25.02.2008 · Bei Yvon Lambert in New York kullern die Plastikaugen und glänzt der Lack. Neue Skulpturen von Patricia Piccinini lassen Kunststoffe lebendig werden. Ihr Kollege Sven Kroner widmet sich hingegen der Landschaft.
Von Lisa Zeitz, New YorkPatricia Piccinini ist 1965 in Sierra Leone geboren, lebte als Kind in Italien - und gilt derzeit als bedeutendste zeitgenössische Künstlerin Australiens. Bekannt ist sie vor allem für ihre erstaunlich lebensechten Kreaturen, die Züge von Menschen und Tieren tragen. Da gibt es androide Meerkatzenmännchen, nackte Affenfrauen, die Menschenbabys stillen, und schweineartige Mütter mit melancholischen Augen. Es nagen die Hasenzähne, es wedeln die Rattenschwänze, und es runzelt sich viel spärlich behaarte Haut mit Brustwarzen, Bauchnabel und allerlei unappetitlichen Eigentümlichkeiten. Die Viecher würden den Betrachter das blanke Fürchten lehren, wenn sie nur nicht so niedlich wären. Seit Jahren beschäftigt sich Piccinini mit den Möglichkeiten und Monstrositäten genetischer Mutationen und den Experimenten der reproduktiven Medizin.
Die Blicke des Tachometers
Doch nicht nur die Gentechnologie fasziniert und inspiriert sie: Transportmaschinen im Dienst des Menschen, stellt sie sich vor, könnten doch auch ein geheimes Leben führen: lieben, sich vermehren, spielen, wachsen - und was dann? Ihre süßen „Truck Babies“ waren im Jahr 2001 auf der Berlin Biennale zu sehen. Jetzt hat sie unter dem Titel „The Place where it actually happens“ ihre neuesten Motorroller-Variationen bei Yvon Lambert in New York ausgestellt. „Thicker than Water“ aus dem Jahr 2007 ist ein Pärchen herumtollender Vespakinder (Auflage 6; 55.000 Dollar), die perfekt lackiert sind, aber noch nicht auf Rädern, sondern sozusagen auf schwarzen Gummiknospen die Welt erkunden. Ihre Tachometer schauen wie große runde Bambiaugen, und die Handgriffe stehen ab wie freche Hundeohren. Fast meint man, zwei besonders seltene Tiere beim Spiel zu beobachten.
Daneben ist „Nest“ aus dem Jahr 2006 installiert (Auflage 3; 130.000 Dollar). Diese anrührende Mutter-und-Kind-Szene aus Metall, Gummi, Glasfaser, Lack und Leder greift das alte Thema der Kunstgeschichte auf, hat aber trotz aller Anmut wenig Madonnenhaftes. Piccinini charakterisiert das weiße Motorrad als erschöpftes, doch fürsorgliches Muttertier, während das Junge in Rosa vertrauensvoll zur Mutter blickt - das alles ohne Augen, Nase oder Mund. Dass das Kindchenschema auch bei Maschinen funktioniert, mag in der Spielzeugindustrie schon lange bekannt sein; für den Kunstfreund ist es eine neue, befremdliche Erkenntnis. Gleichzeitig stellt Yvon Lambert neue Landschaftsbilder des 1973 in Kempten geborenen Sven Kroner aus. Seine malerischen Täler, die überwucherten Autobahnen und biertrinkenden Ausflügler haben auf den ersten Blick so gar nichts mit den glänzenden Karosserien von Piccinini zu tun: Doch auch vor diesen detailreichen Gemälden schleicht sich beim Betrachter das leise Gefühl ein, er werfe einen verstohlenen Blick in eine postapokalyptische Zukunft.