http://www.faz.net/-gqz-6xll0

Galerierundgang Frankfurt : Spiel mit der Grenzerfahrung

  • -Aktualisiert am

In Frankfurter Galerien ist man international ausgerichtet. Die Künstler kommen aus Russland, der Türkei, aus New York und auch aus Leipzig - ein Rundgang.

          Je länger man den Blick auf Ekrem Yalcindags runde „Impressions“ in der Frankfurter Galerie Kai Middendorff aus- hält, auf denen der Künstler einen schmalen Farbkreis um den anderen malt, desto stärker entwickelt sich die Dynamik dieser Bilder. Besonders auf den zwei Meter messenden Werken verbinden sich die Farben wie in einem Sog zu einer spiralförmigen Bewegung, die an die hypnotisierenden Augen von Rudyard Kiplings Tigerpython „Kaa“ erinnert. Im inneren Viertel des Werkes scheint der Farbstrom aber zu stagnieren, doch nur um sich dann wie zu einem Farbkegel aufzubäumen.

          Wie erreicht der türkische Künstler diesen Effekt? Zum einen ist die Farbe nicht glatt aufgetragen, sondern mit Abdrücken vom Miniaturpinsel gestempelt, wodurch sich eine reliefartige Struktur bildet. Zum anderen wiederholen sich bestimmte Farbsequenzen in der ansonsten zufällig gewählten Farbfolge, dominieren damit den bunten Wirbel und lenken ihn in eine Spur. Der Galerist Kai Middendorff beschwört übrigens: Je länger man von den Bildern umgeben sei, desto schwächer werde ihr Sog, weil sich die Farbenkreise im Zuge der Gewöhnung immer deutlicher zu einer Bildfläche formierten. (Die Gemälde mit fünfzig Zentimeter Durchmesser kosten 6000 Euro, die Großformate 35000 Euro.)

          Bei Anita Beckers treffen in Tim Rodas Fotografien in der Ausstellung „The Butcher’s Block“ zwei Blickwinkel auf die eigene Biographie aufeinander: die verschwommene Vorstellung von Zukunft eines Kindes, ein „wenn ich mal groß bin“, auf die Perplexität eines Erwachsenen, der kindlichen Existenz entschlüpft zu sein, wenn doch, wie Hannah Arendt einmal sagte, das Ich nicht altert.

          Mit modellierten langen Kunstbeinen sitzt ein Mann auf einer Werkbank, während ihn ein kleiner Junge anblickt. Der inszenatorische Charakter wird durch die Werkstatt-Kulisse noch verstärkt (3500 Euro). Mit Requisiten wie Messer oder Stricken rufen die schwarzweißen Arbeiten zwar eine morbide Beklemmung hervor, dennoch löst Roda seine Schrecken wieder auf, wenn er, wie auf einer Arbeit, das Kind im Badewannenboot den Kapitän sein lässt und den Erwachsenen bloß den Steuermann (2500 Euro). (Bis 25.Februar.)

          Die Galerie Schwind zeigt Werke von Künstlern aus ihrem Programm, das hauptsächlich aus Vertretern der Leipziger Schule besteht. Neben Arbeiten von Rink, Tübke, Mattheuer oder Triegel hängt ein Gemälde aus Erich Kissings Kentaurenzyklus, das - wie alle Werke Kissings - bisher nur im Museum ausgestellt wurde. Erst vor kurzem konnte sich der Achtundsechzigjährige zum Verkauf seiner Bilder entschließen. Mit feinem Pinsel trug Kissing für „Anja“ 2006 Eitempera Schicht für Schicht auf die einen mal 1,4 Meter große Leinwand. „Anja“, halb Frau, halb Tier, nimmt in seinem mythischen Zyklus eine Sonderstellung ein, denn ihr Unterkörper stammt nicht von einem Pferd, wie sonst bei Kissings Kentauren, sondern von einem Zebra (60.000 Euro).

          Aufrecht wie eine Schutzpatronin posiert sie, während hinter ihr auf einer Wiese wilde Zebras friedlich grasen. Die Realität als Sehnsuchtsort mythologischer Geschöpfe wird auch auf dem Werk „Mittag“ deutlich, das Schwind mit auf die Kunstmesse Art Karlsruhe nehmen wird (100.000 Euro). Drei Kentaurenmädchen am Strand blicken auf dem Bild in einen Spiegel, doch es erscheint ihnen anstelle ihres eigenen Abbilds der menschliche Körper eines Mädchens.

          Bei Parisa Kind stellt Julien Bismuth seinen linguistischen Ansatz zum Deutungskanon von Gegenwartskunst aus. In „Catalog 2.1“ versammelt er Kunstkritiken aus Magazinen, Blogs oder Zeitungen, worin er allerdings die Namen der Autoren, Künstler oder Werke ausgelöscht hat. Der erste Teil des 556 Seiten starken Buches besteht aus Texten zur Biennale in Venedig 2011, der zweite aus allgemeinen Rezensionen aus dem Jahr 2011, und im letzten Teil fügt er Antworten aus Künstlerinterviews aneinander - hiervon gibt es eine vierstündige Vertonung.

          Ohne einen konkreten Bezug, wer sich in den Texten zu Wort meldet und um welches Werk es sich dreht, wird der Leser geradezu überschwemmt von den unzähligen Versuchen, das Kunsterlebnis in Worte zu fassen. Dazu passt gut, dass Bismuths Papierarbeiten alle im maritimen Kontext spielen. Es sind Magazinausschnitte mit Abbildungen von segelnden Dreimastern, Muscheln oder Wasserpflanzen, die Bismuth mit Farbklecksen weiter bearbeitet.

          Als wäre der Ausdruck unendlicher Weite im Themenspektrum „Ozean“ schon genügend konnotiert, kann sich Bismuth in den Collagen dann doch auf nur wenige Worte festlegen, die er mit Schreibmaschine auf die Bilder tippt. Ein „like“ tritt bei Bismuth besonders häufig auf, wodurch sein Twist deutlich wird. Schließlich verwendet man ein „like“ im Amerikanischen - Bismuth lebt in New York - nicht nur als korrelierende Konjunktion, sondern auch als überbrückendes Füllwort, bis einem der nächste Satz einfällt. (Der Katalog kostet 100 Euro, die Tonaufnahme, Auflage5, mit Katalog 4000 Euro, und die Collagen kosten je 1600 Euro.

          Kunst als Denksportaufgabe erwartet einen in der Galerie La Brique in Arbeiten des russischen Konzeptionisten Victor Pivovarov. Denn der Künstler, der aus dem Umkreis Ilya Kabakovs stammt, visualisiert in den Bildern Ideen aus seinem kulturkritischen Briefwechsel mit der Philosophin und Radiojournalistin Olga Serebryanaya. „The shadow of the carrot is the inside of hare’s soul“ (Der Schatten der Karotte ist das Seeleninnere des Feldhasen) schreibt er plakatartig auf ein Gemälde mit einer Karotte, ihrem Schatten, einem umgekehrten Haus und einem kleinen Roboter; und so fängt der Betrachter an zu knobeln: Der Bezug zwischen Karotte und Hase, als das Bedürfnis eines Bedürfenden, ist sinnhaft. Wie verhält es sich also, wenn das, wonach der Mensch im Inneren strebt, immer nur ein Abbild des eigentlichen Bedürfnisses erreichen kann? Wo ist die Karotte geblieben? (Das Gemälde kostet 40000 Euro.)

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Wo jede Minute zählt Video-Seite öffnen

          Zu Besuch im Peugeot-Werk : Wo jede Minute zählt

          Im Peugeot-Werk in Mulhouse läuft vieles automatisch. Regale auf Schienen und Roboter arbeiten Hand in Hand mit den wenigen Menschen, denen man hier begegnet. So sollen die Autos immer schneller fertig werden.

          Topmeldungen

          Sondierung gescheitert : Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab

          Die Verhandlungen von CDU, CSU, FDP und Grünen über ein Jamaika-Bündnis sind gescheitert. Die Liberalen ziehen sich aus den Gesprächen zurück. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagt FDP-Chef Christian Lindner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.