Es ist bald drei Jahrzehnte her, dass von Deutschland aus auch international die „Neuen Wilden“ Furore machten. Sie setzten ihre heftige Figürlichkeit, durchaus entgleisend in Formen und in knalligen Farben, gegen die Nachkriegs-Abstraktion, gegen Konzeptkunst und Vergeistigung, die sie zornig und übermütig als kopflastig apostrophierten. Sie waren keine geschlossene Gruppe; ihre Namen sind Helmut Middendorf, Bernd Zimmer oder Salomé. Auch Martin Kippenberger zählte im weiteren Sinn dazu, und im aktuellen Gedächtnis (wieder) verankert sind der furiose Rainer Fetting, Werner Büttner oder die Brüder Albert und Markus Oehlen.
Aber bevor diese Aufsässigkeit da war, gab es im malfreudigen Italien seit ein paar Jahren schon die „Transavanguardia“, deren Abgrenzung und zugleich Anschlussfähigkeit schon im Namen anklingt, der dieser ebenfalls ganz heterogenen Bewegung unter jungen Künstlern gegeben wurde. Zu ihren damals auch in Amerika enorm erfolgreichen Protagonisten zählen, neben Mimmo Paladino, die drei „C“: Sandro Chia, Francesco Clemente, Enzo Cucchi. Sie spielten in ihrer eigenen Liga, hatten Spaß an Zitaten und Zoten, Hintersinn und Symbolisierung, nahmen sich, was ihnen passte aus dem Reservoir vom Mittelalter bis zur Moderne. Manches davon ist inzwischen auch auf den großen Haufen geschaufelt, der (bis auf weiteres) einigermaßen verächtlich „Postmoderne“ heißt.
Einer aus der Transavanguardia ist jetzt wieder da - ganz ohne Lärm - in Berlin. In ihren Räumen in dem schönen Gebäudeensemble an der Christinenstraße in Prenzlauer Berg, wo auch Olafur Eliasson sein Atelier hat, zeigt ihn die von Tokio aus global agierende Akira Ikeda Gallery. Es ist Sandro Chia mit 29 hinreißenden Gemälden eines Zyklus, den er „Joy and Sorrow of a Young Painter“ genannt hat. Chia muss sich selbst und der Welt als Künstler nichts mehr beweisen: Das gibt seinen Bildern eine wunderbare Freiheit und unerhörte Leichtigkeit.
Sie sind nicht aus dieser Zeit und auch aus keiner anderen, sondern einfach melodramatische und komische, melancholische und exaltierte, in jedem Fall aber sprühend sinnliche Variationen auf das uralte Thema der schöpferischen Potenz. Es ist natürlich noch unverkennbar Sandro Chias Hand darin, aber alle Bedeutungsschwere ist einer selbstgewissen schwebenden Anmut gewichen. Was Wunder: Der Mann hat sein Castello Romitorio in Montalcino und kultiviert seinen eigenen Brunello.