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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Galerierundgang London Schlachtfeld - oder Spielfeld mit Platz für alle?

 ·  Weitere wichtige amerikanische Galerien haben London zu ihrem Stützpunkt gemacht: Michael Werner, David Zwirner und Pace. Sie sehen dort neue zahlungskräftige Kundschaft.

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London. Auf dem Londoner Kunstmarkt steigt die Temperatur. Das Fachblatt „Art Newspaper“ macht als Grund für dieses hotting up die Americans in town aus: Denn in diesem Monat eröffnen ein paar große Galerien mit Hauptsitz in New York neue europäische Außenposten in London. Sie folgen damit dem Beispiel des dominanten amerikanischen Galeristen Larry Gagosian, der mittlerweile weltweit zwölf Dependancen unterhält, davon zwei in London, von denen die erste im Jahr 2000, die zweite 2004 mit Cy Twombly eröffnet wurde.

Die Zeitung „The Guardian“ spricht sogar davon, dass amerikanische Händler nun die Londoner Kunstszene in ein „Schlachtfeld“ verwandelten: Die Rede ist von den Galerien Michael Werner, David Zwirner und Pace, aber auch von dem jüngeren Per Skarstedt in der Bond Street.

Die Kunstwelt funktioniert historisch in vielen Aspekten nach dem Prinzip der gentleman’s agreements, der unausgesprochenen Abmachung, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Galerien hatten ihren Sitz in New York oder London, in Paris oder Köln, und sie verkauften lokale Künstler an lokale Sammler. Seit der Preisexplosion in der vergangenen Dekade und der Globalisierung des Kunstmarkts haben Galerien mit besonders gefragten Künstlern ein verstärktes - finanzielles - Interesse daran, ihre Hauskünstler nicht nur in einem Land oder auf einem Kontinent zu vertreten.

Sie wollen global agieren, und viele der superreichen Kunstsammler aus Russland, Asien und dem Mittleren Osten unterhalten einen Wohnsitz in London. Die Datenbank „Wealth-X“ schätzt, dass in London 10.760 Personen mit einem Vermögen von mehr als dreißig Millionen Dollar einen Wohnsitz angemeldet haben - davon fast ein Drittel jene „Non-Doms“, die in England keine Steuern auf Einkommen, sofern es außerhalb von England verdient wurde, bezahlen müssen, weil sie hier nicht die meiste Zeit des Jahres leben. Nicht wenige dieser „Ultra-Reichen“, wie die Oligarchen Usmanov und Abramovich, sammeln Kunst.

Eigentlich ist die Galerie Michael Werner - mit ihrem Stammsitz in Köln - schon seit 2003 mit temporären Projekten diskret in London aktiv. Nun hat sie nach längerem Suchen endlich einen Ort in London gefunden, der den Vorstellungen der Direktoren entspricht: „Es sollte in Mayfair sein und eine historische Atmosphäre haben, wie unsere Galerie in New York“, sagt Gordon VeneKlasen, der Direktor des 1990 in New York eröffneten Ablegers und Geschäftspartner von Michael Werner. Die neue Galerie ist tatsächlich in der elegantesten Gegend Londons angesiedelt, gleich hinter der Park Lane, in einem alten Stadthaus in der Upper Brook Street.

Von dort ist es nur ein kurzer Weg zu den Luxushotels Claridges und The Connaught, in denen wohlhabende Sammler gerne logieren. Zu der Beletage mit hohen stuckverzierten Decken führt eine breite Treppe mit geschnitztem Geländer hinauf: Die Galerie Werner hat sich für einen längeren Aufenthalt eingerichtet - sogar der alte Eichenparkettboden im Fischgrätmuster wurde neu verlegt; er hat eine passende Provenienz: Beim letzten Umbau wurde er aus der Londoner Tate Britain entfernt.

Werner unterhält, neben New York und nun London, weiter den Standort Köln und seit 2009 einen Projekt-Raum in Berlin unter dem Namen „VW“, VeneKlasenWerner. Berlin ist auch die Stadt in der die Galerie 1963 gegründet wurde, bevor Michael Werner 1969 nach Köln umzog. Die Direktorin in London, Kadee Robbins, die schon seit 2003 Kunden der Galerie hier betreut, erklärt: „Wir denken, in London haben wir ein neues Publikum. Englische und internationale Sammler haben hier entweder einen Wohnsitz oder kommen oft vorbei.“ VeneKlasen ergänzt: „Köln hat seit den neunziger Jahren an Internationalität verloren. In Berlin gibt es zwar viele, auch internationale Galeriebesucher, aber wenige Käufer.“

Zur Eröffnung der Londoner Galerie zeigt Werner zehn neue Gemälde von Peter Doig, der bisher in London ausschließlich von Victoria Miro vertreten wurde. In der zweiten Etage hängen fünfzehn Papierarbeiten, von denen die meisten Studien zu den Bildmotiven sind. Doig gehört zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Malern. Im Jahr 2008 widmete ihm die Londoner Tate Britain eine Solo-Schau, die anschließend in das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris und in die Schirn Kunsthalle in Frankfurt wanderte. An den meisten der aktuellen Bilder arbeitete Doig bereits seit Jahren: Das zwei mal drei Meter große „Cricket Painting (Paragrand)“ zum Beispiel, 2006 begonnen, weist ein paar Stellen auf, an denen die Farbe noch nicht vollständig getrocknet ist. Der Galerieraum riecht nach Öl und Terpentin. Doig arbeitet viel mit Terpentin, erklärt VeneKlasen, wodurch die wässrig-verlaufenen Effekte auf der Leinwand entstehen.

Der 1959 in Schottland geborene Doig, verarbeitet viele Motive immer wieder. So verkaufte die Galerie Werner zum Beispiel eine andere Version des Kricket-Motivs schon vor einiger Zeit an das Dallas Museum of Art. In zwei anderen Gemälden, „Walking Figure by Pool“ von 2011 und „Figure by a Pool“ von 2008/12 taucht ein älterer Mann auf, der nur mit einem weißen Handtuch um die Hüfte an einem Pool entlang geht: Doig nahm hier eine alte Fotografie, die den 1953 gestorbenen Künstler Francis Picabia im Urlaub zeigt, zum Ausgangspunkt. Er ergänzte das Motiv um zwei Frauenbeine im Wasser, erweiterte die obere Bildhälfte und fügte einen Strand hinzu.

Peter Doig teilt seine Zeit auf zwischen Ateliers in New York, London und seit 2002 in Port of Spain auf Trinidad, wo er als Kind schon einige Jahre verbrachte. Daneben unterrichtet er an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ihn interessieren Kunstmarkttrends ebenso wenig, wie kommerzieller Erfolg sein Arbeitstempo beschleunigt hat. Doig arbeitet allein und bedächtig - und naturgemäß macht ihn seine überschaubare Produktion wiederum attraktiv für Sammler. (Die Bilder kosten zwischen 250.000 und 2,5 Millionen Dollar, Papierarbeiten von 45.000 bis 75.000 Dollar.) Als nächste Londoner Ausstellung plant Werner übrigens - Wilhelm Lehmbruck.

Weiter östlich, im Zentrum von Mayfair, in der Grafton Street, hat die Galerie David Zwirner, die bisher ausschließlich von New York aus agierte, ein mehrstöckiges weißes georgianisches Stadthaus in elegante Galerieräume verwandelt. Es liegt nur ein paar Häuser von der Galerie von Monika Sprüth und Philomene Magers entfernt, die seit 2003 in London ihre Dependance haben; nachdem der Kölner Stammsitz 2008 aufgegeben wurde, agieren SprüthMagers sonst von Berlin aus.

David Zwirner - wie auch Michael Werner - beauftragten dieselbe Architektin, nämlich Annabelle Selldorf. Zur Eröffnung präsentiert Zwirner neue Arbeiten des belgischen Malers Luc Tuymans (bis zum 17.November), der zuletzt in London 2004 in der Tate Modern gezeigt wurde. Zu den neuen Bildern gehört auch eine Reihe, deren Ausgangspunkt eine 1942 in Technicolor verfilmte Adaption von W.Somerset Maughams Roman „The Moon and Sixpence“ von 1919 ist, die sich vage auf das Leben des Malers Gauguin bezieht.

Die Zwirner-Direktorin Angela Choon betont die freundschaftlichen Beziehungen unter den in London ansässigen Galeristen: „Von unseren Künstlern hatten etwa 25 keine Repräsentanz in Europa. Mit einer Galerie in London können wir sie auch hier vertreten.“ In mancher Hinsicht mag aber tatsächlich die aggressive Expansion von Gagosian in London - und jüngst auch in Paris - die Notwendigkeit europäischer Niederlassungen verdeutlicht haben: nicht zuletzt, als der im Juli gestorbene Franz West, ein Hauskünstler von David Zwirner, zu Gagosian wechselte.

Auch die traditionsreiche Pace-Galerie - wie Michael Werner schon seit einiger Zeit in London vertreten - hat jetzt zusätzlich zu ihrem kleinen Raum in Soho einen größeren Ausstellungsbereich in einem eindrucksvollen Gebäude in Mayfair gemietet. Das Parterre der Burlington Gardens-Adresse hat einen separaten Seiteneingang, neben dem Hauptportal zu jenem Ausstellungsbereich im ersten Stock, den die Besitzerin, nämlich die Royal Academy, derzeit zu eigenen Zwecken nutzt. Pace stellt zur Eröffnung eine Serie von Bildern Rothkos den Wasser-Fotografien von Hiroshi Sugimoto gegenüber. Die Werke treten in ihrer grau-schwarzen Farbpalette in einen ästhetischen und intellektuellen Dialog ein.

Im Zusammenhang mit den ebenfalls rezenten Londoner Expansionen in großzügige showrooms für Zeitgenossen, wie sie Hauser& Wirth in der Savile Row und White Cube in der Bermondsey Street unternommen haben, wollen auch alte traditionsreiche Galerien wie Marlborough, die sich ihren Namen mit Francis Bacon oder Frank Auerbach gemacht haben, den Anschluss nicht verlieren: So eröffnete Marlborough gerade weitere Räume für jüngere Zeitgenossen, in der Etage über der etablierten Galerie in der Albemarle Street.

Endlich expandiert die Galerie BlainSouthern weiter, gegründet von dem ehemaligen Börsenmakler Harry Blain und dem Ex-Christie’s-Mitarbeiter Graham Southern. Die beiden gründeten zunächst die Galerie Haunch of Venison, eben im Haunch of Venison Yard in Mayfair. Haunch of Venison wurde dann im Jahr 2007 an Christie’s verkauft, bevor sich die einstigen Gründer 2010 wieder von dem Auktionshaus lösten, um sich unter eigenem Namen zu etablieren. Vor einigen Tagen eröffneten Blain Southern neue Räume am Hanover Square, mit einer Ausstellung des im aktuellen Markt sehr erfolgreichen Künstlerduos Noble&Webster (bis zum 24.November). Daneben unterhält die Galerie seit 2011 Räume in einem alten Stadthaus im Westen von Mayfair - by appointment only -, außerdem in New York und in Berlin.

So besetzt, erinnert das Zentrum von London wohl eher an ein Schachbrett, auf dem die Spielfiguren gerade neu Position bezogen haben. Für ein „Schlachtfeld“ ist Mayfair vielleicht dann doch zu elegant.

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