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Gallery Weekend in Berlin : Hinein in die Lücken des Imaginären

Beim vierzehnten Gallery Weekend in Berlin führen die Wege zur Kunst in all ihren Spielarten. Entscheiden muss jeder Liebhaber für sich.

          Es sind wieder, wie im vorigen Jahr, 47 Galerien, die sich zum Berliner Gallery Weekend zusammengetan haben, darunter ein paar junge Neuzugänge. Ohne all die anderen Galerien außen herum, die sich an das Ereignis anhängen. Und ohne die Auktionshäuser, die da auch ein Terrain für sich entdeckt haben, nicht zur reinen Freude der Weekend-Veranstalter, die natürlich ihre Klientel während der drei Tage des Wochenendes in den Galerien begrüßen wollen. Jedenfalls gibt sich Berlin, schon traditionell, kunstmäßig hochgestimmt. Man setzt deutlich auf ein kauffreudiges Publikum – es darf teuer werden –, allerdings auch auf ein entdeckungsfreudiges, was sehr begrüßenswert ist.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der eine Weile in den Schatten von Berlin-Mitte geratene Stadtteil Charlottenburg ist wieder ganz da, was sich schon seit zwei Jahren andeutete: Die Kunstkarawane zieht weiter gen Westen. Auf ihren zwei Etagen dort in der Grolmannstraße zeigen Contemporary Fine Arts ältere und neuere Arbeiten des Tusche-auf-PapierTigers Raymond Pettibon. Sie sind, gemäß der Sitte seit drei Jahrzehnten, dicht an dicht an die Wände gepinnt – und haben immer noch ihre aufsässige Attitüde bewahrt (Preise von 20000 bis 70000 Dollar). Im ersten Stock gibt es bei CFA Werke der in Pakistan geborenen, seit langem in New York lebenden Huma Bhabha. Unter dem Motto „Revengers“ sind das dunkle, wie totemistische Skulpturen aus Kork mit Spuren von Bemalung und ebenso abgründige Zeichnungen (Preise von 150000 bis 170000 Dollar; Zeichnungen von 15000 bis 40000 Dollar).

          In der Bleibtreustraße zeigt Max Hetzler neue Fotografien von Thomas Struth. Er setzt da die Auseinandersetzung mit hochkomplizierten industriellen Maschinen und Apparaten fort, die in seinen Aufnahmen an den Rand der Abstraktion geraten (Auflage6; Preise um 120000 Euro). In einem temporären Ausstellungsraum am Ku’damm hängen Bilder von toten Tieren, die Struth im Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung fotografiert hat. Es sind anrührend würdevolle Zeugnisse des Memento mori (Auflage6; Preise um 35000 Euro).

          In dem Hofquartier an der Potsdamer Straße mit seinen Galerien residiert auch Esther Schipper, die diesmal ihre großzügigen Räume „General Idea“ widmet und AA Bronson, dem Überlebenden aus der Dreierkommune, dessen zwei Gefährten 1994 starben. Unter dem Titel „Catch me if you can“ sind vielfältige Arbeiten – Fotografien, Skulpturen, Malereien – der inzwischen wahrlich legendären kanadischen Künstlergruppe entlang einer timeline von 1968 bis 2018 geordnet, ein eindrucksvoller Erinnerungsraum (die Werke sind verkäuflich, einzelne Preise auf Anfrage). Im selben Hof hat auch Juerg Judin seine Galerie (er gehört nicht zur engen Gruppe des Gallery Weekend); er stellt den deutsch-französischen Künstler Edouard Baribeaud, Jahrgang 1984, vor, der in Paris Grafik studiert hat und nun in Berlin lebt. Baribeaud verknüpft mythologische Themen mit Anklängen an die Kunst von der Renaissance bis zur Moderne und mit Verweisen auf die Wirklichkeit in bestechender Perfektion, so sind auch manche in Eitempera auf Leinwand gemalt (Preise von 5000 bis 20000 Euro).

          Die Malerei untermauert ihre Stärke

          Um bei der Malerei zu bleiben, die beim Gallery Weekend wieder ihre Stärke untermauert: Neue Bilder von Tim Eitel hängen in der Auguststraße bei Eigen+Art. Sie verschlüsseln Realität, Raum und Zeit hin zu Passagen einer „Vie imaginaire“, die auf die Romantik anspielen und auf die „Imaginären Lebensläufe“ des symbolistischen Schriftstellers Marcel Schwob, der die Lücken in den Viten historischer Personen phantasievoll schloss (Preise von 4800 bis 185000 Euro). Auch die Künstlerin Monika Baer ist Leinwand und Papier treu geblieben, zu sehen in der Galerie Barbara Weiss in der Kohlfurter Straße. Baers feine Zeichnungen verneigen sich vor den Alten Meistern, voller Sorgfalt im Detail. Ihre monochromen Gemälde entfalten Witz, mit einer Art stählernen Tentakeln, die sie an die Wand binden (Preise von 10000 bis 60000 Euro).

          Bei der Galerie Neu in der Linienstraße strahlt gewissermaßen sternförmig die Serie „Rose Paintings“ des norwegisch-deutschen Künstlers Yngve Holen, der auf mehreren Ebenen agiert mit seinen ebenso imposanten wie zarten Wandskulpturen: Es geht um Ornament und um industrielle Produktion, um Technik – die Sterne sind vergrößerte, hölzerne Repliken der Felgen diverser SUV-Modelle – und Handwerklichkeit; und wahrscheinlich sogar um Schönheit (Auflage je 2; je 28000 Euro). Die Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler in der Kohlfurter Straße stellt plastische Arbeiten des jungen chinesischen Künstlers Yu Honglei vor, den die Entwicklung der menschlichen Gestalt beschäftigt – so in seinen großen bronzenen Unikat-Köpfen, die er als Variationen auf Hans Arps Werke versteht, aber eben mit skurrilen Gesichtern ausstattet (Preise von 12000 bis 20000 Euro). Jeder Kunstsinnige wird in Berlin seine eigenen Wege finden.

          Gallery Weekend. Alle Galerien sind am Samstag und Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Danach laufen die Ausstellungen natürlich weiter.

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