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Gallery Weekend Berlin : Bilden und bauen

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Die Architektur wird von den Galerien bislang vernachlässigt. Beim Berliner Gallery Weekend an diesem Wochenende beweist Jürgen Mayer H.: Das ist ein Fehler.

          Architekten haben es schwer. Zumindest in der Kunst, wenn ihre Werke auch in der Wirklichkeit ihre Entsprechung finden und eine Funktion erfüllen, wie bekanntlich auch Design. Über das Crossover zwischen den Disziplinen wird immer wieder kritisch diskutiert – besonders skeptisch ist man in Deutschland. Doch es gibt sie seit Jahrzehnten, die Künstler, die alles miteinander verbinden, Olafur Eliasson zum Beispiel oder Tobias Rehberger, der das Café auf Venedigs Kunstbiennale gestaltete und zum Emscher Kunstfestival eine Brücke entwarf und baute. Die beiden Künstler sind jüngere Vertreter der Zweihändigkeit für Bild wie Bau. Trotzdem gibt es immer noch wenige Architekten, die sagen können: Ich baue Häuser und zeige die Zeichnungen und Entwürfe in einer Galerie. Dieses Forum wird ihnen meist verwehrt, man nimmt sie aus Kunstperspektive ungern wahr. Dabei sehen wir heute auf Entwürfe der Designerin Dodo aus den zwanziger Jahren oder auf Mies van der Rohes Entwürfe mit bewunderndem Blick, schwärmen für die Kraft ihrer Zeichnungen und Modelle, die in Auktionen zu hohen Preisen gehandelt werden.

          Die zeitgenössische Architekturzeichnung als künstlerische Gattung ist zunehmend selten. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass in Architekturbüros kaum mehr gezeichnet wird. Computer setzen die Ideen um. Doch es gibt auch die Gegenbeispiele. Immer noch wird zur Präsentation der Entwürfe nach aufwendigen Techniken geforscht und damit die Nähe zur Kunst gesucht. Zaha Hadid zum Beispiel bedient sich modernster Technik. Ihre „Silverpaintings“ werden digital entworfen, danach fotografiert und schließlich auf großen Leinwänden mit Glasfarbe, Acryl, Lack und Phenyl ausgearbeitet. Was hat das mit Kunst zu tun? So könnte man fragen. Wenig, nach den galerieüblichen Maßstäben. Der Auk¬tionsmarkt sieht das anders. Hadids „Gemälde“ vom „Guangzhou Opera House“ wurden für 65.000 Dollar versteigert und in Museen auf der ganzen Welt gezeigt. Was also passiert in deutschen Galerien?

          An diesem Wochenende findet in Berlin wieder das alljährliche Gallery Weekend statt. Insgesamt 51 Galerien zeigen 65 Ausstellungen. Sammler werden eingeflogen und Partys gefeiert. Die Kunst der Galerien präsentiert sich äußerst konventionell: Filme, Fotografie, Malerei, Zeichnung und Installation. Sie bleiben schön brav in ihren White-Cube-Wänden. Im „Eigen+Art lab“ wenigstens, in der Mädchenschule, fällt ein Name auf, der für etwas anderes steht: Jürgen Mayer H. Der Vollblut-Architekt, geboren 1965, heißt eigentlich Jürgen Mayer Hermann und hat vor Jahren zwecks Erkennbarkeit den Hermann als „H“ hinten drangehängt. Wer sich für Architektur interessiert, kommt an ihm schon lange nicht mehr vorbei. Wer sich für Kunst und Design interessiert, sollte zu ihm aufschließen. Denn er schafft eine Symbiose, die selten ist, respektlos vor der Strenge der Architektur und schonungslos mit den Ansprüchen der Kunst.

          Gebaut hat er seine utopischen, verträumten, unkonventionellen Ideen schon an vielen Orten: eine Mensa in Karlsruhe, ein Gerichtsgebäude in Belgien, einen Grenzkontrollpunkt in Georgien, die temporäre „Schaustelle“ an der zurzeit geschlossenen Pinakothek der Moderne und sein größtes Projekt, das „Metropol Parasol“, die Umgestaltung der Plaza de la Encarnación in Sevilla. Bei ihm ist alles rund, organisch, aus einem Guss. Sein Modell eines Stadthauses in Ostfildern hat das Museum of Modern Art in New York in die Sammlung aufgenommen.

          Sein Ansatz in der Ausstellung mit dem aussagekräftigen Titel „Black.See“ ist die Anverwandlung seiner Fertigkeiten ans rein Künstlerische, insofern das Gezeigte in einem vollständig funktionslosen Raum bleibt – zumindest bleibt die Funktion unausgesprochen. Im langen dunklen Gang des lab, der zu den Ausstellungsräumen führt, kriecht ein organisches Muster an der Wand entlang. Wer es nicht weiß, nicht wissen will, erfährt nicht, was hier zu sehen ist, worauf sich die Form bezieht – auf Datensicherungsmuster nämlich. Sie finden sich auf den Innenseiten von Briefumschlägen, die von Ämtern oder Banken versandt werden. Ihre stark verdichtete Optik soll persönliche Briefinhalte vor Indiskretion schützen und sensible Daten unsichtbar machen. Man wird ummantelt von diesen Formen, wie von anderen beim Betreten seiner Architektur.

          Auf dem Boden steht eine Skulptur aus schwarzem Holz (45.000 Euro), auf schweren, rostigen Stahlträgern stehen kleinere 3D-Objekte aus der Serie „pok“ aus Polyamid (5000 Euro) ordentlich aufgereiht, die diese Formen wiederholen. Und an den Wänden zeigt er Zeichnungen, die diese Muster weitertreiben, in immer gleichen kleinen Rahmen, Handarbeit natürlich und vom Architekten signiert (1200 Euro). Ein einfacher Tintenstrahlausdruck verweist auf die Welt da draußen, fern des White Cube, wie eine Wunderland-Erzählung: Sie zeigt Jürgen Mayer H.s Skulptur in Lazika am Schwarzen Meer. Ein Sehnsuchtsort, dem Namen nach. Die Stadt existiert jedoch noch nicht, sondern besteht nur in einem Entwurf. Am zukünftigen Hafen hat Jürgen Mayer H. einen entrückt wirkenden futuristischen Leuchtturm ohne Leuchte gebaut, der nun seine Formenkrakenarme in der Galerie ausbreitet.

          Die Architektur, die hier Kunst ist, macht es denjenigen schwer, die von ihrer Funktion profitieren wollen. Und auch die Kunstbeschauer haben es nicht ganz leicht: Kunstkonventionen werden nur simuliert und nicht erfüllt. Denn was Jürgen Mayer H. gelingt, ist etwas ganz anderes: Die Performance der Architektur in Lazika wuchert und treibt hier in Berlin weiter, wird nicht einfach in Modellen stillgestellt. Winkel knospen bei ihm, und ganz neue Räume dürfen in seinem Werk daraus blühen.

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