentimetern größten Fotografien kosten von 46.000 bis 73.000 Dollar, die kleineren von 29.500 bis 46.000 Dollar). (Bis 29. Oktober.)
Gleich daneben präsentiert die Frankfurter Galerie Adler unter dem Titel „The Un-Homely“ junge Kunst aus Island, namentlich unheimliche Videos und Fotografien von Sigurdur Gudjohnsson und Ragnar Kjartansson sowie surreal-gruselige Arbeiten auf Papier von Sigga Bjorg Sigurdadottir. (Bis 21. Oktober.) Luhring Augustine richtet eine Einzelschau für Albert Oehlen aus, bereits seine siebte in der Galerie. Die Riesenleinwände riechen noch nach frischer Farbe, lassen gestische Farbfelder mit geschwungenen Linien und halbfigürlichen Elementen tanzen und scheinen damit das alte und neue Medium Malerei zu feiern. Die Preise liegen zwischen 65.000 und 425.000 Dollar für das mit 280 mal 340 Zentimetern größte Werk „(durch die) rosa Brille“. (Bis 21. Oktober.)
Makabere Leinwände
Neue Arbeiten von Donald Baechler sind bei Cheim & Read ausgestellt: Seine typischen kindlich-nostalgischen Motive auf collagiertem Untergrund sind Eiswaffeln und Blumen, aber auch viele Totenköpfe. Das monumentalste Format zeigt ein braves Pferdchen auf mehr als drei Metern Breite (150.000 Dollar). Die Galerie hat den vielleicht schönsten Raum für Skulptur in ganz Chelsea: Hier fällt nahezu sakral inszeniertes Oberlicht auf Baechlers Urform eines Strichmännchens, das demnächst in Bronze gegossen wird (Auflage 3; 150.000 Dollar). (Bis 28. Oktober.)
Verstörend und höchst kontrovers dagegen ist Adam McEwens Ausstellung bei Nicole Klagsbrun. In der Whitney Biennale war der in New York lebende Brite unter anderem mit Bildern von Nachrufen auf Nicole Kidman, Bill Clinton und andere Prominente vertreten. Jetzt wird er noch makaberer: Ausgestattet von einer professionellen Maskenbildnerin posiert er auf einem Foto als „Bomber-Harris“ mit Uniform. Im Hauptraum der Galerie hängen monochrome Leinwände, deren Titel deutsche Städte aufzählen, die im Zweiten Weltkrieg von britischen Kampfbombern zerstört wurden.
Drastische Maßnahmen zur Weltverbesserung
Als Anklang auf die Einschlagmuster der Bomben hat McEwen Kaugummis auf die Oberfläche geklebt. Teilweise ist die Farbe Leuchtfarbe, deshalb schaltet die Galerie auf Nachfrage das Licht aus: „Dresden“ wirkt im Dunkeln besonders unheimlich. McEwen wirft Fragen auf, die ins Detail des künstlerischen Mediums gehen: Können Bomben, die Tausenden Tod und Verderben gebracht haben, durch Kaugummis dargestellt werden? In einem Nebenraum hängen Fotografien von Lefrak City, einer nach ihrem Bauherrn benannten Hochhaussiedlung am Rand von New York, die als Utopie der Nachkriegszeit errichtet wurde und vor dem heutigem Auge versagt hat. Die beiden Werkgruppen, so findet der Künstler, vereine das Anliegen des Bauherrn und des Luftwaffenoffiziers, zynisch genug: durch drastische Maßnahmen die Welt zu verbessern. (Bis 14. Oktober.)
Wer den Galerienrundgang mit einer poetischen Note ausklingen lassen will, sollte sich in die vielen an die Wand gepinnten Dokumente bei Oliver Kamm vertiefen. In „Street Poets & Visionaires: Selections from the UbuWeb Collection“ kommen Zettel, Poster und Karten zusammen, die einst wohl ohne künstlerische Ambition an New Yorker Laternenpfähle, Ampeln, Plakatwände, U-Bahn-Eingänge und an das Schwarze Brett im Supermarkt geheftet wurden - bizarr, wie nur eine Metropolis sie hervorbringen kann: In schlechtem Englisch fahndet eine Frau nach dem Kopf ihres ermordeten Yorkshire-Terriers, während ein anonymer Filmfan anbietet, im Tausch gegen eine Videokassette des Films „Faces of Death. Teil II“ entweder fünfzehn Hemden zu bügeln oder vier Abendessen zu kochen.