Die Zahlen sind eindrucksvoll: Mit einem remarkable total, wie Sotheby’s nicht ohne angemessenes britisches Understatement verlautbart, von 35,6 Millionen Pfund schloss die zweitägige Auktion ab, die Kunstwerken und Objekten aus der Sammlung von Gunter Sachs gewidmet war. Das bedeutet einen Umsatz von 44 Millionen Euro, gegenüber einer Erwartung von 22 bis 31 Millionen Euro (18 bis 25 Millionen Pfund). Dahinter steht eine Verkaufsrate von 90,2 Prozent der Lose, von denen beinah ein Viertel mehr als eine Million Pfund kostete, das Käuferaufgeld inklusive. Cheyenne Westphal, die Chefin der Gegenwartskunst-Abteilung des Hauses und übrigens deutscher Abstammung, fasste dieses tatsächlich bemerkenswerte Resultat, sichtlich freudig bewegt, so zusammen: „Der heutige Abend war wirklich eine Feier für Gunter Sachs, und die Ergebnisse sind ein angemessener Tribut.“ Wie recht sie gerade damit hatte, sollte sich vor allem noch am zweiten Tag der Versteigerung, dem day sale nach der Hauptauktion, erweisen.
Amüsement für das Saalpublikum
Die Abendveranstaltung am 22. Mai begann vor einem keineswegs überfüllten Saal in der New Bond Street, an dessen Rändern allerdings die Sotheby’s-Experten eine Phalanx von Telefonen bedienten, gar nicht rauschend - bis für Losnummer zwölf der Hammer von Henry Wyndham am Pult erst bei 150 000 Pfund fiel: Dieses telefonische Gebot galt „Expansion Jaune“, dem 3,2 Meter langen, in Polyurethan gegossenen Relikt einer Performance, die der französische Künstler César 1967 in München gab, als Gunter Sachs dort in der Villa Stuck das nur kurzlebige „Modern Art Museum“ führte. Der grüne Plastikeimer mit seiner gelben Kunststoffzunge war auf 60 000 bis 80 000 Pfund geschätzt gewesen.
Das war nur der Auftakt für die drei folgenden Objekte, deren verrückte Steigerungen das Saalpublikum so amüsiert wie erstaunt verfolgte: Es ging um die poppigen, mit Leder aufgezäumten Glasfaser-Pin-ups, die der Brite Allen Jones 1969 als lebensgroße Weibchen-Bilder für Sachs’ durchgestyltes Domizil im Turm des Palace Hotels in St. Moritz schuf, in Form von Hutständer, Sessel und Hocker. Ohne Rücksicht auf Geschmack und Portokasse setzte sich für sie, die vernünftigerweise auf jeweils 30 000 bis 40 000 Pfund taxiert waren, ein Bieter - in wahrhaft heftigem, manchmal die vorgesehenen Steigerungsmargen überspringendem - Ringen am Telefon des New Yorker Spezialisten Alexander Rotter durch. Er investierte 660 000, 710 000 und 830 000 Pfund - in der Summe also 2,2 Millionen Pfund oder gut 2,7 Millionen Euro, ohne das Aufgeld wohlgemerkt. Rotter verabschiedete sich dann auf Deutsch von seinem unbekannten siegreichen Kunden. (Kleiner Trost für weitere Interessenten: Jones fertigte jede dieser inzwischen aus der Zeit gefallenen Puppen in einer Auflage von sechs.)
Der Markt ist immer und überall
Damit war klar, wohin der Hase laufen würde: Es ist die Herkunft, die solche Einsätze, wenn nicht plausibel, so doch verständlich macht. Darüber lässt sich räsonieren, aber nicht streiten. Vielleicht liegt da sogar der charmante, der womöglich melancholische Aspekt solcher Übertreibungen: Einer, der es sich leisten kann, will Dinge, die ein anderer um sich gehabt hat, der ihm lieb und wert war - und teuer, im altmodischen Sinn des Wortes. Ob freilich das Kalkül dahin geht, aus einer solchen Erwerbung noch einmal Kapital zu schlagen, muss dahingestellt bleiben; denn der Markt ist immer und überall. Vielleicht auch dort, wo François-Xavier Lalannes drei wollige Sitzgelegenheiten „Moutons de laine“, ebenfalls für St. Moritz entworfen, auf 1,4 Millionen Pfund (Taxe 250 000/350 000) kletterten - was einem Ameublement in Schaf-Form von einem vergleichsweise wenig bekannten Bildhauer sonst kaum gelingen könnte. Einer Zuneigungsbekundung kommen auch die 1,1 Millionen Pfund (400 000/ 600 000) gleich, die zwei Telefonbieter untereinander ausfochten um eines der Porträts von Gunter Sachs selbst, die Andy Warhol für ihn 1972 gestaltete. Dagegen war das Bieten für Warhols Brigitte-Bardot-Bildnis eher uninspiriert und setzte ein Zeichen: Angesichts einer hohen Erwartung von drei bis vier Millionen Pfund war das Ergebnis von telefonisch gewährten 2,65 Millionen Pfund für den zuvor gehypten Siebdruck (Auflage 8), der nur aus Sachs-Besitz kommen kann, aber jetzt zum dritten Mal in einer dritten Farbvariante im Markt unterwegs war, wenig erotisch.
In den Top-Ten des Abends liest sich das so: Am teuersten wurde Warhols einen Quadratmeter großes „Self-Portrait (Fright Wig)“ in Rosa mit dem Zuschlag von 4,7 Millionen Pfund (2/3 Millionen), erworben von Sachs 1998, gefolgt von 1,2 mal 1,2 Meter messenden „Flowers“ von 1964/65 mit 3,3 Millionen Pfund (3/4 Millionen), erworben bei der Galerie Bischofberger 1979. Das eigentliche Rennen machte ein Unikat von Warhol, nämlich ein umwerfender Siebdruck auf Papier aus dem Jahr 1964, von Sachs 1989 in der Galerie von Larry Gagosian erworben: „The Kiss (Bela Lugosi)“ kaufte ein telefonischer Bieter für 2,8 Millionen Pfund (700 000/900 000). Die riesige Wesselmann-“Great American Nude No. 51“ von 1963 tat mit dem Zuschlag von 1,4 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) nur, was sie konnte; denn ihr Zustand hatte nach all den wilden Jahren eine Restaurierung notwendig gemacht. Käufer im Saal war wohl, wie auch bei den Warhol-“Flowers“, der Händlersammler Jose Mugrabi.
Die Veranstaltung am nächsten Tag im verkleinerten Raum und vor viel weniger Publikum, bestätigte nur, was sich am Abend abgezeichnet hatte: Die Bieter gehen nach der Provenienz, als wären’s Berührungsreliquien des vorherigen Eigentümers. Ziemlich absurde Dinge, engelsgeduldig am Pult dirigiert von Oliver Barker, konnten da abheben: Hatte schon in der Abendauktion Mel Ramos’ „A.C. Annie“ von 1971, die bikinigestreifte nackte Schöne an ihrer Zündkerze - eines der notorischen Originale, die Sachs vom Westcoast-Pop-Artisten Ramos besaß -, rational nicht nachvollziehbare 920 000 Pfund (150 000/200 000) gebracht, so gingen am folgenden Vormittag Drucke von Ramos gänzlich durch die Decke: Wer, so fragt man sich fröhlich, bezahlt eigentlich für dieselbe „A.C. Annie“ (zur Erläuterung: A.C. ist die Markenbezeichnung für die Zündkerze) als farbige Offset-Lithographie von 1971, signiert und numeriert 1463/5000 (!), allen Ernstes 27 000 Pfund (500/700)? Der günstigste der vier Ramos-Drucke kostete noch 9500 Pfund.
Eine sehr schöne Hommage an Gunter Sachs war im day sale aber die Wertschätzung seiner eigenen Arbeiten. Wer ihm je begegnen durfte, weiß, wie sehr ihm diese Anerkennung am Herzen lag. Kamen schon seine „Vier Jahreszeiten (Claudia Schiffer)“-Fotografien auf 50 000 Pfund (10 000/15 000), so war die sechsteilige Wandarbeit „Origine d’un cri“ heiß umkämpft, bis ein Herr im Saal sich mit dem Gebot von 100 000 Pfund (10 000/15 000) durchsetzte. Danach erzielte der große farbige C-Print „Ascot“ aus dem Jahr 1995, auf dem ein barbusiges Model in sechzehnfacher Ansicht mit einem Fernglas ein Pferderennen zu verfolgen scheint, unglaubliche 170 000 Pfund, angesichts einer Taxe von 8000 bis 10 000 Pfund.
Freunde und Verehrer von Gunter Sachs
Wer die Käufer waren? Sotheby’s spricht von einer nachgerade globalen Klientel. Jedenfalls müssen Freunde und Verehrer von Gunter Sachs unter ihnen gewesen sein, viele junge Leute waren in den Saal gekommen: die Nachgeborenen jener nun ausgestorbenen Spezies der Playboys, vielleicht.
Eine Nachschrift: In der „New York Times“ vom Donnerstag steht in der Rubrik „Real Estate“ die Immobilie 101 East 63rd Street in Manhattan zum Verkauf: Es ist jenes von Historie getränkte Haus, das der Architekt Paul Rudolph 1966 erbaute, dessen Eigentümer später der Modemacher Halston, der italienische Unternehmerzar Gianni Agnelli und dann Gunter Sachs waren. Als Kaufpreis sind 38,5 Millionen Dollar genannt.