Diese Skulpturen sprengen alle Maßstäbe: Als Isa Genzken vor ein paar Jahren damit begann, Glasvasen, Kunstblumen, Plastiksoldaten, Pokale und anderen Kitsch auf hohen Sockeln zu türmen, da erschienen die engen und grellen Arrangements wie eine Splatter-Version der formsensiblen und zurückhaltenden Arbeiten aus Glas, Beton und Gips, mit denen Genzken bekannt wurde. Sie spritzte auch noch Lackfarbe über die wüsten Zusammenstellungen, und ihr Titel klang nach Groschenheft, nach Trödel und billigem Horror - „Empire/Vampire“: Die Kunstwelt liebt die lauten Szenarien; Kollegen gestehen Genzken den Status einer der weltweit einflußreichsten Künstlerinnen zu.
Die jüngsten Exemplare der Serie verschieben einmal mehr die Koordinaten - einfach, indem sie größer sind. Wer dieser Tage die Kölner Galerie Daniel Buchholtz besucht, fühlt sich von Isa Genzken auf einen dieser Sockel befördert, vielleicht als Statist von „Kinder filmen“, einem Arrangement in Lebensgröße. Vor allem die Installation aus sechs Elementen unter dem Titel „Kinder filmen III“ (160 000 Euro) ist eine Kulisse, in der man sich wie eins dieser zerlegten Püppchen vorkommen kann, die in bunten Kapseln aus Automaten purzeln.
Das billige Spielzeug, das Plastik, die Folien und Kunststoffmöbel - alles hat Menschenmaß, setzt sich zu einem raumgroßen Aufbau zusammen, einem Filmset eben. Während die Kleinversionen oft als Miniaturbühnen von Spiegeln oder lackierten Tafeln begrenzt waren, hat Genzken hinter die aktuelle Szene Arbeiten gehängt, in denen polierte Platten von Klebeband zusammengehalten und mit Fotos, Aufklebern, Bau- und Dekofolie collagiert sind (nach Größe 45 000 bis 75 000 Euro).
Isa Genzken betont, daß ihre Skulpturen keinen Raum einnehmen, sondern Raum hinzufügen; vielleicht hat sie deshalb zwischen all das Plastik auch einen Solitär gesetzt - einen Lederhocker von Mies van der Rohe -, der aussieht, als wäre er einer Hollywood-Pool-Party zum Opfer gefallen: Schlierige Farbreste, getrocknetes Moos und Erdnußschalen kleben unter der Sitzfläche, und zusammen mit einer älteren Arbeit, „More Light Research“ aus dem Jahr 1992, eröffnet sich ein ganz anderes Bezugsfeld. Auf der Holzplatte zeichnen sich die Umrisse eines Stahl-Stützkreuzes ab, in der Form nicht unähnlich den verschränkten Gelenken, die den Design-klassiker tragen; die metallene Konstruktion wird sichtbar wie das Knochengerüst einer Röntgenaufnahme.
Das paßt zum Splatter genauso wie zum Film, der ja nichts anderes ist als belichtetes Zelluloid: Die Lichtstrahlen in der Kamera-Optik, der Lack, der die Umrisse des Metalls nachzeichnet, und die Reflexe von den Spiegeln und Stahlplatten zerschneiden den Raum in ein kaleidoskopisches Durcheinander, in dem die artifiziellen Puppen so viel Halt geben wie das weiße Kaninchen der kleinen Alice im Wunderland.
Nach international beachteten Ausstellungen in der New Yorker Galerie David Zwirner und der Londoner Dependance von Hauser und Wirth richtet Isa Genzken mit der aus 24 einzelnen Arbeiten zusammengefügten „Kinder filmen“-Installation nun ihre achte Einzelausstellung in der Galerie Daniel Buchholz aus - nach fast zwanzigjähriger Zusammenarbeit hat sie sich für Köln offensichtlich ihr schönstes Projekt reserviert. Das Begehrteste ist dort übrigens am günstigsten zu haben: Die „Oscars“, buntlackierte Plastiken aus Blechdosen, Stacheldraht, Stoff und Gips, stehen im Schaufenster - Stückpreis 2200 Euro.