Home
http://www.faz.net/-gyz-6xxsh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Galerierundgang Hamburg Der Rock der Galeristin

24.02.2012 ·  Junge Künstler in Hamburg: Karin Günther zeigt Christian Flamms Arbeiten neben denen von Margarete Jakschik, und Janus Hochgesand hat eine Installation bei Diane Kruse.

Von Vita von Wedel, Hamburg
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Karin Günther stellt zwei Künstler einander gegenüber, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Da ist einmal Christian Flamm, 1974 in Stuttgart geboren, in Berlin künstlerisch geprägt und inzwischen in London lebend, mit seiner sechsteiligen Folge aus Tuschezeichnungen „Morgens Fremde, abends Freunde“. Man sieht zuerst einen stehenden jungen Mann, frontal, in die Ferne schauen, im zweiten Bild dann nach vorn gebeugt einer Arbeit nachgehend, im dritten Bild mit einem anderen Menschen kooperierend, im Vierten eine fröhliche Dreiergruppe.

Das sechste Blatt ist gänzlich schwarz und enthält nur die Signatur des Künstlers. Vorlagen für diese Szenen waren in einer Kiste gefundene Fotos, wohl aus den neunziger Jahren. Man erkennt, dass Flamm ursprünglich von der anachronistischen Technik des Scherenschnitts herkommt - die Konturen wirken scharf geschnitten. Die auf zwei, drei Töne reduzierte Farbigkeit der Flächen ist von größter Präzision. Eine reduzierte Musikalität liegt darüber, kein Wunder: Bis vor kurzem kombinierte Flamm am Computer melancholische Minimal-House-Tracks mit seinen graphischen Entwürfen. Der große dramatische Gestus liegt ihm fern, Flamm sucht nach einer ganz eigenen Definition von Schönheit. (Die Tuschezeichnungen kosten einzeln 4000 Euro).

Perfekte Bildkompositionen

Gegenüber hängen farbige Fotografien von Margarete Jakschik, 1974 in Ruda Slaska in Polen geboren und in Köln und vor allem in Los Angeles lebend. Bis 2005 studierte sie an der Düsseldorfer Kunstakademie, zuletzt in der Klasse von Thomas Ruff, dessen Sicht auf das Alltägliche gelegentlich noch zu spüren ist. Ähnlich wie bei Christian Flamm fehlt auch bei Jakschik der konzeptuelle Anspruch. Wo Flamm die scharfe Kontur sucht, spielt Jakschik mit Schärfe und Unschärfe, - mit einem zweiten Blick auf die Wirklichkeit. Wasser spielt dabei immer wieder eine Rolle: als abstrakte Gischt oder als Nebelmeer.

Die transparente Linse wird zum Bild-Träger über dem Bildträger, so wie im unbetitelten Foto von einem romantischen Ölbild mit einer Waldlandschaft, das in einer flachen Wasserlache liegt und auf der Oberfläche schwimmen Herbstblätter. In aller melancholischen Ausschnitthaftigkeit sind die Bilder perfekt komponiert und entziehen sich standfest jeder thematischen Interpretation (Preise 1800 bis 2700 Euro).

Große Formen und kleinteilige Assoziationsgruppen

Im zweiten Stock des Hinterhauses der Fleetinsel residiert seit vergangenem Herbst Diane Kruse. Nach einigen Jahren Galeriearbeit in der unwirtlichen Verlassenheit eines östlichen Hamburger Industriegebiets hat es sie nun doch in den Schoß der Galeriengemeinschaft im Stadtzentrum gezogen. Trotz der erheblich geringeren Ausstellungsfläche fühlt sie sich schon ganz zuhause und zeigt unter der Überschrift „Eidos“ eine Installation von Janus Hochgesand, Jahrgang 1981, mit dem Titel „Looking for Paris, finding Ikea and Virginie“.

Der Titel verspricht Autobiographisches, aber der Betrachter darf raten und sich seine ganz eigene Geschichte zusammenbasteln. Monumental sind Hochgesands Installationen. Er geizt nicht mit großen Formen und nicht mit kleinen kryptischen Assoziationsgruppen: Hier steht zum Beispiel eine neue Schubkarre wie man sie in einem Geschäft findet, darin ein großer Spiegel, der die Umgebung variabel aufnimmt, und ein Leuchtkasten. Im Hintergrund eine große schrankwandähnliche Holzbox, vorne eine deckenhohe Form, mit schwarzem Kunstleder bezogen.

Im nahezu würfelförmigen Ausstellungsraum nimmt das alles Bezug auf eine gusseiserne Stützsäule in der Mitte. Die Säule, so die Galeristin lächelnd, bleibe hier, damit ihr nicht die Decke auf den Kopf falle! Aber zum wirklich festen Bestandteil der Installation ist jetzt wohl der grün gemusterte Rock der Galeristin geworden. Sie hatte ihn stolz für die Ausstellungseröffnung neu gekauft und drei Tage vorher unachtsam auf der hohen Holzbox abgelegt. Offenbar hatte dieser Rock aber genau die farbige Form, die dem Künstler in seinem Arrangement gefehlt hatte, nachdem er einen zu schnell welkenden Brombeerzweig verworfen hatte. Wer immer die Installation (Preis auf Anfrage, im unteren fünfstelligen Bereich) erwirbt: Die Aufstellung am neuen Ort versteht sich inklusive spontaner kreativer Neuordnung durch Janus Hochgesand.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr