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Galerierundgang München Die Kunst hat lauter Haken

01.07.2007 ·  Pia Stadtbäumer inszeniert die Modernität des Rokoko, Chantal Michel macht den eigenen Körper zum Kunstobjekt, Jirí Georg Dokoupil schlägt und befestigt konzeptuelle Haken und Martin Wöhrl bewährt sich als Resteverwerter: Ein Rundgang durch Münchner Galerien.

Von Brita Sachs
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Selig lachend wirft sie den weißblonden Kopf mit den verbundenen Augen zurück, streckt tastend die Hände vor und strampelt ein bisschen mit den nackten Beinen. Eigentlich strahlt das Mädchen schiere Lebenslust aus, trotzdem wirkt die Situation seltsam und unerklärlich. Pia Stadtbäumer hat die lebensgroße Frauenfigur mitten auf die Wand plaziert, da sitzt sie auf Brettern, die einem Ast aufliegen. Wie vor einigen Jahren, als die Düsseldorfer Künstlerin Lenbachs berühmte Hirtenknaben plastisch nachformte, greift sie für die „So reiten die Damen“ betitelte Plastik auf den Fundus der Kunstgeschichte zurück; diesmal interessierten sie die Frivolität und Extravaganz des Rokoko.

Fragonards Gemälde „Die Schaukel“ in der Wallace Collection und seinem „Blinde-Kuh-Spiel“ scheinen die Mädchen entstiegen, um bei Stadtbäumer zu einer Figur zu verschmelzen. Der Betrachter nimmt jetzt die Stelle des Jünglings ein, der der Schaukelnden unter die wehenden Röcke schaut oder ihre auf pudrig hellem Teint schimmernden Brustspitzen betrachtet, die uns Fragonards Bild notdürftig verbarg. Unschwer entschlüsselt kunsthistorische Deutung die Motive galanter Rokoko-Spiele als Symbole erotischen Tändelns und blind eingegangener Liebesabenteuer.

Die Künstlerin dürfte die erstaunliche Freizügigkeit fasziniert haben, mit der das Rokoko über weit prüdere Epochen hinweg einen direkten Bogen in die Moderne schlägt. Sie glich Frisur und Kleid so weit heutigen Moden an, dass wir sie nicht unmittelbar dem 18. Jahrhundert zuordnen, beließ der Erscheinung aber ausdrücklich das dekadent Artifizielle und Selbstbezügliche, in denen sie Parallelen zu heute ausmachen will. Auch ein männliches Pendant zeigt die Galerie Six Friedrich/Lisa Ungar in ihrer ersten Ausstellung von Werken Stadtbäumers: einen selbstverliebt um sich selbst kreisenden Jüngling sowie ein monochrom graues Weib in schweren Falten, das Fragen nach ihrem Alter aufwirft. Mit ihr begann die Künstlerin 2004 die Gruppe dieser neuen Plastiken, in der sie neuerlich dem Kanon der klassischen Figuration eine provokante und zeitgemäße Façon gibt (bis 87.000 Euro, Zeichnungen kosten 2400 Euro). (Bis 28. Juli.)

Der eigene Körper als Kunst

Irgendwann ließ sich die alte Bildhauerfrage des Verhältnisses vom Objekt zum Raum für Chantal Michel nur noch mit dem vollen Einsatz des eigenen Körpers beantworten. Sie studierte noch bei Harald Klingelhöller Skulptur in Karlsruhe, als sie in Videos und Performances dazu überging, sich selbst in Räume einzufühlen und einzufügen. Mit Kostümen und Perücken staffiert sich die Künstlerin zum passenden Objekt für die erwählte Situation, sei es eine Brauerei, eine ägyptische Familie oder ein Schaufenster. Der mindestens skurrile, oft absurde Eingriff, den diese Auftritte darstellen, unterstreicht lebhaft die spezifische Atmosphäre der jeweiligen Umgebung.

Die Galerie Karin Sachs, die das Gärtnerplatzviertel verlassen hat, um sich am Rande des beliebten Trendviertels um die Pinakotheken niederzulassen, eröffnet die neuen Räume in der Augustenstraße mit einer Fotoserie, welche die 1968 geborene Künstlerin in ihrem Heimatort Bern aufnahm. Dort war das alteingesessene Fünfsternehotel „Schweizer Hof“ in Konkurs gegangen, und Chantal Michel bespielte die verlassenen Räume mit Blondie-Bob und in Sixties-Kleidchen. Auf einem Regal erstarrt sie zum Lampenfuß, auf den abgezogenen Betten gibt sie verdrehte Liegefiguren, hinter dem Volant eines Sideboards ragen nur hellblau berockte Beine hervor. „Die Wirklichkeit stellt eine Unwahrscheinlichkeit dar, die eingetreten ist“ - dieser Titel einer älteren Arbeit beschreibt ausgezeichnet, was da im drückend stillen Hotel passiert. (C-Prints auf Dibond kosten ab 5800 Euro; Auflage: 3+1). (Bis 4. August.)

Eine Frage der Größe

Was die Künstlerin kann, nämlich sich selbst zu Kunst machen, kann der ordinäre Kleiderhaken schon lang - bei ihm ist das nur eine Frage der Dimension. So wie das Haus, in das niemand hineinpasst, allenfalls ein Modell ist und ein Ferrari von zehn Zentimetern Länge unweigerlich zum Spielzeug schrumpft, taugen auf die Größe von Büffelhörnern angewachsene Wandhaken kaum zum Aufhängen von Hut und Mantel, wohl aber zum aufsehenerregenden Objekt. Mal wieder hat Jirí Georg Dokoupil, der sich den Stilwechsel zum Stilprinzip erkor, mit dieser neuen Werkgruppe einen konzeptuellen Haken geschlagen.

Über die Wände des großen Raumes in der Galerie Karl Pfefferle paradieren elf der gewaltigen Trophäen: Sie nehmen auch im Bronzeguss die Gestalt der Plastik-Billigartikel aus dem Baumarkt an; Polieren oder dunkel Patinieren machen die Illusion perfekt. Da hängen die zum Dienen Erfundenen zweckfrei und in den edlen Stand wertvoller - nämlich zwischen 27.500 und 38.500 Euro kostender - Skulpturen erhoben und halten dazu an, die Wahrnehmung im Alltag zu schärfen, wie weiland Duchamps Ready-Mades. (Bis 30. August.)

Martin Wöhrls konstruktive Resteverwertung

Die Liebe ist groß. Sie füllt den Raum und ist von robustem Charakter: Martin Wöhrl hat die Buchstaben für sein XXL „Amore“ (16.000 Euro) aus allerlei Türblättern zusammengesägt. Das Zerlegen von Gefundenem zwecks phönixhafter Neuverwertung wurde ein Erkennungszeichen des 1974 geborenen Münchner Bildhauers, der aus alten Küchenschränken und diversen Sperrmüllleichen ein prächtiges buntes Parkett recycelte, das heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus liegt. Auch sonst baut er öfters aus Resten Dinge zusammen, die zu mehr zu gebrauchen sind als zum plakativen Liebesschrei in fremden Zungen.

Bei Sprüth Magers Projekte - das ist der Experimentierraum der etablierten Kölner Galerie - verströmen seine zwei Stehlampen aus Holzabfällen, Beton und Metallstücken angenehmes Licht durch ihre Unikatschirme (6800 Euro). Als Zwitter aus Kunst und Mobiliar erinnern Wöhrls Arbeiten an Franz Wests gleichfalls ohne jegliche Berührungsangst vorgenommenen Ausflüge in die Angewandte Kunst. Wenn Wöhrl bunte Glaskugeln wie Seifenblasen über die Wand einer halbverborgenen Raumecke perlen lässt, machen die geradezu poetisch und leise den großen Worten Konkurrenz. (Bis 28. Juli.)

Quelle: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite 47
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